Klaus-Peter Graßnick ist seiner Idee vom „Kulturbunker“ unter dem Diakonissenplatz einen entscheidenden Schritt näher gekommen. Weitere Eindrücke von dem Bunker in seinem jetzigen Zustand zeigt die Bildergalerie. Foto: Lichtgut/ / Leif-Hendrik Piechowski

Im „Kulturbunker“ unter dem Diakonissenplatz beginnen die unterirdischen Arbeiten. Der zuständige Verein will zudem Dutzende Proberäume einrichten – und die SPD-Stadtratsfraktion springt ihm bei.

Stuttgart - Der Diakonissenbunker bot im Krieg Zuflucht vor Bombenangriffen, war dann Wohnraum, später Treff von Jugendlichen und Musikbands. Seinen Zweck als Not-Rathaus für den Fall eines Atomkriegs musste er nie erfüllen. Dass er künftig wie geplant als „Kulturbunker“ genutzt wird, darf jedoch als gesichert gelten: Seit einigen Wochen hat der pensionierte Lehrer und passionierte Musiker Klaus-Peter Graßnick den „roten Punkt“. Das bedeutet, der von ihm gegründete Verein Kultdiak darf unter der meterdicken Betondecke die Technik modernisieren, eine Bühne einbauen sowie Ausstellungen, Konzerte und andere Veranstaltungen ermöglichen. Wenn alles gut läuft, könnte in einem Jahr die Eröffnung gefeiert werden.

 

Vor zweieinhalb Jahren standen die Ideen erstmals in einem Nutzungsantrag an die Stadtverwaltung und in der Zeitung. Seither sammelt der Verein Spenden und Zuschüsse, darunter 70 000 Euro vom Bezirksbeirat West. Insgesamt kostet der unterirdische Veranstaltungsraum für 130 Personen, der für zunächst fünf Jahre betrieben werden darf, rund 110 000 Euro. Womit die Vereinsaktiven nicht gerechnet haben: weil sie keinen Stellplatz nachweisen können, müssen sie rund 8000 Euro Ablöse zahlen. Dazu kommt eine (gleichwohl reduzierte) Miete.

Was ist mit Proberäumen?

Der „Kulturbunker“ wird wegen solcher Kosten vermutlich nicht beerdigt, ein Loch ins Budget reißen sie dennoch. Dabei hätte der Verein Kultdiak noch viel weitergehende Pläne für die restlichen Räume unter dem Diakonissenplatz. Der „Kulturbunker“ belegt nämlich nur einen kleinen Teil des Bauwerks – im Rest könnte man Proberäume oder atelierähnliche Experimentierräume für Künstler unterbringen, findet Graßnick. Er selbst übte hier vor Jahrzehnten mit seiner Band „Müll“ und hat gemeinsam mit einem im Kultdiak-Verein engagierten Architekten einfach mal drauflosgeplant.

42 solcher Räume könnte man unterirdisch unterbringen. Allerdings bräuchte es dafür weiteres Geld, viel Zeit, die Genehmigung – und dann sind da noch Pläne für die Neugestaltung des ehemaligen Verkehrsübungsplatzes. Der Diakonissenplatz soll schließlich zu einem kleinen Park werden. Die Zugänge zum Bunker im südlichen Teil des Platzes an der Silberburg- und Forststraße stören da tendenziell. Deshalb gibt es Überlegungen, sie zu verschließen. Das wäre das vorzeitige Ende für die Proberaumidee, fürchtet der Verein Kultdiak.

Nun kommt aber Unterstützung von Seiten der SPD-Fraktion im Stadtrat. Mit einer Anfrage an die Stadtverwaltung erkundigen sich die Räte, wie viele der städtischen Bunker als Proberäume geeignet wären und wie viel die Einrichtung kosten würde. Im nächsten Ausschuss für Wirtschaft und Wohnen solle das Liegenschaftsamt darüber berichten. Bunker wären „nicht zuletzt aufgrund der Lärmproblematik und ihrer häufig zentralen Lage bestens als Bandproberäume geeignet“, heißt es in dem Antrag.

Zugänge zumauern oder nicht?

Unter dem Marienplatz proben derzeit bereits Bands. Allerdings wurde die Wandlung vom Schutz- zum Proberaum dort vor vielen Jahren vollzogen, dazu sind die Räumlichkeiten dort eher muffig. Am Diakonissenbunker könnte exemplarisch untersucht werden, wie man nach heutigem Stand der Technik ein Proberaumzentrum im Bunker errichtet.

„Der Diakonissenbunker schreit geradezu danach, für Proberäume genutzt zu werden“, sagt der Leiter des Popbüros, Walter Ercolino. Aber gibt es auch den Bedarf dafür? „Gefühlt ist er riesig. Aber die Community müsste ihn auch mal äußern“, empfiehlt Ercolino. Ständig seien in der Stadt Bands auf der Suche nach Proberäumen – aber sie fänden eben immer irgendwo Platz, auf welchem Weg auch immer. Ideal wäre aus Sicht des Popbüro-Leiters eine an die Atelierförderung angelehnte Hilfe für Musiker – und eine gründliche Diskussion über Bedarf und Angebot von Proberäumen im Kulturausschuss. Was zuletzt coronabedingt allerdings nicht möglich war.

Wie der Kultdiak-Verein findet auch Ercolino, dass es „eine gewisse Endgültigkeit“ hätte, würden die nicht für den „Kulturbunker“ genutzten Zugänge zum Diakonissenbunker im Zuge der oberirdischen Umbauarbeiten verschlossen. Der Bezirksbeirat West hatte sich vor einem Jahr auf Antrag der CDU dafür ausgesprochen, alle Bunkereingänge „leicht zugänglich“ zu halten. Befürchtungen, die Verwaltung wolle die betreffenden Zugänge zumauern, seien aber unnötig, so ein Sprecher der Stadt: Geplant sei lediglich, eine „Abdeckplatte, die bei Bedarf entfernt werden kann. Zugemauert wird nichts.“

Der Diakonissenbunker als Pilotprojekt für mehr Proberäume unter Tage? Der Kultdiak-Verein und die SPD müssten dafür eine politische Mehrheit und das nötige Budget organisieren. Möglich scheint es: Ohne die entsprechende Ausdauer hätten die Leute vom „Kulturbunker“ die Baugenehmigung nicht erhalten. Man darf gespannt sein, wie es beim Diakonissenplatz weitergeht – über und auch unter der Erde.