In Ingersheim (Kreis Ludwigsburg) entsteht ein imposantes Gebände, bei dem ausgediente S21-Elemente wiederverwertet werden. Ein Projekt, das in mehrerlei Hinsicht zukunftsweisend sein könnte.
Rund um die Wiese neben der Sporthalle und den Tennisplätzen in Ingersheim herrscht so etwas wie Zeltlager-Atmosphäre. Pop-Musik hallt über einen Teil des angrenzenden Parkplatzes, Dutzende junge Menschen um die 20 wuseln über das Gelände. Allerdings vergnügen sich die Twenty-Somethings an diesem Dienstagvormittag nicht etwa bei einer Party. Sie sägen Holz zurecht, hantieren mit Bohrern und Meterstäben, schleifen akkurat Wände ab – und sind Teil eines Projekts, das es so noch nicht gab.
Die mehr als 40 Innenarchitekturstudentinnen sind von Universitäten in Stuttgart, Indien und Istanbul für einen zweiwöchigen Praxisworkshop nach Ingersheim gereist. Unter Federführung eines fünfköpfigen Planungsteams und mit Unterstützung örtlicher Handwerker und Bürger zimmern sie dort noch bis Freitag, 19. Juli, auf der Wiese in der Nähe des Neckars einen Jugendtreff zusammen. Und zwar nicht irgendeinen. Das Gebäude mit seiner spektakulär-elliptischen Form besteht im Kern aus Elementen, die für den Bau des neuen Bahnhofs in Stuttgart benötigt worden waren. Die bei S21 ausrangierten Holzteile hatten als Verschalungen zum Gießen von Beton am Ausgang eines Personentunnels gedient, erläutert Katharina Raabe, die mit Maximilian Stemmler, Andreas Kretzer, Roman Kreuzer und Stefan Krötsch für die Planung verantwortlich zeichnet.
Normalerweise werden solche Materialien einmal verwendet und anschließend entsorgt. Im Fall der Verschalungen von S21 wäre das besonders bitter gewesen. Denn bei den geometrisch anspruchsvollen Elementen handelt es sich um Hightechanfertigungen, die fünfstellige Eurobeträge kosteten, wie Stefan Krötsch erklärt. Um an dieser an sich widersinnigen Grundkonstellation etwas zu ändern, wurde das Forschungsprojekt „Stuttgart 210: Weiterdenken – weiterbauen!“ aus der Taufe gehoben, bei dem Architekten und Ingenieure der Hochschulen Konstanz, Stuttgart und Karlsruhe wie Krötsch sowie proHolz Baden-Württemberg mit im Boot sind. Das Ziel: die Wiederverwertung der ausrangierten Betonschalungen, die bei der Verbrennung auch noch CO2 in die Luft blasen würden.
Das Thema sei zuerst umfassend theoretisch beackert worden, erklärt Krötsch. Der Clou ist aber, dass mit dem Holz ganz praktisch gebaut wird. In Stuttgart-Vaihingen soll zum Beispiel eine Art Zirkuskuppel als Ort der Begegnung und Kultur entstehen, in Marbach auf dem Schulcampus eine überdachte Fahrradabstellanlage. Wirklich in der Umsetzung befindet sich aber bis dato nur der Jugendtreff in Ingersheim, der ein architektonisches Juwel zu werden verspricht.
Örtliche Firmen hätten zunächst die bis zu drei Tonnen schweren Verschalungen aufgestellt und einen Sockel betoniert, sagt die Bürgermeisterin Simone Lehnert. Die Studenten seien am 8. Juli dazugestoßen. Seitdem ist das vielköpfige Team vor allem damit beschäftigt, das Anbringen der lamellenartigen Holzfassade vorzubereiten. Dazu werden Bretter passgenau zugeschnitten und zu gerundeten Segmenten verbunden, die jeweils rund 200 Kilogramm wiegen und am Ende an der Außenhülle montiert werden. Bis zum 19. Juli, wenn die Studenten abreisen, werde das Gröbste erledigt sein, sagt Stefan Krötsch, der an der Hochschule Konstanz lehrt. In der Folge müsse man sich nur noch um Restarbeiten kümmern, sodass der Jugendtreff wahrscheinlich in Kürze der Öffentlichkeit übergeben werden könne.
Kranz um das Gebäude schützt auch außen vor Regen
Erschlossen wird das etwa sechs Meter hohe Gebäude über schmale Zugänge, durch die man in einen rund 50 Quadratmeter großen Innenbereich gelangt. „Da soll ein so bisschen höhlenartiger Charakter entstehen“, erklärt Krötsch. „Und wir wollten es auch schaffen, dass die Anmutung von außen den Innenraum nicht verrät“, ergänzt Roman Kreuzer. Man müsse sich quasi hineinziehen lassen und den Raum selbst erleben. Außen können es sich Besucher ebenfalls bequem machen – und sind dort trotzdem vor Regen geschützt. Die obere Ellipse lege sich wie ein Kranz um das Gebäude, schlüpfe dadurch in die Rolle eines Daches, sagt Kreuzer. Der Aufenthaltsbereich wachse so insgesamt auf rund 80 Quadratmeter, erläutert Katharina Raabe.
Wie viel die Gemeinde letztlich für diesen einzigartigen Mix aus Funktionalität und Ästhetik investieren muss, steht bis dato nicht fest. „Wir haben noch nicht alle Rechnungen vorliegen. Im Moment sind wir bei Kosten zwischen 80 000 und 100 000 Euro“, sagt Simone Lehnert.
Klar ist aber auch: das gleiche Projekt wäre bei konventioneller Herangehensweise „ein Mehrfaches teurer“ geworden, betont Stefan Krötsch. Und wäre dann, wie Lehnert hervorhebt, gar nicht zu stemmen gewesen und deshalb überhaupt nicht auf die Agenda gekommen. Die Rathauschefin denkt zudem, dass es in Zeiten knapper Kassen immer notwendiger wird, solche Vorhaben gemeinschaftlich umzusetzen. „Wenn wir wollen, dass sich was bewegt im Ort, müssen wir selbst anpacken“, sagt sie.
Stefan Krötsch weist zudem darauf hin, dass sich beim Denken etwas ändern müsse, wenn man das Wiederverwerten von Bauteilen ermöglichen wolle. Man müsse sehen, was zur Verfügung stehe, und dann überlegen, was man damit anstellen könne.
In Marbach entsteht eine Abstellanlage für Fahrräder
Verwertung
Bei dem Forschungsprojekt „Stuttgart 210 weiterdenken – weiterbauen“ werden Betonschalungen aus Holz, die bei der S21-Baustelle eingesetzt worden waren, wiederverwertet. Im Kreis Ludwigsburg profitiert auch die Stadt Marbach davon. Auf dem Schulcampus soll eine Fahrradabstellanlage mit 170 Plätzen entstehen. Das Dach wird aus den geschwungenen Elementen aus Stuttgart montiert. Ende der großen Ferien sollen die Holzteile nach Marbach gebracht werden, anschließend der Aufbau beginnen, sagt Bürgermeister Jan Trost.
Erkenntnisse
Aus dem Projekt will man auch generelle Erkenntnisse für die Wiederverwertung von Bauteilen ziehen. Beispielsweise könnte künftig von Anfang an mitgedacht werden, wie die Hilfsmittel eventuell nachzunutzen wären.