Angelo Stiller vom VfB Stuttgart gehört wieder zum Kreis der Nationalspieler. Foto: IMAGO/DeFodi Images

Der Bundestrainer Julian Nagelsmann muss das zentrale Mittelfeld umbauen – und der nachnominierte Stuttgarter rückt direkt wieder in den Blickpunkt.

Julian Nagelsmann will den Fußball einfach halten. Sagt er – und der Bundestrainer meint es auch genau so. Die Nationalmannschaft habe bei der Heim-EM 2024 und danach in der WM-Qualifikation 2025 jeweils alle Spiele in der identischen Grundordnung gespielt, betont der 38-Jährige. Jetzt, in den ersten Länderspielen 2026, werde er einen Mix anstreben, um die Variabilität mit Blick auf die WM im kommenden Sommer zu erhöhen.

 

„Mit nur zwei Personalveränderungen und einer Verschiebung um zehn Metern nach vorne – und wenn ich jetzt lese, diese Maßnahme sei zu kompliziert, dann werde ich echt sauer“, sagt Nagelsmann vor den Begegnungen in Basel gegen die Schweiz am Freitag (20.45 Uhr/RTL) sowie am Montag (20.45 Uhr/ARD) in Stuttgart gegen Ghana.

Stiller direkt Kandidat für die Startelf?

Den Bundestrainer begleitet ja der Ruf, zu viele Ideen in zu kurzer Zeit einbringen zu wollen. Damit überlade oder überfordere er gar die Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) gelegentlich, heißt es unter Experten. Nagelsmann schätzt das anders ein. Er lässt schlicht nur von Dreier- auf Viererkette umstellen – und umgekehrt. Entsprechende Anpassungen gibt es dann in Mittelfeld und Angriff. „Da geht es ihm sehr viel um den Spielaufbau“, sagt der Kapitän Joshua Kimmich, ohne Details zu nennen.

Das ist Plan A. Allerdings ist das Vorhaben, zum einen die Abläufe in Defensive und Offensive weiter zu festigen und zum anderen an der Flexibilität zu arbeiten, bereits vor dem Treffen der Nationalspieler zur Vorbereitung in Herzogenaurach geplatzt. Denn Nagelsmann braucht für die beiden Testpartien von Anfang an einen Plan B, da in Aleksandar Pavlovic (FC Bayern München) und Felix Nmecha (Borussia Dortmund) zwei hochveranlagte Mittelfeldspieler ausfallen. Sie sollten im Verbund mit dem Münchner Leon Goretzka das neue Zentrum bilden.

Der DFB-Kapitän Joshua Kimmich hat sich zur Situation im Mittelfeld geäußert. Foto: IMAGO/DeFodi Images

Nun ist eine Operation am Herzstück nötig – und sie wird von der Frage begleitet, ob der nachnominierte Angelo Stiller vom VfB Stuttgart gleich wieder in die DFB-Mannschaft implantiert wird? Ableiten ließe es sich von Nagelmanns Erklärungen im Vorfeld des aktuellen Lehrgangs. Theoretisch. Denn der Bundestrainer hat vor wenigen Tagen ausgeführt, dass Stiller zunächst nicht berücksichtigt wurde, weil er den 24-Jährigen nicht in der Startelf verankere: „Wenn man von Angelo Stiller spricht, ist er ein guter Fußballer mit extrem viel Potenzial, mit einer schon sehr konstanten Leistung. Er hat bei uns den Konkurrenten Aleksandar Pavlovic, den ich einfach noch einen Tick vorne dran sehe.“ Ersatzmann sei aber nicht die Paraderolle des Stuttgarters.

Stiller wichtig auf dem Platz – und daneben?

Doch jetzt ist Stiller zurück und der Kapitän lobt ihn. „Er ist in echt guter Form und hat großen Anteil daran, dass sich der VfB in starker Verfassung präsentiert. Und er bringt die Qualität mit, um uns hier zu helfen“, sagt Kimmich. Bei Pascal Groß verhält es sich laut Nagelsmann anders als bei Stiller. Den 34-Jährigen aus Brighton bezeichnet der Bundestrainer als „Magnet“. Er habe die „Gabe Menschen zu verbinden“, auf und außerhalb des Platzes. Der ballsichere Ex-Dortmunder hält das DFB-Team mit seiner kommunikativen Art zusammen. Er pflegt dabei den Kontakt zu allen Spielern. Groß fügt sich zudem in das Gefüge ein, ohne zu murren.

Im Umkehrschluss bedeutet das: Stiller wirkt kaum auf die Mannschaft ein, wenn er nicht aufläuft. Praktisch erhielt Groß aber auch schon auf dem Rasen den Vorzug vor dem Stuttgarter Taktgeber – zum Beispiel mit Goretzka in der Nations League. Es wird also spannend zu betrachten sein, wie Nagelsmann die doppelte Leerstelle auf der Doppelsechs füllt. Zumal der Bundestrainer nicht nur den routinierten Teamplayer Groß in den Kader zurückgeholt hat, sondern ebenso den euphorisierten Anton Stach. „Er hat sich extrem über die Nominierung gefreut und gezeigt, dass sie ihm sehr viel bedeutet“, sagt Nagelsmann. In dem 27-Jährigen von Leeds United sieht er den jüngeren Robert Andrich: „Er verkörpert mit seiner Robustheit ein anderes Profil als die anderen Sechser. Wenn der Gegner über mehr Körperlichkeit kommt, dann kann es etwas bringen, jemanden mit mehr als 1,90 Meter Körpergröße auf dieser Position zu haben.“

Keine Option ist dagegen, Kimmich wieder in die Mitte zu stellen. Eine Rochade , die es in dessen Nationalmannschaftskarriere schon öfter gab. Zuletzt unter Nagelsmann. „Nein“, da gäbe es keine Überlegungen, so der 31-Jährige, den viele Fachleute für den besten Sechser in Deutschland halten und der mit Pavlovic bei den Bayern ein starkes Tandem bildet – und der mit Goretzka lange als das Führungsduo der Zukunft galt. Kimmich bleibt Rechtsverteidiger – auch das verschafft Stiller eine neue Chance, um sich für die WM in Nordamerika zu empfehlen.