Julia Ruhs wird zumindest für den NDR nicht länger das Format „Klar“ moderieren. In sozialen Medien decken viele der 31-Jährigen den Rücken – aus unterschiedlichen Gründen.
Die Bekanntgabe des Norddeutschen Rundfunks (NDR), die Moderatorin Julia Ruhs nicht länger für das Format „Klar“zu engagieren, hat in sozialen Medien ein starkes Echo bei Medienschaffenden und Beobachtern ausgelöst. Die als politisch als konservativ geltende 31-Jährige, die nur noch die vom Bayerischen Rundfunk (BR) produzierten „Klar“-Folgen moderieren darf, hat sich auf der Plattform X „zutiefst enttäuscht“ gezeigt und den Entscheidern beim NDR fehlendes Rückgrat vorgeworfen; zuvor gab es Berichte über internen Widerstand gegen die Journalistin, die bei Ludwigsburg aufwuchs, und ihre Sendung.
Nicht nur viele Journalisten, sondern auch viele Persönlichkeiten aus komplett unterschiedlichen politischen Lagern halten die Entscheidung des NDR, sich von der seit Monaten teils kontrovers diskutierten Moderatorin, für falsch. Argumentiert wird häufig damit, der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk (ÖRR) mache hier eine Rolle rückwärts dabei, ein breites Meinungsspektrum abzubilden – was der Institution nicht gut tue.
So schreibt der ehemalige SPD-Politiker Marcel Roth, obwohl er mit der Moderatorin „selten übereinstimme“, müsse man dies doch aushalten. „Diese Entscheidung schadet dem ÖRR“, befindet er.
Auch der BSW-Politiker Fabio de Masi, der mit Julia Ruhs allein wegen deren klarer Bekenntnisse zu einer Westanbindung Deutschlands nicht auf einer Linie sein dürfte, kritisiert den NDR für den Schritt. „Ich stehe links von Frau Ruhs und wir haben wahrscheinlich zu vielen Dingen eine andere Auffassung. Aber ich finde die Entscheidung des NDR fatal.“ Früher hätten sich Linke und Rechte im ÖRR Linke und Rechte gepflegt stritten. „Warum halten wir das nicht mehr aus?“
BSW-Chefin Sahra Wagenknech äußerte sich selbst ähnlich dazu: „Es ist ein Skandal, dass Journalisten, die vom ÖRR-Meinungsmainstream abweichen, aus dem Programm entfernt werden.“
Über die Grenzen politischer Lager hinweg halten auch Grüne wie Michael Jahn, Sprecher des Esslinger Kreisvorstands, den Schritt des NDR für misslungen: Der ÖRR tue „wirklich alles, um seinen Gegnern Futter zu liefern“, kommentierte er trocken.
Vor allem Unionspolitiker gehen teilweise noch weiter und fordern, den ÖRR zu reformieren. Ottilie Klein, Generalsekretärin der CDU Berlin, schreibt auf X zu den Vorgängen: „Mit dieser Entscheidung zeigt der NDR eine höchst problematische Haltung zur Meinungsvielfalt in unserem Land.“
Der CSU-Bundestagstagsabgeordnete Konrad Körner sieht eine „plurale Stimme im ÖRR“ unterdrückt: „Ein Fall für den Rundfunkbeirat und für drängende Reformen.“
Ebenso zeigt sich Huber Aiwanger, Chef der Freien Wähler in Bayern, empört. „Meinungsfreiheit heißt für linke Kreise offensichtlich, die veröffentlichte Meinung frei zu machen von unerwünschten Meinungen“, kommentiert er auf X.
Auch in der Journalismusbranche gibt es viele, die sich solidarisch mit Ruhs erklären. RTL-Investigativjournalistin Liv von Boetticher nimmt die junge Kollegin in Schutz: „Ich kenne Julia persönlich, sie ist reizend und hat es in keiner Welt verdient, öffentlich von Kollegen des eigenen Hauses so gecancelt zu werden.“ Ruhs vertrete legitime Positionen und sei „weit davon entfernt, in irgendeiner Form extrem oder unjournalistisch zu sein.“
Beim ÖRR ist Ruhs jedoch deutlich umstrittener. Der Satiriker Jan Böhmermann bezeichnete das Format „Klar“ nach der Ausstrahlung einer Folge, die sich kritisch mit Migrationspolitik auseinandersetzte, „rechtspopulistischen Quatsch“, die NDR-Moderatorin Anja Reschke nannte das von Ruhs moderierte Format „ein bisschen rechtsextrem“, wobei sich der Sender später entschuldigte. In einem Bericht der „Welt“ ist außerdem von einem Mitarbeiterbrief mit 250 Unterzeichnern beim NDR die Rede, in dem diese zum Format „Klar“ auf Distanz gehen. Auf Nachfrage unserer Zeitung wollte der NDR die Existenz des Schreibens weder dementieren noch bestätigen – mit der Begründung, interne Diskussionen sollten aus Gründen des Mitarbeiterschutzes intern bleiben.
Einer gemeinsamen Erklärung von NDR und BR zufolge soll jenseits von Personalien wenig an der Ausrichtung der Sendung ändern: „Die Sendung soll auch in Zukunft Streitfragen aufgreifen, die in der Mitte der Gesellschaft kontrovers diskutiert werden.“