In der Nacht zum Mittwoch stürzen Steinbrocken vom Bonatz-Bau auf die Straße. Verletzt wird niemand. Die Fehlersuche der Bahn und des Projekts Stuttgart–Ulm/Stuttgart 21 läuft auf Hochtouren.
Stuttgart - Glück im Unglück ist eine stark überstrapazierte Phrase. Doch im Falle der herabgefallenen Steinbrocken aus der Fassade des Hauptbahnhofs ist sie angebracht: Um 3.30 Uhr in der Nacht fielen die Muschelkalkquader vom Bonatz-Bau herab. Dorthin, wo tagsüber Taxis auf Kunden warten und Passanten gehen, direkt neben dem Abgang zur Klett-Passage. Beobachter fühlten sich an den Berliner Hauptbahnhof erinnert, bei dem kurz nach Eröffnung Teile der Fassade abstürzten.
Ein paar Passanten waren in der Nacht dann doch in der Nähe des Bahnhofs unterwegs und verständigten die Polizei. „Wir sind zusammen mit der Landespolizei und der Feuerwehr ausgerückt“, sagt der Pressesprecher Denis Sobek von der Bundespolizei. Die Zeugen hatten neben den herabfallenden Steinen auch Rauch gemeldet und ein Feuer befürchtet. Das bewahrheitete sich nicht. Der vermeintliche Rauch war Staub, der beim Herausbrechen und Herabfallen des Muschelkalks aufwirbelte.
Auch am Vormittag fallen noch kleine Steine
Das Gebäude war offenbar Stunden später noch nicht zur Ruhe gekommen. Das Fenster, um das herum das Loch klafft, hängt leicht verschoben in der Fassade. Gegen 10 Uhr war zu sehen, wie sich im etwa drei Meter großen Loch Steine lösten und ins Innere fielen, wieder staubte es. Erste Meinungen zur Ursache hörte man hier auch: „Das kommt davon, wenn man so ein historisches Gebäude völlig aushöhlt“, sagt ein älterer Herr zu einer Gruppe, die mit Handys die Spuren der Nacht fotografiert – das Loch in der Höhe und die Steinbrocken auf dem Asphalt. Er meinte die Entkernung des historischen Bonatz-Baus, die im Zuge des Umbaus für das Bahnprojekt Stuttgart 21 aktuell läuft.
Im betroffenen Gebäudeteil laufen aktuell keine Arbeiten
„Wir können noch nichts über die Ursachen sagen“, sagt eine Sprecherin des Bahnprojekts. Statiker und Bauexperten müssten die Schadensstelle erst begutachten, bevor man eine Aussage dazu treffen könne. In dem Bereich direkt hinter der Front zur Schillerstraße hin seien aktuell keine Bauarbeiten gelaufen, fügt sie hinzu. Aber es seien in dem Bereich – wie überall im Bahnhof – auch schon Arbeiten gelaufen. Ein Stützgerüst, von dem ein Druck auf die Wand hätte ausgehen können, sei in diesem Gebäudeteil nicht vorhanden, sondern nur in der großen Schalterhalle und in der Wandelhalle. Der Abbruch der alten Strukturen – das Entkernen – geschehe zurzeit in der ehemaligen Wandelhalle. Das ist die große Halle im oberen Bereich des Stuttgarter Kopfbahnhofs, von der man früher direkt zu den Gleisen gelangte. Nur ein kleiner Teil dieser Halle ist noch passierbar, der Rest ist wegen der Arbeiten abgesperrt.
Der Bonatz-Bau bleibt vorerst gesperrt
Doch seit dem Zwischenfall in der Nacht zum Dienstag kommt man auch in den noch freien Teil der Halle nicht mehr, der ganze Bau ist gesperrt, die Arbeiten in der Wandelhalle eingestellt. „Wir haben gleich geräumt, als wir an der Unfallstelle waren“, sagt der Sprecher der Bundespolizei. Wie viele Menschen im Gebäude gewesen seien, ist nicht bekannt. Viele können es nicht gewesen sein, meint Sobek. Es war mitten in der Nacht, und es sind ja keine Geschäfte oder Lokale mehr im Bahnhof. Es sei dann gleich beschlossen worden, das Gebäude bis auf Weiteres zu sperren – bis sicher sei, dass keine Gefahr mehr bestehe. Die Bauarbeiten am Tiefbahnhof könnten ungestört weitergehen, so die Sprecherin der Bahn.
Stuttgart-21-Gegner fordern Stopp der Arbeiten am Bonatz-Bau
Dass ein Teil des Gebäudes betroffen ist, in dem aktuell nicht gearbeitet werde, ist für Martin Poguntke, der für das Aktionsbündnis gegen S 21 spricht, keine gute Nachricht: „Wenn hier an einer Stelle Schäden aufgetreten sind, an der derzeit gar nicht gearbeitet wird, ist zu befürchten, dass auch an anderen Stellen – jetzt noch unerkannte – Schäden auftreten werden.“ Das Bündnis fordert daher einen Baustopp rund um den Bonatz-Bau. Bei der Ursachensuche ist auch ein Kenner der Materie aus dem Kreis der Projektgegner noch nicht weit gekommen. „Wenn auf dem Dach mit einem Presslufthammer gearbeitet wurde, können Erschütterungen den Mörtel schon lösen“, sagt Norbert Bongartz, der ehemalige Oberkonservator im Landesdenkmalamt und S-21-Kritiker. Er hoffe, dass die Verantwortlichen der Bahn bald klare Antworten zur Ursache geben.
Sehr klar seien die Auskünfte der Bahnmitarbeiter an die Pendler am Morgen gewesen, meint der Stuttgarter Christian Watzke. „Sie haben den Weg gut erklärt.“ Dennoch seien auch Fahrgäste wütend geworden. Viele hätten ihre Verbindung aber nur im Laufschritt erreicht, da die Zugänge sehr weit entfernt seien. Ein Leser unserer Zeitung beklagt, dass das Verlassen des Bahnhofs im Bereich der LBBW über einen schmalen Metallsteg mühsam gewesen sei. Es hätten sich große Menschentrauben gebildet.