Die Deutschland-Tochter des Rüstungskonzerns Thales will eine Daten-Cloud aufbauen, die von US-Tech-Konzernen unabhängig ist – obwohl Google mit von der Partie ist.
Thales ist eher bekannt für seine Produkte in der Verteidigungsindustrie wie Radare oder Nachtsichtgeräte, allerdings ist auch die Cybersicherheit ein Tätigkeitsbereich des französischen Rüstungskonzerns. Seine Verschlüsselungstechnik etwa schützt täglich rund eine Milliarde Finanztransaktionen weltweit. Das nächste große Ding der rund 2300 Beschäftigten der Deutschland-Tochter soll nun eine europäische Cloud werden, deren Daten vor Zugriffen von außerhalb Europas geschützt ist. Das kündigte CEO Christoph Ruffner am Mittwoch in Ditzingen an.
Der neuen 100-prozentigen Deutschland-Tochter soll ausgerechnet eine strategische Partnerschaft mit Google Cloud auf die Beine helfen. „Deutschland ist ein Schlüsselmarkt für souveräne Technologien, und diese Partnerschaft ist eine direkte Antwort auf die Nachfrage deutscher Unternehmen und öffentlicher Stellen nach der Leistungsfähigkeit der Google-Cloud-Technologie unter voller deutscher Kontrolle“, sagt Ruffner – und freut sich über den „wahnsinnig starken Partner an unserer Seite“.
Rüstungskonzern baut auf Erfahrungen aus der Cloud in Frankreich auf
Ruffner betont, dass die neue Gesellschaft „juristisch und operativ vollkommen unabhängig“ von Google Cloud sein werde, mit eigenen Rechenzentren in Deutschland aufgebaut und betrieben werde. Niemand von außerhalb Europas soll Zugang zu den Daten erhalten. Thales schöpft dabei bereits aus Erfahrungen der französischen Premi3NS-Cloud, an der auch Google Cloud beteiligt ist. Die neue Cloud soll die hohen Sicherheitsstandards des öffentlichen Sektors erfüllen.
Marianne Janik und Wieland Holfelder erläuterten bei einem Pressegespräch per Teams mit Ruffner, wie sie die Unabhängigkeit schaffen wollen. „Wir bei Google Cloud in München haben seit sieben Jahren an einer Struktur gebaut, die von der großen Google-Cloud unabhängig ist“, sagte Holfelder, mehrere Tausend Jahresarbeitsstunden habe der Tech-Konzern investiert, Teil der angekündigten Milliardeninvestitionen in Europa.
Updates von Google lässt Thales erst nach Prüfung durch
Vereinfacht gesagt errichtet Google die gesamte Infrastruktur mit Rechenzentren und übergibt sie dann an Thales, das mit seiner eigenen Verschlüsselungstechnologie und eigenen IP-Adressen die erhofften Kunden aus Behörden und Unternehmen versorge. „Das ist, wie wenn Sie die Schlüssel zu ihrem neuen Haus entgegennehmen“, sagte Christoph Ruffner, „da lassen Sie dann auch nur noch rein, wen Sie wollen“. Regelmäßige Software-Updates würden durch die einzige verbleibende Schnittstelle eingespielt – aber erst nach Prüfung des Daten-Inhalts durch Thales.
Würde Google etwa von der US-Regierung gezwungen, die Zusammenarbeit zu beenden, könnte die Thales-Cloud ein Jahr weiter betrieben werden. Danach müsste sie entweder auf eigenen Beinen stehen, oder die Kunden ziehen mit ihren Daten um. Oder bei Google geht es weiter. Aktuell gibt es sie bereits in kleinerem Rahmen mit drei Rechenzentren im Raum Berlin, wo sie bereits von Kunden getestet wird. Bis Ende 2026 voraussichtlich soll sie deutschlandweit verfügbar sein – und laut Marianne Janik letztlich mit der französischen Schwester ein Angebot für ganz Europa bilden.
Auch die Schwarz-Gruppe betreibt eine eigenständige Cloud
In Deutschland gibt es immer mehr Unternehmen, die an einer europäischen Datensouveränität bauen. Die Schwarz-Gruppe in Neckarsulm (Lidl, Kaufland) investiert unter dem Titel Stackit Milliarden in Rechenzentren in Deutschland und Österreich. Auch Ionos aus Montabaur in Rheinland-Pfalz betreibt eine Daten-Cloud, ebenso wie die Telekom-Tochter T-Systems oder SAP.
Die Musik spielte beim Daten-Thema allerdings woanders. So verfügen die USA 2024 nach Angaben des Branchenverbands Bitkom schon über zehnmal so viele Rechenzentrumskapazitäten wie sie in Deutschland bis 2030 überhaupt geplant sind. Bis 2030 soll sich die Anschlussleistung der US-Rechenzentren auf 95 Gigawatt fast verdoppeln. Die Kapazitäten Chinas schätzt Bitkom bis 2030 auf 64 Gigawatt. Europa insgesamt liege mit einer Leistung von 28 Gigawatt bis 2030 nur abgeschlagen auf dem dritten Rang. In die Lücke stößt nun auch Thales vor.
Was Thales in Deutschland macht
Das Unternehmen
Thales Deutschland hat hierzulande neun Standorte und rund 600 Millionen Euro Umsatz (2024). Eines der Vorgängerunternehmen war der Technologiekonzern Standard Elektrik Lorenz (SEL), der unter anderem für seine Expertise in der Eisenbahn- und Verteidigungstechnik bekannt war. Thales ist im militärischen Bereich (Sensoren, Funkgeräte, Radare und Optronik), aber auch im zivilen Bereich (Avionik und Cybersicherheit) tätig. Die Sparte Ground Transportation Systems (GTS), die wesentliche Teile für den digitalen Bahnknoten von Stuttgart 21 lieferte, hat Thales 2024 an Hitachi verkauft. Thales Deutschland gehört zum französischen Thales-Konzern, der weltweit rund 83.000 Beschäftigte und über 20 Milliarden Euro Umsatz hat.
Der Standort
Am Stammsitz von Thales Deutschland in Ditzingen arbeiten rund 850 Beschäftigte. Neben der Entwicklung und Fertigung von Radaren, Nachtsichtbrillen, Wärmebild- und Funkgeräten (Verteidigungsgeschäft) geht es am Standort auch um Avionik (Luft- und Raumfahrt) sowie Cybersicherheit. Für die Bundeswehr generiert Thales die Kryptoschlüssel, also Verschlüsselungscodes für den Schutz militärischer Kommunikation und IT-Systeme. Wichtige Kunden sind auch Banken. In Ditzingen werden 2025 rund sieben Millionen Debit- und Kreditkarten hergestellt.