Der neue Außenminister David Lammy verspricht eine enge Zusammenarbeit mit der EU – besonders, wenn Donald Trump wieder ins Weiße Haus einzieht. Ein Tabu aber bleibt bestehen.
Für David Lammy ist mit dem Wahlsieg der Labour Party in Großbritannien „eine neue Zeit“ im Verhältnis zu den europäischen Nachbarn angebrochen. Von Regierungschef Keir Starmer zum britischen Außenminister ernannt, will der Labour-Politiker dafür sorgen, dass sich die Beziehungen zur EU wieder „normalisieren“. Sein Land, hat er am Wochenende erklärt, müsse „damit beginnen, wieder Anschluss zu suchen an die Welt“.
Um selbst unverzüglich einen Anfang zu machen, packte Lammy wenige Stunden nach seiner Ankunft im Foreign Office bereits das Minister-Köfferchen für einen Blitzbesuch in Deutschland, Polen und Schweden. Es sei höchste Zeit, fand er, die „selbstbezogene“ britische Haltung aufzugeben, die für das Brexit-Referendum und die anschließenden politischen Tumulte typisch gewesen sei. „Lassen wir die Brexit-Jahre hinter uns“, sagt Lammy. Zwar werde Großbritannien nicht in den Gemeinsamen Markt oder die Zollunion zurückkehren. „Aber es gibt eine Menge Dinge, die wir zusammen tun können. Eins will ich dabei ganz klar sagen: Dass die europäischen Nationen unsere Freunde sind.“
Ein neuer Ton ist eingekehrt im Regierungsviertel
Binnen weniger Tage hat somit ein neuer Ton im Londoner Regierungsviertel Whitehall Einzug gehalten. Lammy will nach eigenem Bekunden versuchen, nicht nur im Handelsbereich, sondern auch bei der Bekämpfung des Klimawandels, in Sicherheitsfragen und überhaupt bei internationalen Entscheidungen enge Abstimmung zu suchen über den Kanal hinweg.
Zugleich will er Türen zum „globalen Süden“ hin öffnen. Unmittelbar nach seinem Amtsantritt hatte er bereits eine Gruppe karibischer Regierungschefs angerufen, um sich nach den verheerenden Folgen des Hurrikans Beryl zu erkundigen. Seine offenbar überraschten Gesprächspartner seien „hocherfreut“ gewesen über seinen Anruf, über die spontane Anteilnahme in London, berichtete er hernach. In der Tat hat David Lammy wenig gemein mit den vielen Politikern aus „wohlsituierten Kreisen“. Der Sohn guyanischer Eltern, der in einem Working-Class-Viertel in Tottenham in Nord-London aufwuchs, in der Obhut seiner alleinstehenden Mutter, hat Rassismus mehr als einmal am eigenen Leib erlebt. Er habe von früh auf „Dinge ändern“ wollen, sagt der 51-Jährige heute im Rückblick. Mit den Obamas war er seit seinem Jura-Studium in Harvard bekannt.
Lammy wurde schon vor drei Jahren zu Starmers Schatten-Außenminister
Nach den Straßenkrawallen von 2011 in Tottenham und danach auch in anderen britischen Städten verschaffte er sich landesweit Gehör und Prominenz als Streiter gegen Rassenhass, Diskriminierung und Antisemitismus. Als Oppositions-Abgeordneter gewann er weiteres Profil in Westminster. Vor drei Jahren machte Starmer den Juristen zum Schatten-Außenminister. Das gab ihm Zeit, sich vorzubereiten auf den jetzigen Job.
Mittlerweile hat sich Lammy den Vorgaben gebeugt, mit denen Starmer die Wahlen zu gewinnen suchte. An den Brexit zum Beispiel darf fürs erste nicht gerührt werden. Dafür wollen die beiden als Gastgeber des Gipfels der Europäischen Politischen Gemeinschaft am 18. Juli Europa versichern, dass sie sich als „grundsolide Partner“ der Europäer verstehen. Egal, wie viel in Europa selbst durcheinander purzelt. Und ganz besonders für den Fall, dass Donald Trump wieder ins Weiße Haus einzieht. Auch in dieser Hinsicht hat sich Lammy, der mit vielen Top-Demokraten in Washington befreundet ist, zuletzt verbale Zurückhaltung auferlegt. Eine Labour-Regierung würde „immer mit den USA zusammenarbeiten, egal wie das Wetter ist oder wer auch immer gewinnt“, sagt er. Vor sieben Jahren klang das noch anders. Damals nannte Lammy Trump „einen rassistischen Sympathisanten des Ku Klux Klan und der Nazis“.