Vor einem Vierteljahrhundert hat Christoph Ingenhoven den Realisierungswettbewerb für die Durchgangsstation von Stuttgart 21 gewonnen. Gebaut wird immer noch, die Bahn glaubt fest daran, dass der Bahnknoten 2025 in Betrieb geht.
Und noch ein Jubiläum am Hauptbahnhof: Während der Kopfbahnhof nach Plänen von Paul Bonatz vor wenigen Tagen 100 Jahre alt geworden ist, bringt es der Entwurf der Bahnsteighalle, der im Zuge von Stuttgart 21 realisiert wird, auch schon auf ein Vierteljahrhundert. Vor exakt 25 Jahren, am 4. November 1997, kürte ein Preisgericht aus Fachleuten und Vertretern der Stadt, des Landes und der Deutschen Bahn den damals 37-jährigen Architekten Christoph Ingenhoven zum Sieger des Realisierungswettbewerbs.
Einstimmiges Jury-Urteil
An dem hatten sich ursprünglich 126 Büros beteiligt, in der Schlussrunde waren davon noch vier übrig geblieben. „Nach intensiver Diskussion“, so steht es im Protokoll der Preisgerichtssitzung, habe man sich einstimmig für den Ingenhoven-Entwurf entschieden. „Ein großes städtebauliches Zeichen wird in den Stadtgrundriss eingeschrieben, ohne jegliche Monumentalität und ohne den Bonatzbau in irgendwelcher Weise Konkurrenz zu machen“, ließen die Juroren ausrichten.
Erst mehr als zwölf Jahre nach der Entscheidung der Jury wurde mit dem Bau begonnen, und 25 Jahre danach wird immer noch gebaut. Am Freitag hat sich Christoph Ingenhoven ein eigenes Bild vom Fortgang der Arbeiten am Bahnhof gemacht. „Mit Überzeugung kann ich sagen, dass ich dieses Projekt auch heute nicht anders planen würde. Mit dem neuen Tiefbahnhof erhält die Stadt an zentraler Stelle Flächen zurück. Stadtteile, die über 100 Jahre getrennt waren, werden jetzt miteinander verbunden“, sagte Ingenhoven.
Herausforderungen beim Bau
Dass die von ihm ersonnenen sogenannten Kelchstützen, die einmal das Dach der Bahnsteighalle bilden werden, die Bauingenieure vor enorme Herausforderungen gestellt haben, ist dem heute 62-Jährigen durchaus bewusst. „Mit 3-D-Technik und Augmented-Reality-Modellen wird auch andernorts gebaut, aber die Ingenieurtechnik, die hier zum Einsatz kommt, wird in dieser Form nirgendwo sonst auf der Welt verwendet“, so Ingenhoven.
Für die Bahn bleibt die Bauabwicklung gleichwohl eine Herausforderung. Insbesondere das Dach der Bahnsteighalle ist eine knifflige Angelegenheit. Damit wollte man im Sommer 2023 fertig sein, hat nun aber den Termin nach hinten verschoben. Etwas Ähnliches gilt für die komplexen Glas-Stahl-Konstruktionen, die sogenannten Lichtaugen, die einmal Tageslicht in die Bahnsteighalle lenken sollen. Deren Bau hätte nach ursprünglichen Plänen im März beginnen sollen, die revidierten Termine sehen nun einen Baustart im kommenden Jahr vor. Das alles habe aber keine Auswirkungen auf die Inbetriebnahme, versichert die Bahn.
Lange Zeit Baustellen im Umfeld
Sollte der Bahnhof wie von der Bahn prognostiziert Ende 2025 in Betrieb gehen, bedeutet das allerdings kein Ende der Baustellen in diesem Bereich. Die Klett-Passage wird von 2028 an saniert und umgebaut. Die Schillerstraße und der Arnulf-Klett-Platz sollen von 2031 an verkehrsberuhigt sein. Der erste Neubau auf den heutigen Gleisflächen soll frühestens 2033 fertig sein.
Ingenhoven sorgt sich nicht wegen dieser Nachbarschaft und stellt klar: „Nicht der Bahnhof wird dann Baustelle sein, sondern das Umfeld.“ Man müsse radikaler denken und verstehen, dass sich Investitionen wie eine vollständige Untertunnelung der Stuttgarter Innenstadt erst in fünfzig Jahren auszahlen. “
Die Diskussion über Stuttgart 21 im Allgemeinen und den Ingenhoven-Entwurf, dessen große gläserne Lichtaugen Kritiker an Glupschaugen erinnerten, ist nie gänzlich zum Erliegen gekommen. Die zahlreichen Verzögerungen und aus dem Ruder gelaufene Kosten gaben der Debatte immer wieder neue Nahrung. Ingenhoven geht davon aus, dass sich die Wahrnehmung mit Abschluss der Arbeiten ändern wird: „Das Herz der Stadt Stuttgart wird der künftige Hauptbahnhof mit seinen umgebenden Plätzen sein. Der neue Bahnhof wird die Gewichte in der Stadt verändern, es entsteht eine neue Mitte, die die gesamte Umgebung nachhaltig zum Besseren verändern wird.“
Noch ist es nicht so weit. Die Baustelle verlangt den Reisenden große Umwege ab, der gerade 100 Jahre alt gewordene Bonatzbau wirkt ramponiert. Schon 1997 schrieben die Juroren ins Protokoll: „Die Belange der Denkmalpflege müssen noch einmal überarbeitet werden, wobei jedoch eine kreative Weiterentwicklung und Anpassung des Bonatzschen Gebäudes an die neue Bahnhofsituation unumgänglich ist“.
Für das Ende der Durststrecke am Bahnhof prognostiziert Ingenhoven „neue Verbindungen, neue Möglichkeiten, nichts wird bleiben, wie es ist.“.