Ende dieser Woche soll bei einem Spitzentreffen der Stuttgart-21-Partner Klarheit darüber geschaffen werden, wann welche Teile des Projekts tatsächlich in Betrieb gehen.
Am Freitag tritt der Lenkungskreis von Stuttgart 21 zu einer Sondersitzung zusammen. Dabei wollen sich die Projektpartner auf ein Konzept zur Inbetriebnahme von S 21 im Dezember 2026 einigen. Um das hat in den vergangenen Woche eine Arbeitsgruppe aus Experten von Bahn, Land, Stadt und Region gerungen. Deren Aufgabe: eine Strategie entwickeln, wie Teile von S 21 im Dezember 2026 eröffnet werden können, ohne dass in der Zeit bis dahin die Interessen der Fahrgäste im Großraum Stuttgart vollkommen unter die Räder kommen, weil die Baustellen an den Gleise das Reisen mit der Bahn zur Lotterie werden lassen. Welche Szenarien sind denkbar?
Komplette Inbetriebnahme
Eine Gesamtinbetriebnahme bei gleichzeitiger Aufgabe des Kopfbahnhofs ist nicht denkbar. Insbesondere der Anschluss der neuen Stuttgart-21-Strecken an den Bestand in Bad Cannstatt gilt als Herausforderung. Die Umsetzung benötigt viel Zeit und würde den Bahnverkehr zwischen Bad Cannstatt und dem Hauptbahnhof stark beeinträchtigen, wenn es keine Alternativen gibt, die sich erst aus einer Teilinbetriebnahme von Stuttgart 21 ergeben. Züge können dann Bad Cannstatt umfahren und schaffen damit dort die nötigen Freiräume für Umbauarbeiten. Prognose für eine komplette Inbetriebnahme: sehr unwahrscheinlich.
Verschiebung des Termins
Eine Verschiebung der Eröffnung des Tiefbahnhofs und ein Verzicht auf eine Teilinbetriebnahme im Dezember ist nicht zu erwarten. Fertiggestellte, milliardenteure Infrastruktur bliebe andernfalls ungenutzt, kürzere Fahrzeiten zwischen der Innenstadt und dem Flughafen oder zwischen Stuttgart und Ulm ließen weiter auf sich warten. Zudem benötigen die Eisenbahnunternehmen, die den Verkehr durch den Bahnknoten betreiben, lange Vorlaufzeiten um ihre Fahrpläne zu gestalten. Ihre Arbeit basiert auf der Annahme, dass Stuttgart 21 Ende 2026 in Betrieb geht. Prognose: für eine Verschiebung des Eröffnungstermins: unwahrscheinlich.
Teilinbetriebnahme mit vorübergehendem Parallelbetrieb
Die Option, im Dezember 2026 den Durchgangsbahnhof zu eröffnen und in ihm das Gros der Verkehre abzuwickeln, während ein Rest der Züge vorübergehend noch den Kopfbahnhof nutzt, scheint am Wahrscheinlichsten. Wegen der komplexen Umbausituation in Bad Cannstatt sind Züge, die von dort zum Hauptbahnhof fahren, am ehesten jene, die auch nach Ende 2026 noch im Kopfbahnhof halten. Weil die Gleise in Bad Cannstatt durch eine Teilinbetriebnahme von Stuttgart 21 entlastet würden, könnten die aufwendigen Umbauarbeiten am Bahnhof des Stadtbezirks so organisiert werden, dass der verbleibende Bahnverkehr noch leidlich aufrecht erhalten werden könnte. Prognose für eine solche Teilinbetriebnahme: sehr wahrscheinlich.
Welche Fragen sind noch zu klären?
Spannend bleibt es hinsichtlich der S-Bahn und der Gäubahn. Die S-Bahn bekommt im Zug von Stuttgart 21 am Rande des Nordbahnhofviertels die neue Haltestelle Mittnachtstraße, die von allen Linien bedient wird. Für die Inbetriebnahme der neuen S-Bahnstrecke stehen im Bereich Nordbahnhof und Bad Cannstatt umfangreiche Arbeiten an. Es bleibt abzuwarten, ob die noch vor der Eröffnung von Stuttgart 21 erledigt werden. Laut Planung sollte die neue S-Bahnführung als einer der ersten Bestandteile des Projekts im Herbst 2026 eröffnet werden. Eng mit dieser Frage verknüpft ist das Schicksal der Gäubahn, deren Strecke wegen der Arbeiten an der S-Bahn zwischen Haupt- und Nordbahnhof unterbrochen werden soll. Fahrgäste müssen dann an in Stuttgart-Vaihingen auf S- und Stadtbahnen umsteigen, um Ziele in der Stadt oder auch den Hauptbahnhof zur Weiterfahrt zu erreichen. Gegen diese Pläne regt sich entlang der Strecke entschiedener Widerstand, verschiedene Klagen von Umweltorganisationen sind anhängig. An alldem entscheidet sich auch die Frage, wie lange der oberirdische Kopfbahnhof über Dezember 2026 hinaus in Betrieb bleibt.
Wann herrscht Klarheit?
Über die Ergebnisse ihrer Beratungen wollen die Stuttgart-21-Projektpartner am Freitag bei einer Pressekonferenz um 17 Uhr berichten. Abzuwarten bleibt, wie konkret die Aussagen sein werden, oder ob die Hängepartie in die Verlängerung geht.