Im April hat die Archäologin Sarah Roth ihren historischen Pferde-Fund in Bad Cannstatt erstmals öffentlich gezeigt. Jetzt ist klar: Er ist noch bedeutender als anfangs gedacht.
Während heute das Pferd aus dem Alltag verschwunden ist, war das zur Zeit der Römer im zweiten Jahrhundert nach Christus ganz anders. Auch in Cannstatt. Im Norden von Stuttgarts größtem Stadtbezirk, im Stadtteil Hallschlag, wurde auf einer Baustelle in der Düsseldorfer Straße vor ein paar Monaten ein römischer Pferdefriedhof entdeckt, der als Sensationsfund bezeichnet werden kann. Das sagt jetzt die Archäologin Sarah Roth.
Denn derzeit ist kein größerer römischer Pferdefriedhof in Deutschland bekannt als der nun entdeckte in Bad Cannstatt, bei dem 109 Pferdeskelette freigelegt wurden. Die 38-jährige studierte Archäologin ist spezialisiert auf römische Ausgrabungen und verantwortlich für Maßnahmen in Nordbaden und Teile des Regierungsbezirks Stuttgart. Dort, wo die SWSG nun 312 neue Wohneinheiten baut, fand bis zum Frühjahr die Grabung statt.
„Das Pferd war damals das schnellste Transportmittel, bis das Auto im 20. Jahrhundert populär wurde“, erklärte sie in einem Vortrag auf Einladung des Vereins Pro Alt-Cannstatt im neuen Bezirksrathaus in Bad Cannstatt, bei dem sie zahlreichen Bürgern erste Untersuchungsergebnisse vorstellte.
Etwa ab 100 nach Christus gab es eine Reitereinheit in Cannstatt
Pferde waren in römischer Zeit sehr wichtig: Mit ihnen wurden Waren, Menschen und Botschaften transportiert. Und Cannstatt spielte eine bedeutende Rolle ab cirka 100 nach Christus. Hier gab es eine stationierte Reitereinheit, eine sogenannte „ala quingenaria“, das bedeutet: Hier lebten 500 Reiter und Pferde in 16 Untereinheiten, bis die Truppe rund 50 Jahre später nach Welzheim verlegt wurde. Heute sind derart viele Pferde an einem Ort sehr selten. „Nur das Landesgestüt Marbach hält heute noch so viele Pferde“, so Roth.
Auf dem Hallschlag war die Reitereinheit damals dort untergebracht, wo heute die Dragonerkaserne aus dem frühen 20. Jahrhundert steht. Durch deren Bau wurde das römische Kastell weitestgehend zerstört. Über seine Innenbebauung ist wenig bekannt. Verkehrstechnisch lag Cannstatt mittig zwischen den Provinzhauptstädten Augsburg und Mainz, die jeweils Tagesritte entfernt waren. So konnten über Heidenheim, Cannstatt und Ladenburg innerhalb von vier Tagen Nachrichten versandt werden, so Roth.
Ähnliches römisches Kastell in Heidenheim
Ein ähnliches römisches Kastell habe es in Heidenheim gegeben, wo es Anfang der 2000er Jahre Ausgrabungen von Markus Scholz gegeben habe. So ähnlich wie dort könne es auch im Cannstatter Kastell ausgesehen haben mit Stallräumen von etwa 18,19 Quadratmetern Größe, in denen drei bis vier Pferde stehend nebeneinander angebunden untergebracht waren.
Erste sechs Pferdeskelette 1927 gefunden
In Bad Cannstatt seien schon 1927 bei einer Grabung im Hallschlag sechs Pferdeskelette gefunden worden und römerzeitlicher Schutt sowie 1932 zwölf weitere Pferdeskelette und zwei menschliche Skelette. Deshalb waren die Archäologen jetzt wieder aufmerksam, als sie den Bereich untersuchten. Gefunden wurden nun in dem Untersuchungsbereich von zirka 3500 Quadratmetern 109 Pferdeskelette, die jetzt näher untersucht werden. Sie lagen im braunen Löß-Lehm. Roth befürchtet, dass auch einige Pferdeskelette verloren gegangen sind durch eine Terrassierung des Geländes in den 1920er Jahren. Sie rechnet mit einer „hohen Dunkelziffer“. Die ersten Pferde wurden bereits archäozoologisch untersucht.
Die meisten Pferde seien auf der Seite gelegen, in ursprünglich wohl 1,50 bis zwei Meter tiefen Gruben, die Teils bis auf den Travertin reichten. Sie hätten unterschiedliche Haltungen, entweder seien die Beine angewinkelt oder unnatürlich durchgestreckt, wie wenn sie gefesselt gewesen seien. Roth erklärt dies damit, dass beim Transport der bis zu 300 Kilogramm schweren Kadaver dies eine Möglichkeit gewesen sei, um sie auf den Pferdefriedhof zu ziehen. Sie vermutet, dass über jedem Pferd ein Hügel aus Aushubmaterial gewesen sein könnte, denn die Tiere seien zumeist einzeln begraben worden. Ein Pferd hatte drei Beigaben, zwei Henkelkrüge und eine Öllampe in der Armbeuge – Objekte, wie man sie in dieser Zeit Menschen in das Grab mitgegeben hat. „Das ist eine richtige Bestattung wie von einem Familienmitglied oder Freund gewesen“, so Roth. Das sei extrem außergewöhnlich.
Auch menschliches Skelett entdeckt
Auch sei ein vermutlich römisches menschliches Skelett gefunden worden, das nun anthropologisch untersucht wird. Es handele sich um einen erwachsenen Mann. Er habe am Kopf eine unnatürliche Haltung gehabt und sei in Bauchlage gefunden worden. Es gebe Anzeichen für eine Enthauptung, so Roth, Schnittspuren in den Halswirbeln. Auf Nachfrage eines Zuhörers erklärte sie, es sei nicht auszuschließen, dass er unehrenhaft beerdigt worden sei.
Fast alle entdeckten Pferde waren männlich
Die archäozoologischen Untersuchungen bei den Pferdeskeletten beträfen die Art, das Geschlecht, das Sterbealter, die Widerristhöhe, die Wuchsform und den Gesundheitszustand. Angesichts der Menge der gefundenen Tiere könnten dann auch statistisch belastbare Aussagen getroffen werden. 22 Pferde seien bereits stichprobenartig untersucht, überwiegend handelt es sich um Pferde und keine Maultiere. Sie seien fast alle männlich, was auch an den Hengstzähnen zu sehen sei. Sie seien im Erwachsenenalter gestorben, nur wenige junge Tiere. „Es gab bislang keinen Nachweis für keine Pferdezucht in römischer Zeit in Cannstatt“, sagt Roth. Die gefundenen Tiere seien etwa so groß gewesen wie Island- oder Camarque-Pferde. Sie seien gut versorgt gewesen. Einige Tiere hätten Veränderungen an Knochen und Gelenken und der Wirbelsäule. „Sie haben hart gearbeitet, das hat sich an den Knochen abgebildet.“
Die römischen Pferde gehörten dem Staat
Wünschen würde sie sich auch noch genetische Untersuchungen, die die Verwandtschaft zeigten. Auch seien ein paar weitere Funde gemacht worden wie Beschläge, Riemenverteiler, Metallanhänger. Die Pferde hätten dem Staat gehört, die Reiter hätten sie gegen eine Kaution von 125 Denar erhalten. Wo die Pferde herkamen, sei unklar. „Das können wir nicht sagen.“ Ob es Reit- oder Lasttiere gegeben habe, würden die Archäozoologen untersuchen. Klar sei, die Römer hätten fast kein Pferdefleisch gegessen. „Sie hatten Respekt gegenüber dem Tier“, so Roth.
Wunsch nach Informationstafel am Ort des Sensationsfunds
Freigelegt hatte die Firma ArchäoBW die Funde im Auftrag des Bauherrn, der SWSG. Die Knochen wurden freigelegt, fotografiert und eingemessen und sind im Osteologischen Archiv in Rastatt. Zuhörer äußerten den Wunsch, dass am Ausgrabungsort eine Hinweistafel über den Sensationsfund errichtet wird. Bezirksvorsteher Bernd-Marcel Löffler erklärte, dass er beim Bauherrn nachfragen will. Weitere Informationen werde es im Jahrbuch über Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg geben, welches Mitte kommenden Jahres erscheine, so Roth.