Der friedliche und von zahlreichen Fangruppen aus ganz Deutschland unterstützte Protest von Leipzig soll nur der Anfang gewesen sein. Foto: IMAGO/Björn Reinhardt

Der Protest deutscher Fanszenen erregte letztes Wochenende bundesweit Aufmerksamkeit. Doch dabei soll es nicht bleiben. So geht es nun weiter, auch beim VfB Stuttgart.

Wohl kaum einem Fußballinteressierten sind die Botschaften und Bilder des vergangenen Wochenendes verborgen geblieben. Ob es am Ende 8000 (Polizeischätzung) oder 20 000 (Schätzung der Veranstalter) Fußballfans waren, die dem Aufruf gefolgt waren, um sich in Leipzig zu versammeln, war am Ende gar nicht so wichtig. „Die Bilder waren besonders deshalb so eindrücklich, weil in kurzer Zeit Rivalitäten überwunden und ein friedlicher Protest auf die Beine gestellt wurde. Es hat gezeigt, wie viele Menschen das Thema bewegt, und leider auch, wie viele von ihnen sich von der Politik nicht gehört fühlen“, sagt Katrin Steinhülb-Joos, SPD-Landtagsabgeordnete in Baden-Württemberg.

 

Nebeneinander marschierten Anhänger von Clubs, die sich im Alltag spinnefeind sind. Weil ihnen Botschaften wichtiger sind als Rivalitäten. „Wir sind sehr zufrieden mit dem Wochenende, haben unsere Botschaften deutlich transportiert bekommen und es damit sogar in die ‚Tagesschau‘ geschafft“, bilanziert Bjarne Friedrichsohn, einer der führenden Köpfe des Commando Cannstatt und involviert in die Organisation der Fanszenen Deutschlands. Laut und meinungsstark, aber insbesondere friedlich und in der Sache geeint, setzten die Anhänger ein Zeichen.

Denn die Innenministerkonferenz (IMK) in Bremen steht vor der Tür. Anfang Dezember wird man sich dort schwerpunktmäßig mit Themen rund um die Sicherheit in Fußballstadien beschäftigen. Im Vorfeld wurden Teile einer Präsentation geleakt. Fans befürchten nun weitreichende Eingriffe in das Stadionerlebnis, kritisieren zudem Intransparenz und eine von Populismus geprägte Debatte. „Wir nehmen eine hinter verschlossenen Türen geführte Hinterzimmer-Diskussion wahr und verstehen nicht, warum die Debatte nicht transparent und öffentlich geführt wird“, benennt Friedrichsohn stellvertretend für die Bewegung einen Punkt. Man wünscht sich zukünftig eine „populismusfreie und faktenbasierte“ Debatte – was auf die Zahlen der Zentralen Informationsstelle Sport (ZIS) abzielt. Deren alljährliche Erhebung zeichnete Anfang Oktober ein klares Bild: Deutsche Stadien sind ein sicherer Ort.

ZIS-Bericht: Deutsche Stadien sind ein sicherer Ort

Hier setzt auch Steinhülb-Joos an: „Weder die Zahlen zur Stadionsicherheit noch die Meinung der Fans können länger ignoriert werden. Statt die Fankurven als eine Art Sammelbecken von Störenfrieden zu betrachten, sollten auch deren Vertreter bei der Diskussion zur Stadionsicherheit ehrlich angehört werden“, so die Abgeordnete. Andernfalls drohe es, dass „anstehende Entscheidungen über Sicherheitsmaßnahmen, wie auch immer diese ausfallen werden, in den Kurven als intransparent und willkürlich“ aufgefasst werden.

Beeindruckende Menschenmenge in Leipzig Foto: derfussballistsicher.de

Cem Özdemir (Bündnis 90/Die Grünen), bis Mai 2025 noch Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft und privat Anhänger des VfB Stuttgart, äußert sich ebenfalls zum Thema. „Unser Fußball muss ein sicheres Stadionerlebnis für alle Generationen und sozialen Gruppen bieten. Aber das gelingt nur mit den Fans, nicht gegen sie. Und es liegt auch nicht die Lösung in einem immer größeren Verschleiß wertvoller Polizeikräfte, die wir dringend auch woanders brauchen. Oder immer neuen Auflagen für die organisierten Fans“, sagt der Politiker und zeigt auf, wo er die Lösung sieht: „Die erfolgreichen Stadionallianzen nach BW-Vorbild, der organisierte Dialog zwischen Polizei, Vereinen, Verbänden, Politik und nicht zuletzt den Fans selbst muss der Weg sein, wenn wir beides wollen: Sicherheit im Stadion und eine lebendige, engagierte Fanszene.“

Über 1300 Fanclubs beteiligt

Der Meilenstein mit der Mega-Demo von Leipzig soll nur der Anfang gewesen sein. Im Nachgang haben sich bereits weitere Dinge getan. So hat die Petition der Fans innerhalb weniger Tage mehr als 30 000 neue Unterstützer gewonnen, steht nun bei knapp 50 000 (Stand 8 Uhr, 20. November). Mit derfussballistsicher.de wurde zudem eine Website gelauncht, die Interessierte über die Sache aufklärt, aber auch aufzeigt, wie viele Fanclubs und damit Menschen sich hinter der Protestbewegung versammelt haben. Über 1300 Fanclubs der organisierten deutschen Szene haben sich nun schon angeschlossen (Stand 20. November). Zahlen, die zeigen, dass es nicht nur Ultras sind, die hier für ihre Anliegen einstehen.

Genau dieser Umstand ist es, den die Bewegung nun noch stärker herausstellen möchte. „Wir wollen den Protest noch besser in die Breite der Öffentlichkeit bekommen“, sagt Friedrichsohn. Als erste Maßnahme will man die Anliegen „weiter in die Stadien der Republik“ tragen. Noch stehen zwei Spieltage an, ehe die IMK zusammenkommt. Diese Wochenenden will man weiter für Zeichen, aber auch für Aufklärungsarbeit nutzen. So ist es ein Kernziel, die Problematiken der drohenden Beschlüsse noch deutlicher aufzuzeigen. Denn Maßnahmen wie KI-gesteuerte Gesichtserkennung, personalisierte Tickets und via Schnellgericht und ohne erfolgte Verurteilung ausgesprochene Stadionverbote können jeden betreffen, der zum Fußball geht. Den Vater mit seinen zwei Kindern im Familienblock genauso wie den Ultra in der Kurve.

VfB-Fans letzte Woche in Leipzig Foto: derfussballistsicher.de

Sollten die Vorschläge auf der IMK beschlossen werden, droht etwas, von dem VfB-Fans jetzt schon ein Lied singen können. Die haben „anhand ihrer eigenen Erfahrungen bei den internationalen Spielen einen Vorgeschmack dessen bekommen, was auch national droht“, betont Friedrichsohn. Eingeschränkte Bewegungsfreiheit, fernab der Stadien gelegene Sammelpunkte, vorgeschriebene Reiserouten und Verkehrsmittel zum Spielort, stark reglementierte Kartenkontingente inklusive personalisierter Tickets und Intensivkontrollen sind an der Tagesordnung. Dies droht den Anhängern das nächste Mal in Rom Ende Januar 2026.

Geplante Maßnahmen problematisch für lebendige Fankultur

Maßnahmen, die problematisch sein können für eine lebendige Fankultur, die in Deutschland noch gegeben ist und auch so etwas wie der „Unique Selling Point“ (USP) der Bundesliga darstellt. In den anderen Top-Ligen Europas gibt es das in dieser Form nicht mehr. Die Attraktivität der Bundesliga in ihrer Außenwahrnehmung hängt direkt mit der Fankultur zusammen. Deshalb geht es für die Bewegung auch darum, die Vereine mit ins Boot zu bekommen.

Die halten sich bislang öffentlich noch deutlich zurück. Lediglich das von der Deutschen Fußball Liga (DFL) unlängst veröffentlichte Statement lässt sich pro Anliegen der Fans interpretieren. „Stadionsicherheit und Fankultur gemeinsam erhalten“ lautet die Überschrift der Bekanntmachung. Ein erstes Zeichen, dem möglicherweise noch weitere folgen.