Ein „Nussknacker“, der vor allem Gesichter zum Tanzen bringt: Sandra Bourdais ist Mario Goeckes neue Marie (hier mit Maurus Gauthier und David Lagerqvist) Foto: Rahi Rezvani

Knapp zwanzig Jahre nach seiner ikonischen Stuttgarter Klassiker-Interpretation setzt Marco Goecke als neuer Ballettchef in Basel noch einmal auf den „Nussknacker“.

Licht am Ende einer finsteren Phase – das ist das Versprechen der Adventszeit. Marco Goecke hat seine erste Premiere als Ballettchef in Basel just in diese Zeit gelegt, sein neuer „Nussknacker“ kam am Vorabend des dritten Advents heraus. Für den ehemaligen Hauschoreografen des Stuttgarter Balletts ist die Berufung in die Schweiz ein besonderer Neuanfang: Seinen letzten Posten in Hannover musste er nach dem Übergriff auf eine Kritikerin räumen.

 

Und so erscheinen nach dem lauten Theaterskandal Thema und Terminwahl der Basler Premiere fast symbolisch. Auf den Tag genau 19 Jahre ist es her, dass Marco Goecke im Kammertheater mit einem Stuttgarter „Nussknacker“ sein erstes abendfüllendes Handlungsballett herausbrachte und die Basis für seine internationale Karriere legte.

Neustart? Vieles bekommt in Basel eine zweite Chance

Zurück auf Anfang? Marco Goecke weiß, dass sich Fehler nicht ausmerzen lassen, sondern Teil einer Biografie werden. So macht er in seinem neuen „Nussknacker“ vieles anders; und doch bekommen einige der Stuttgarter Findungen wie ihr Autor selbst nun eine zweite Chance.

Das laute Knacken von Holz, das als ungewöhnliches Klangbild den Abend eröffnet und den Basler Theatersaal in eine Almhütte verwandelt, um die der erste Sturm des Winters tobt, schlägt klug eine Brücke und erinnert an das Weiterklingen des Alten im Neuen.

Glöckchen statt Walnüsse: Im „Nussknacker“ in Basel tritt Drosselmeier lautstark auf. Foto: Rahi Rezvani

In den Stuttgarter Gästen beschwört der hölzerne Sound vor allem ein Bild herauf: das der mit klackernden Walnüssen besetzten Nussknacker-Hose. Mit unzähligen Glöckchen an einem Mantel greift Goeckes langjährige Kostümbildnerin Michaela Springer in Basel die Idee eines klingenden Kostüms neu auf.

Auch wenn heute mit weicherem Fluss getanzt wird, Knie und Hüften ein ungewöhnlich kurvenreiches Eigenleben entfalten, Hände den Raum begreifen, statt ihn pfeilschnell zu zerteilen: gemütlich ist auch der Basler „Nussknacker“ nicht. Er bleibt das abgründige Nachtstück, das der Choreograf bereits 2006 aus E.T.A. Hoffmanns doppelbödiger Erzählung destillierte und so deren schwarze Romantik unterstrich.

Geschwisterpaar: Louis Steinmetz und Sandra Bourdais sind Fritz und Marie im „Nussknacker“ Foto: Rahi Rezvani

Stand in Stuttgart ein Mädchen im Vordergrund, das im dunklen Halbrund aus wuchtigen Schränken hinter Türen blickte und die Schwelle zum Erwachsenwerden überschritt, weitet Marco Goecke in Basel den „Nussknacker“-Kosmos. Maries Bruder Fritz kommt ins Spiel, mit ihm eine kindliche Perspektive, die Gefühle mit teils grotesken Gesten vergrößert. Eine lichte, leere Bühne, nach hinten von einer Projektionsfläche begrenzt, wird zum Ort, an dem alles möglich ist.

Grimassen verlieren sich im Raum bei der Ballett-Inszenierung in Basel

Allein mit sich selbst, nur vom Paten Drosselmeier flankiert, bleibt dem Geschwisterpaar und dem Spielzeug, das es sich in der Weihnachtsnacht herbeiwünscht, fast zu viel Raum auf der Bühne. Im ersten Akt sind die großen Gruppen erstaunlich statisch. Goecke bringt Gesichter zum Tanzen, doch die Grimassen verlieren sich im Raum; auch dieser „Nussknacker“ ist eher ein Kammer-Ballett. Dafür kann Sandra Bourdais, die einst bei Gauthier Dance tanzte, im Duett mit einem der doppelt besetzten Nussknacker Herzen bewegen: Wie sie ruckelnde Gesten nachahmt, wie sie sich nervös nestelnd als Puppendoktorin versucht, charakterisiert ihre Marie als empathisches Wesen, das Nähe sucht.

Jamal Ullmann spielt den „Nussknacker“ (mit Sandra Bourdais) Foto: Rahi Rezvani

So klar gezeichnet hätte man sich alles gewünscht. Erst im zweiten Akt kommt das Leben in die Spielzeugwelt, das die beiden Aufziehfiguren, eine tanzt Maurus Gauthier mit „Peace“-Botschaft auf dem Hemd, früh andeuteten. In ihrer künstlichen Animiertheit verkörpern sie die in der Erzählung gewollte Durchdringung von Realität und Fantasie; Goeckes zackige Gesten passen da perfekt. Überhaupt perlt nun der Tanz durchgehend in der typischen Intensität und in immer neuen Begegnungen nach vorn, hier setzen Zuckerfee sowie Nussknacker Coming-of-Age-Akzente.

Erleuchtung in dunklen Zeiten – Zitat von Hannah Arendt im Programmheft

Dass ein General mit angelegter Waffe das Schlussbild stürmt und schon davor von Krieg kündet, verankert diesen „Nussknacker“ in einer grauen Gegenwart. Der finale Schuss löst ein Schneewunder aus und verweist auf das Zitat von Hannah Arendt, das im Programmheft der Inszenierung voran steht. „Auch in den dunkelsten Zeiten haben wir das Recht, ein wenig Erleuchtung zu erwarten.“

Sorgen für Farbe: Eva Blunno und Lydia Caruso Foto: Rahi Rezvani

Erleuchtung im wörtlichen Sinn erfährt dieser „Nussknacker“ durch die Projektionen von Video-Künstler Philipp Contag-Lada. Wie er die Essenz der Goecke-Moves auf Schneeflocken überträgt, ist sehenswert: Schweben, spontane Richtungswechsel, explosive Beschleunigung – das sorgt für Dynamik. Erleuchtung im übertragenen Sinn erklingt aus dem Orchestergraben, wo Thomas Herzog so farbenreich, flott und vielschichtig musizieren lässt, dass dieser Tschaikowsky zu neuem Hinsehen ermuntert.

Der Puppenchor fährt schimpfend dazwischen bei der Premiere in Basel

Verständlich, dass sich Marco Goeckes Tanz einmal nicht gegen die Musik auf-, sondern sich auch an sie anlehnt. Wenn’s zu schön wird, fährt der Puppenchor schimpfend dazwischen. Überhaupt wird viel geschwatzt in diesem Ballett, als zweifle sein Urheber an der Kraft des Tanzes.

Keine Zweifel hat das Basler Premierenpublikum: Es feiert Marco Goecke und seine 28 Tänzerinnen und Tänzer mit Standing Ovations.

Info

Termin
Kein Weihnachtsballett im klassischen Sinn: Da Marco Goeckes „Nussknacker“ von den Schatten jenseits aller Besinnlichkeit erzählt, bleibt das Stück bis zum 27. März auf dem Spielplan des Basler Theaters.

Künstler
Marco Goecke, von 2005 bis 2018 Haus-Choreograf in Stuttgart, verlor nach dem Angriff auf eine Kritikerin 2023 den 2019 übernommenen Posten als Ballettchef in Hannover. Er war Resident Artist bei Gauthier Dance und beim Scapino Ballet in Rotterdam. Seit 2013 ist er als Associate Choreographer mit dem Nederlands Dans Theater verbunden.