Beim Ludwig-Erhard-Gipfel am Tegernsee fehlen die großen Namen. Das ist die Folge davon, dass Kulturstaatsminister Weimer und seine Firma sich in Skandale verstrickt haben.
Geparkt wird auf der sattgrünen, hügeligen Wiese auf der anderen Straßenseite. Hunderte Autos stehen dort - aus Berlin, Hamburg, Stuttgart, München oder auch Kitzbühel. Deren Fahrer sind alle gekommen zum Gut Kaltenbrunn mit malerischem Blick auf den Tegernsee und sein glitzerndes Wasser. Sie nehmen am Ludwig-Erhard-Gipfel teil, ausgerichtet von der Weimer Media Group. Diese gehört dem Berliner Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos) und seiner Frau Christiane Goetz-Weimer.
Was erwartet man auf dieser Veranstaltung, die auch als „Tegernsee Summit“ beworben und mit allen Mitteln der PR als bedeutungsschwanger hochgelobt wird? Eine jüngere Frau im Business-Look, die vom Parkplatz kommt, sagt: „Vernetzung, Austausch. Die Anregungen, die man da bekommt, sind sehr wertvoll.“ Nun hat dieses Treffen seit Ende vergangenen Jahres ein Reputationsproblem. Da wurde bekannt, dass es von verschiedenen bayerischen Ministerien gesponsert wurde.
Teilnehmer verteidigen Treffen als wichtig
Der Preis für ein simples Tagesticket liegt bei 1100 Euro, alle drei Tage kosten inklusive „Gipfelnacht“ 3000 Euro. Und es wurde der Anschein erweckt, dass sich Teilnehmer gegen Extra-Zahlung Zugang zu Politikern kaufen könnten. „Das ist eigentlich traurig“, sagt die Frau. Damit meint sie nicht diese Umstände, sondern die Kritik daran. Sie ist in der Telekommunikationsbranche tätig. „Schönen Tag noch.“
Laut der Eigenwerbung im Internet handelt es sich um „Deutschlands Meinungsführertreffen“. Der Gipfel sei „das deutsche Davos“. Gemeint ist damit das Weltwirtschaftsforum in den Schweizer Alpen, zu dem Jahr für Jahr Politiker und Wirtschaftsleute aus der ganzen Welt pilgern, um über globale Themen und Probleme zu diskutieren. Der Erhard-Gipfel wirbt mit Prominenten, die in den vergangenen elf Jahren schon einmal oder auch mehrfach da waren: Friedrich Merz etwa, Joachim Gauck, Julia Klöckner oder Lars Klingbeil. Thema dieses Jahr: „Zurück an die Weltspitze. Wie gelingt Deutschland der Aufschwung?“
Weimer zieht immer wieder Kritik auf sich
Das Gut Kaltenbrunn ist in Einzellage am See, gehört zur Gemeinde Gmund und wird betrieben vom Münchner Feinkostunternehmen Käfer. Es ist ein mächtiges historisches Geviert, es gibt einen kleinen Strand und einen Bootslandesteg. Auf den Wegen und Pfaden drumherum trifft man Tegernsee-Urlauber, Spaziergänger, Radler, Jogger. Ein paar Schritte vom Gut entfernt ist der „Seeblick Kaltenbrunn“ ausgeschildert.
Im vergangenen Jahr, als die Vorbereitungen für das Summit 2026 liefen, kam die Kritik an Wolfram Weimer auf. Wie kann es sein, dass einer, der in Berlin am Kabinettstisch sitzt, mit seiner Firma ein privates und kommerzielles Treffen ausrichtet? Ein Treffen, das sich mit Wirtschaft und Politik befasst, und wo er seinen gewichtigen Namen und seine Beziehungen nutzt, um Geld für seine Firma zu erwirtschaften?
Als Konsequenz zog sich Weimer aus dieser Arbeit zurück. Etwas später gab er seine Firmenanteile an der „Weimer Media Group“ in die Hand eines Treuhänders. Der konservative Journalist, der sich als Intellektueller begreift, sorgt immer wieder für Unmut. So trat er als Zensor auf und ließ drei linke Buchläden von der Liste des Deutschen Buchhandlungspreises streichen. Gegen sie lägen „verfassungsschutzrelevante Erkenntnisse“ vor. Der Protest im Kulturbereich war so groß, dass er bei der Leipziger Buchmesse im März seine Rede und auch seinen Rundgang absagte. In seinem eigenen Haus verbot er schon vergangenen Sommer das Gendern in Schriftstücken, also etwa das Binnen-I oder den Gender-Doppelpunkt.
Im Innenhof schwärmen viele Damen und Herren aus, meist in Schwarz und konservativ-edel gekleidet. Man telefoniert, trinkt Kaffee, talkt mit anderen, wahrscheinlich networkt man. Jedenfalls machen sie auf wichtig. Drinnen auf dem Podium spricht gerade Hubert Aiwanger, Chef der Freien Wähler und bayerischer Wirtschaftsminister. Er ist überhaupt das einzige Mitglied des Landeskabinetts, das noch gekommen ist. Aiwanger sagt über das im Vorfeld vielfach kritisierte Treffen: „Es ist gut, dass der Gipfel abgehalten wird. Hier ist auf Stimmung gemacht worden.“
Früher kam viel Prominenz, heute dominieren die Ehemaligen
Aiwanger ist nicht der einzige, der diese Erzählung jetzt verbreitet. Medien und Politiker links der Mitte hätten versucht, den Weimer-Gipfel kaputtzumachen. Ein Mann aus der Automobilbranche sagt: „Wir brauchen dringend Treffen wie diese, um darüber zu reden, wie es weitergehen soll.“ An Gipfel-Partnern stechen durch große Werbebanner ins Auge: Der Privatsender NTV, Vodafone sowie die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (VBW).
Ein Blick auf die Rednerliste zeigt auf erdrückende Weise: Die großen oder größeren Namen fehlen. Es finden sich darauf viele öffentlich weitgehend unbekannte Wirtschaftsleute und viele ehemals bedeutende Personen. So erhält der ehemalige Bundesfinanzminister und CSU-Vorsitzende Theo Waigel, 87 Jahre alt, als „Mr. Euro“ einen „Freiheitspreis der Medien“. Die Laudatio hält der ehemalige österreichische Bundeskanzler und konservative ÖVP-Politiker Wolfgang Schüssel (80).
Als Redner gekommen sind etwa Paul Achleitner (ehemals Deutsche Bank), Nina Ruge (ehemalige Fernsehmoderatorin), Peter Tauber (ehemaliger CDU-Generalsekretär unter Angela Merkel), Annegret Kramp-Karrenbauer (ehemals CDU-Vorsitzende) sowie Armin Laschet (auch ehemals CDU-Vorsitzender sowie gescheiterter Unions-Kanzlerkandidat). Als aktiver CDU-Politiker spricht immerhin Philipp Amthor, 33 Jahre alt und Staatssekretär im Digitalministerium. Auf zumindest einen Alibi-Sozi oder -Grünen wurde diesmal ganz verzichtet.
Bayrische Ministerien traten als Sponsoren auf
Ende 2025 wurde weiter recherchiert über die Beziehungen des Ludwig-Erhard-Gipfels zur Politik. Dabei stellte sich heraus, dass eine ganze Reihe Ministerien der bayerischen Staatsregierung das Treffen jahrelang finanziell gesponsert haben. Nein, das sei falsch, sagte einem damals jede Pressestelle - es habe Kooperationen gegeben, die ganz üblich seien mit verschiedensten Akteuren. Die Abfrage dieser Zeitung ergab jedoch, dass das Wirtschafts-, das Digitalministerium sowie die Staatskanzlei selbst von 2022 bis 2025 insgesamt 686 000 Euro zahlten. Von Jahr zu Jahr stieg der jeweilige Betrag.
Die Minister redeten dann auf den Treffen, CSU-Ministerpräsident Markus Söder fungierte als Schirmherr – was immer das ist – und gab einen eigenen Empfang. Als die Zahlen aufkamen, wurde das Geld für 2026 eilig gestrichen und die Auftritte abgesagt. Söder ist nicht wie davor angekündigt da, ebenso wenig wie Gesundheitsministerin Judith Gerlach und Staatsminister Florian Herrmann. Landtagspräsident Ilse Aigner, die als Bundespräsidentin gehandelt wird, wollte sich die Teilnahme offenhalten – Gut Kaltenbrunn liegt in ihrem Wahlkreis – und sie gilt als Freundin der Weimers. Nun ließ sie erklären, sie werde „möglicherweise“ zu einzelnen Programmpunkten kommen. Das werde sie „spontan entscheiden“.
Ein Gipfel der Nicht-Nachrichten
Der Gipfel und seine Maschinerie geben sich, nun ja, ziemlich hochstaplerisch. Über die drei Tage hinweg werden Pressemitteilungen veröffentlicht, die Nicht-Nachrichten sind. Hildegard Müller etwa, Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie, sagt: „Europa darf sich nicht selbst schwächen.“ Theo Waigel fordert eine europäische Verteidigungsgemeinschaft. Stefan Wintels von der staatlichen Förderbank KfW schlägt eine „parteiübergreifende Deutschland-Agenda“ vor. Das ist Gipfel-PR ohne Relevanz.
Zwei Frauen - „Medienbranche“, sagen sie - loben beim Kaffee die Weimer-Gattin Christiane Goetz-Weimer. „Unglaublich, dass sie das alles gestemmt hat.“ Denn Wolfram Weimer fiel ja aus. Dessen Traum war es eigentlich, so wird kolportiert, Bundeskanzler Friedrich Merz zu dem Treffen zu bekommen. Hat nicht geklappt. Die beiden sind befreundet, beide haben Häuser am Tegernsee.