Stuttgart kann in zwölf Jahren CO2-neutral werden. Aber wie? Foto: IMAGO/YAY Images/IMAGO/claudiodivizia

Stuttgart kann in zwölf Jahren CO2-neutral werden, sagt eine Studie der Unternehmensberatung McKinsey. An dem Papier gibt es allerdings auch Kritik, weil es einen wichtigen Aspekt ausblendet.

Die Kernaussage der McKinsey-Studie besteht darin: Stuttgart kann es schaffen, bereits in zwölf Jahren CO2-neutral zu sein. Eine andere Zukunftsaussicht hätte die Stadt Stuttgart als Auftraggeberin wohl auch kaum gelten lassen. Doch auf die im ersten Augenblick beruhigende Prognose folgt die Frage: Wie? Und hier ist man sich in der Stadt uneins, ob die Stuttgarter mit McKinsey wirklich gut beraten sind.

 

Während die Stabstelle Klimaschutz die Studie vor allem lobt, wird auf den Fluren im Rathaus auch kolportiert, das Papier habe nur wertvolle Zeit vergeudet und keine neuen Erkenntnisse gebracht. Dass beispielsweise die Solarenergie ausgebaut werden müsse, habe man schon gewusst.

Knapp elf Milliarden Euro müssten in Stuttgart investiert werden

Die Unternehmensberater von McKinsey haben berechnet, dass knapp elf Milliarden Euro in Stuttgart investiert werden müssen, um das Neutralitätsziel bis 2035 zu erreichen. Es geht dabei großteils um privates Kapital. Doch selbst wenn das alles glattgehen würde, es wäre nur die halbe Miete. Denn was die Studie ausspart: den Lebensstil der Stuttgarterinnen und Stuttgarter.

Energetisch sind die Einwohner 2035 gemäß der McKinsey-Studie bestenfalls emissionsfrei. Wenn sie sich ein Rindersteak aus Südamerika bestellen, täglich mit dem Auto in die Region pendeln oder dauernd der Paketbote klingelt, spiegelt sich dies nicht in der Statistik der Stadt wider. Diese Emissionen sind deshalb aber nicht weg. Sie hätten massiven Einfluss aufs Klima, sagt Volker Kienzlen, der Geschäftsführer der Klimaschutz- und Energieagentur Baden-Württemberg, eine Beratungsstelle des Landes. Die durch den Lebensstil bedingten Emissionen in Stuttgart auszublenden, „das ist schon mutig“.

Speziell mit Stuttgarter Daten gearbeitet

Die Maßnahmen, die McKinsey vorschlägt, unterscheiden sich laut Kienzlens grober Analyse nicht groß von vergleichbaren Expertisen. Es sind die klassischen Energiewendethemen Strom, Wärme, Verkehr, aber auch Abfallwirtschaft und Landwirtschaft. Ein Alleinstellungsmerkmal erkennt er nicht. Wobei McKinsey natürlich schon speziell mit Stuttgarter Daten gearbeitet hat, beispielsweise aus dem Gebäudebereich. So ist eine Analyse gelungen, wie der Stand der Dinge ist und was folglich zu tun ist. Woran es nach Kienzlens Geschmack aber etwas hapert: an konkreten Umsetzungsideen für Stuttgart.

Ralph Schelle, stellvertretender Bezirksvorsteher in Stuttgart-Mitte, bezweifelt ganz grundsätzlich, dass die Stadt Stuttgart das vom Gemeinderat beschlossene Klimaneutralitätsziel bis 2035 erreichen wird. Er, beruflich im Energiebereich tätig, rechnete nach: „Unter Zugrundelegung eines hierfür standardisierten Berechnungsverfahrens erlangt Stuttgart seine Klimaneutralität erst im Jahr 2095“, sagt er. „Eine solche Zielverfehlung ist auch deswegen möglich, weil derzeit kein weisungsbefugtes Kontrollgremium existiert.“ Darüber hinaus habe es für Verantwortliche keinerlei Folgen, wenn sie solche Gemeinderatsbeschlüsse ignorieren, so Schelle. „Sanktionierungsmaßnahmen sind nicht vorgesehen.“

SPD-Stadtrat nennt die Studie einen Schatz

Michael Jantzer, ein Stuttgarter Stadtrat der SPD, ist derweil froh über die Studie. „Ich halte es für einen Schatz, die 13 Steckbriefe zu haben“, sagt er. Darin habe McKinsey übersichtlich zusammengefasst, was in welchen Bereichen ansteht. Sei es beim Ökostromausbau in und außerhalb von Stuttgart, sei es ein Fernwärmenetz, sei es die Elektrifizierung des Verkehrs, aber auch der Umstieg auf den ÖPNV. Als Stadtrat halte man damit etwas in der Hand, könne sich der Verwaltung gegenüber darauf berufen, sagt Jantzer. Er persönlich hat sich den Steckbrief Nummer zwei herausgepickt: Den Ausbau der Solarenergie in der Landeshauptstadt – hier will er nun richtig „drücken“.

Im Interview mit unserer Zeitung sagte der Stuttgarter McKinsey-Chef Daniel Rexhausen, sie seien die führende Unternehmensberatung in Sachen Nachhaltigkeit. Man habe in den vergangenen drei Jahren mehr als 1700 Projekte in diesem Bereich gemacht.

Beratungsbedarf zur grünen Transformation immens gewachsen

Was festzustellen sei, sagt Manuel Reppmann vom Lehrstuhl Sustainable Business an der Universität Mannheim, dass der Beratungsbedarf zur grünen Transformation immens gewachsen sei, besonders in den vergangenen ein, zwei Jahren. „Vor allem getrieben durch neue Regulatorik, beispielsweise auf europäischer Ebene“, sagt er. Diese Welle erfasse zunehmend auch den Mittelstand. Das heißt, die Nachfrage werde weiter steigen, sagt Reppmann.

Da es sich sowohl in Unternehmen als auch bei Kommunen um Transformationsprozesse handele, seien Strategieberater wie die von McKinsey oder Boston Consulting oder EY gefragter denn je. Sie hätten sich längst dem Trend angepasst. Was Unternehmen brauchen, sei oft eine „Twin Transformation“, also eine Zwillingstransformation aus Digitalisierung und Nachhaltigkeit. „Unternehmensberatungen ziehen viele smarte Leute an“, sagt er. „Sie können erforderliches Wissen für diese Herausforderung gut bündeln und weitergeben.“

Was der Stuttgarter Klimafahrplan bedeutet

Klimaziel
Das Klimaziel der Stadt Stuttgart ist ambitioniert. Bis 2035 will die Landeshauptstadt ihre Emissionen um 95 Prozent im Vergleich zu 1990 reduzieren. Im Sommer 2022 haben die Stadträte von Stuttgart das Klimaziel von 2050 um 15 Jahre vorgezogen.

Maßnahmen
Laut der McKinsey-Studie müssen bis 2035 elf Milliarden Euro investiert werden. Die Bereiche, die angesprochen werden, sind Strom, Wärme, Verkehr, Abfallwirtschaft sowie Landwirtschaft. Die Wärme macht den Großteil aus: Von den elf Milliarden Euro entfallen 6,7 Milliarden Euro auf die Sanierungen von Gebäuden, davon wiederum betreffen 5,9 Milliarden Euro privates Geld. Ansonsten finden sich unter den 13 Maßnahmen beispielsweise die Elektrifizierung, aber auch Verlagerung von Verkehr, ein Fernwärmenetz sowie der Ausbau von Ökostromerzeugung. (ana)