Häufig im Fokus der Aufmerksamkeit: der Choreograf Hans van Manen. Am Mittwoch ist er im Alter von 93 Jahren in Amsterdam gestorben. Foto: IMAGO/Bruno Press

Der niederländische Choreograf Hans van Manen ist im Alter von 93 Jahren gestorben. Auf der Stuttgarter Bühne war er Stammgast und wurde hier jüngst für sein Lebenswerk ausgezeichnet.

Als Hans van Manen im Mai kurz vor seinem 93. Geburtstag auf der Bühne des Stuttgarter Opernhauses eine Auszeichnung für sein Lebenswerk entgegennahm, da freute er sich mit dem typischen schalkhaften Blitzen in den Augen über diese Verbeugung vor seinem Werk und den damit verbundenen Applaus. Preise durfte der niederländische Choreograf in seiner langen Karriere reichlich sammeln. Doch die Ehrung aus Deutschland, von der Zeitschrift „tanz“ in diesem Jahr überhaupt zum ersten Mal vergeben, schien Hans van Manen wie auch die Verleihung des Deutschen Tanzpreises 1993 viel zu bedeuten.

 

Seine modernen, mit klarer Ästhetik komponierten Ballette kamen und kommen auf den deutschen Tanzbühnen bestens an. Anfang der 1980er Jahre startete die damalige Stuttgarter Ballettdirektorin Marcia Haydée die Zusammenarbeit mit dem Schrittmacher aus Amsterdam, der 1960 zu den Gründungsmitgliedern des bekannten Nederlands Dans Theaters (NDT) gehörte, der aber auch eng mit dem Het Nationale Ballet zusammenarbeitete. Heute verfügt das Stuttgarter Ballett mit 23 seiner Werke über das größte Van-Manen-Repertoire außerhalb der Niederlande. Drei Uraufführungen schuf der Choreograf in der Ära von Marcia Haydée für die von ihr geleitete Kompanie – das ist viel für einen, der nach eigenen Worten nicht gern in Hotelzimmern lebte.

Zu unserem letzten Interview mit Hans van Manen im Mai in Stuttgart schaute auch Marcia Haydée vorbei. Foto: stzn/ak

Die Trauer über den Tod des Choreografen, der laut Angaben der Nationalen Oper am Mittwochabend in seiner Wohnung in Amsterdam im Alter von 93 Jahren verstarb, ist folglich auch in Stuttgart groß. An einem Van Manen und seinem in 60-jähriger Schaffenszeit auf mehr als 150 Ballett angewachsenen Werk kommt bis heute keine Kompanie vorbei, die auf der Höhe der Zeit tanzen will.

„Mondrian des Balletts“ nennt man den Choreografen wegen seiner kühl konzipierten Tanzstücke. Doch bei aller Abstraktion gehe es in seinen Balletten oft um menschliche Beziehungen, sagte er im letzten Interview mit dieser Zeitung. „Ich habe viele Pas de deux beobachtet, bei denen sich die Paare überhaupt nicht anschauen. Bei mir sind auch die Blickbeziehungen wichtig“, so Hans van Manen im Mai, als der Abend „Fünf für Hans“ in Stuttgart Premiere hatte.

Abstrakt in der Form, aber mitteilsam im Zwischenmenschlichen

Klar in der Form, einfallsreich im Schrittmaterial, sehr nachdrücklich in ihren Gesten, ohne eigentliche Erzählung, aber voller Wärme, Humor und mitteilsam auf zwischenmenschlicher Ebene sind seine Ballette. Kunst und Mensch begegnen sich in diesen wunderbar ausbalancierten Stücken auf Augenhöhe. Die Tänzer und Tänzerinnen, oft auch in den Kostümen ohne Geschlechtsunterschied behandelt, erzählen von einfachen Begegnungen, von Erwartungen und mit entsprechender Melancholie auch von ihrem Scheitern.

Der Stuttgarter Solist Clemens Fröhlich in Hans van Manens „Große Fuge“ Foto: © Stuttgarter Ballett

Fans hatte Hans van Manen auch im niederländischen Königshaus. Die Niederlande hätten „einen ihrer größten Künstler verloren“, heißt es in einer entsprechenden Erklärung. Prinzessin Beatrix, die frühere Königin, war mit Hans van Manen persönlich befreundet. „Verspielt, leicht und klar ließ er uns die Vollkommenheit in seinen virtuosen Balletten erleben“, so die königliche Familie. „Wir erinnern uns mit Liebe, Bewunderung und Dankbarkeit an ihn und werden ihn sehr vermissen.“

Vom Maskenbildner zum Tänzer und Choreografen

Vita
Hans van Manen, 1932 in Nieuwer-Amstel geboren, war nach einer ersten Ausbildung zum Maskenbildner selbst auch Tänzer und von 1961 bis 1971 Choreograf und künstlerischer Leiter des NDT in Den Haag. Danach wurde er Leiter des Nationalen Balletts in Amsterdam. 1988 kehrte er zum Dans Theater nach Den Haag zurück. Von 2005 bis zu seinem Tod war er wieder leitender Choreograf am Het Nationale Ballet in Amsterdam. Er schuf rund 150 Tanzstücke und setzte auch mit deren Archivierung Maßstäbe.