Freier, Voyeure und Passanten ziehen Samstagnacht durchs Leonhardsviertel – die Frauen, die auf der Straße Kundschaft suchen, arbeiten meist unter miserablen Bedingungen. Foto: Max Kovalenko/PPF

Schließung dreier Bordelle könnte Leonhardsviertel neue Chance bieten – Aber: Vorschlag mit Tücken.

Stuttgart - Die Betreiber von drei Bordellen im Leonhardsviertel haben der Stadt Stuttgart schriftlich die Schließung ihrer Betriebe angeboten. Damit würde sich die Zahl der Zimmer, in denen es im Bereich Leonhard-, Katharinen- und Weberstraße Sex gegen Geld gibt, mit einem Schlag von derzeit rund 120 Zimmern auf 50 bis 60 Zimmer reduzieren.

Der Rückzug könnte „den Weg ebnen“ für eine „Neuplanung und Neukonzeption“ des bisherigen Rotlichtviertels, heißt es in einem Schreiben der beiden Bordell-Eigentümer an Finanzbürgermeister Michael Föll (CDU) und Baubürgermeister Matthias Hahn (SPD). Dafür sei es allerdings nötig, dass die Stadt „im Gegenzug ein adäquates Gebäude mit der gleichen Nutzung wie bisher“ zur Verfügung stellt. Sprich: Die Sexbetriebe sollen im Stadtgebiet verlagert werden.

Die drei Bordelle in der Weberstraße 11 A und 16 sowie in der Leonhardstraße 7 gehören zu den größten Betrieben im Viertel, die in jüngerer Zeit zum Teil mit erheblichem Aufwand baulich saniert wurden. Außerdem gehören sie zu den insgesamt vier Betrieben, die aufgrund einer Altfallregelung faktisch genehmigt sind. Alle anderen Prostitutionsbetriebe im Viertel wirtschaften in einer rechtlichen Grauzone oder sind durch das harte juristische Durchgreifen der Stadt wenn nicht kurz-, so doch mittelfristig von der Schließung bedroht.

Hahn: „Wir wollen das Sexgewerbe nicht komplett aus dem Leonhardsviertel holen“

„Wenn wir gehen, könnte die Stadt sozusagen die Rückeroberung des Viertels einläuten“, sagen die Bordellbetreiber im Gespräch mit unserer Zeitung. Wenn es dort nur noch nicht genehmigte Prostitutionsbetriebe gebe, könne die Stadt umso konsequenter dagegen vorgehen. „Wenn die Sexbetriebe fort sind, verschwindet auch die von allen Seiten unerwünschte Armutsprostitution auf der Straße“, argumentieren sie.

„Wir werden den Vorstoß im Herbst in den neuen beratenden Unterausschuss des Gemeinderats zur Zukunft des Leonhardsviertels einbringen und darüber reden“, kündigt Bürgermeister Hahn an. Falls man die Sache voranbringen wolle, müssten die Initiatoren aus dem Rotlicht zunächst „ein konkretes Angebot vorlegen, bei dem auch die Konsequenzen klar werden“.

Hahn deutet an, dass sich die Stadt aus allgemeinen Erwägungen heraus schwertun dürfte, selbst ein konkretes Gebäude zur alternativen Bordellnutzung vorzuschlagen. Außerdem habe man eine andere strategische Zielsetzung: „Wir wollen das Sexgewerbe nicht komplett aus dem Leonhardsviertel holen“, sagt er. „Stattdessen streben wir eine Koexistenz von Rotlicht, urbanem Wohnen, Gastronomie oder Kleingewerbe an.“ Auf der Rückseite der Hauptstätter Straße zum Beispiel könne er sich durchaus neue Stadtwohnungen vorstellen, so Hahn.

„Als Sexadresse für spezielle Kunden wird das Leonhardsviertel immer bestehen“

In der Sexbranche kann man sich das Viertel ganz ohne Rotlicht kaum vorstellen, obwohl die Stadt seit zwei Jahren erheblichen juristischen Druck aufbaut, bereits ein großes, illegales Laufhaus geschlossen und in mehreren Gerichtsverfahren obsiegt hat. Auch der schleichende strukturelle Niedergang im Städtle, wo ohnehin ein Bruchteil der Prostituierten in Stuttgart arbeitet und zurzeit nur die Armutsprostitution boomt, müsse nicht das Aus bedeuten, heißt es. „Als Sexadresse für spezielle Kunden wird das Leonhardsviertel immer bestehen“, meint ein Mann, der dort seit Jahrzehnten sein Geld macht.

„Man kann das Rotlicht ruhig erhalten; man sollte ihm aber den Schmuddelcharakter nehmen und den menschenunwürdigen Straßenstrich auflösen“, sagt der Architekt Manfred Hund, der am Rande des Viertels sein Büro hat. Um die Situation zu stabilisieren, kann er sich sogar vorstellen, dass einige zusätzliche Laufhäuser legalisiert werden.

„Wir fordern kein rotlichtfreies Viertel; allerdings erwarten wir von der Stadt, dass sie Recht und Gesetz durchsetzt“, sagt Erhard Bruckmann, Vorsitzender des Verschönerungsvereins Stuttgart, der sein Domizil gleichfalls am Rande des Viertels hat.

Das sehen die zwei Betreiber, die der Stadt den Rückzug anbieten, recht ähnlich. „Wenn aus dem Umzug nichts wird und wir doch hier bleiben sollten, gehen wir davon aus, dass die Stadt zeitnah sämtliche Betriebe schließt, die nicht legal sind“, sagen sie.

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