Leonie Fischer auf einem Spielplatz beim Hoppenlaufriedhof Foto: LICHTGUT/Max Kovalenko

Für eine Studie wurden 28 Spielplätze im Stuttgarter Talkessel untersucht – mit erstaunlichem Ergebnis: Die Artenvielfalt der Pflanzen hängt mit dem Wohlbefinden der Kinder zusammen.

Gibt es Schaukeln? Eine Rutschbahn? Ein Klettergerüst? All das ist erst einmal zweitrangig für Leonie Fischer, wenn sie ihren Blick über einen Spielplatz schweifen lässt. Stattdessen richtet sie ihre Augen auf die Hainbuche, auf die Moosschicht unten am Baum und auf die Rinde der Birke. Sind Astlöcher darin, in denen Vögel nisten können? Nur ein paar Meter entfernt tollt ein orangefarbenes Eichhörnchen auf der Mauer zum angrenzenden Friedhof herum. Fischer lächelt.

 

Leonie Fischer ist Professorin an der Universität Stuttgart und leitet das Institut für Landschaftsplanung und Ökologie. Jüngst hat sie zusammen mit Solène Guenat eine interdisziplinäre Studie veröffentlicht, welche das Zusammenspiel zwischen der Flora auf 28 Spielplätzen im Stuttgarter Talkessel, dem Wohlbefinden und der Naturverbundenheit von Kindergartenkindern beleuchtet.

Der Begriff Wohlbefinden umfasst dabei laut Robert-Koch-Institut „mehr als nur das Fehlen von gesundheitlichen Problemen und Krankheit, sondern beschreibt einen Zustand, in dem sich Personen körperlich, psychisch und sozial wohl und gesund fühlen.“

Die Untersuchung in Stuttgart über alle Jahreszeiten hinweg ergab: Je mehr verschiedene Pflanzenarten auf einem Spielplatz wachsen, desto besser geht es den Kindern, die dort spielen. Insbesondere die Baumvielfalt hat Auswirkungen auf das seelische und körperliche Wohlbefinden der Vorschulkinder.

Woran das liegen könnte, kann sich Leonie Fischer gut vorstellen. „Eine größere Bandbreite bedeutet auch unterschiedliche Wirkungswege, das heißt, verschiedene Sinne werden angesprochen“, sagt sie. Je mehr Arten, desto mehr Gerüche, desto mehr zum Anfassen – etwa Stöcke, Blätter, Kastanien oder Walnüsse. Ein weiteres Ergebnis: Ein höheres Maß an Naturverbundenheit ist ebenfalls mit einem gesteigerten Wohlbefinden der Kinder verbunden.

Am Pragfriedhof: Spielplatz mit großer Artenvielfalt Foto: Solène Guenat/Leonie K. Fischer
Relenberg: Spielplatz mit wenig Artenvielfalt Foto: Solène Guenat/Leonie K. Fischer

Das Potenzial der Studie liegt auf der Hand: Das Wohlbefinden von Kindern könnte sich durch relativ einfache Maßnahmen steigern lassen, etwa durch den Einsatz vielfältiger Pflanzen auf Spielplätzen. „Vor allem viele Bäume, eine Vielzahl an Gehölzen“, sagt Fischer. Bereiche auf Spielplätzen, in denen die Natur wild wuchern darf, sind demnach ebenfalls sinnvoll – und entstehen bereits, wenn man das Mähen reduziert.

Zudem ist laut Fischer die Pflege von Vorhandenem wichtig. „Ältere Bäume haben einen höheren Wert für die Artenvielfalt“, erklärt die Forscherin – und verweist auf einen willkommenen Nebeneffekt: Bäume sorgen für schattige Plätze und mildern damit heiße Sommer infolge des Klimawandels.

Generell erachtet es Leonie Fischer für sinnvoll, sich um die Naturverbundenheit der Menschen zu bemühen. Denn wer die Natur schätzt, geht achtsamer mit ihr um. Andere Studien hätten aber gezeigt, dass immer weniger Menschen Kontakt zur Natur hätten, gerade in Städten – das findet die Stuttgarter Forscherin besorgniserregend.

28 Spielplätze hat sich das Team in allen zentralen Stadtbezirken Stuttgarts angesehen. Dabei erfassten sie die Vegetation. Wie viele Pflanzenarten dort vorkommen, überraschte Leonie Fischer und Solène Guenat: Sie entdeckten weit mehr als 200, darunter häufige Arten wie Efeu, Hartriegel, Löwenzahn, Sternmiere oder Veilchen, aber auch seltenere Pflanzen wie eine Orchidee, die zu den geschützten Arten gehört.

Zudem dokumentierte das Forschungsteam unter anderem, wie die Umgebung der Spielplätze aussieht, ob sie naturnah sind oder nicht und wo sich die Kinder auf ihnen bewegen. Das Team verteilte mehr als 1000 Fragebögen in elf Sprachen an Menschen, die sich mit Vorschulkindern auf den Spielplätzen aufhielten – mehr als 500 Fragebögen wurden ausgewertet.