Ein Torwartwechsel steht an: Oliver Baumann (links) macht in Stuttgart Platz für Alexander Nübel. Foto: IMAGO/STEINSIEK.CH

Der 29-Jährige wird an diesem Montag das Tor der Nationalelf hüten – doch auch die anderen Stuttgarter machen sich Hoffnungen auf einen Einsatz im DFB-Trikot.

Der Schwaben-Block hat sich geschlossen gezeigt. Erst schlenderten Deniz Undav, Chris Führich und Angelo Stiller vom VfB Stuttgart in ihren neuen, blauen Trainingsanzügen zum Mannschaftsbus im St. Jakob Park. Kurz darauf folgten in den Stadionkatakomben Joshua Vagnoman und Alexander Nübel, um mit dem deutschen Nationalteam die nächste Dienstreise anzutreten. Von Basel über Freiburg nach Stuttgart. So sah die Route aus vor der Ankunft am Samstagabend im Waldhotel in Degerloch.

 

Im Gepäck hatte der Tross des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) den 4:3-Sieg im WM-Test gegen die Schweiz – und die Überzeugung, es an diesem Montag (20.45 Uhr/ARD) gegen Ghana in der MHP-Arena noch einmal besser machen zu können. Eine der Fragen, die der Bundestrainer Julian Nagelsmann im Vorfeld zu beantworten hatte, lautet: Wie groß wird der Stuttgart-Faktor in der Aufstellung diesmal sein?

Groß genug. Allerdings nicht aus Folklore-Gründen, sondern um weitere Erkenntnisse für die Weltmeisterschaft im Sommer in Nordamerika zu gewinnen. Zu wichtig erscheint dem Bundestrainer die verbleibende Zeit bis zum Turnierbeginn in knapp elf Wochen, um neue Feldversuche zu wagen. In der Schweiz kam in Stiller lediglich ein VfB-Profi im Mittelfeld zum Einsatz, gegen Ghana wird Nübel in Stuttgart das Tor der DFB-Elf hüten. „Das ist aber kein Casting auf der Torhüterposition“, sagt Nagelsmann, „es ist eine Belohnung für sehr gute Leistungen.“

Oliver Baumann, der gegen die Eidgenossen nicht sein bestes Länderspiel bestritt, erhält eine Pause. An seinem Status als Nummer eins ändert das jedoch nichts. Der Hoffenheimer hat für den verletzten Marc-André ter Stegen den Posten zwischen den DFB-Pfosten bezogen. Darauf hat sich Nagelsmann bereits festgelegt. Auch mit Blick auf die WM im Sommer.

Nübel ist der Mann dahinter. Dass der 29-Jährige in seiner sportlichen Heimat eine Bewährungsprobe erhält, ist Dank und Wertschätzung zugleich. Der Ostwestfale verhält sich ruhig und loyal. Er arbeitet gut mit dem DFB-Torwarttrainer Andreas Kronenberg in der Spezialistengruppe mit den Handschuhen zusammen. Zudem ließ er sich nie über seine Ausbootung unmittelbar vor der Heim-EM im Juni 2024 aus.

Nübel will zur Weltmeisterschaft und hat beim VfB mit konstanten Leistungen die Basis dafür gelegt. „Ich freue mich extrem, weil das Spiel in meinem sogenannten Wohnzimmer stattfindet,“, sagt der Schlussmann, der sein Spiel noch einmal verfeinert hat. Höhere Präsenz, zielstrebige Zuspiele, weniger Fehler. „Er könnte bei anderen Nationen die Nummer eins sein“, sagt der Bundestrainer, der die Situation auf der Torwartposition als „maximal entspannt“ bezeichnet. Selbst wenn drei Keeper ausfallen sollten, seien immer noch drei starke Torhüter vorhanden.

Anders verhält es sich dagegen im Angriff. Da fällt im Sturmzentrum die Auswahl kleiner aus. „Sieben Zehner, null Neuner“, titelte die „Süddeutsche Zeitung“ bei der Analyse der Offensive, da kein klassischer Mittelstürmer auszumachen sei. Undav wird da sicher zu einem anderen Schluss kommen, da er sich als Stürmer versteht – und nichts anderes. Neben Kai Havertz und Nick Woltemade gehört er zu den Kandidaten für die Position in der Spitze. Trotz Superquote mit 23 Saisontreffern und 13 Torvorlagen muss sich der Stuttgarter jedoch hinten anstellen.

Warmlaufen für einen Länderspiel-Einsatz: Angelo Stiller, Deniz Undav und Chris Führich (von links) beim Training Foto: IMAGO/DeFodi Images

In Basel wurde der in England schwächelnde Woltemade für den Rückkehrer Havertz eingewechselt. Aus taktischen Gründen – und aus psychologischen, so Nagelsmann. „Es war ein superintensives Spiel, was das Anlaufen angeht“, sagt der Bundestrainer. „Deniz hat seine Qualitäten, wenn wir selbst viel kontrollierten Ballbesitz haben.“ Gegen die Schweiz habe er aber einen Schwerpunkt auf dem Umschalten gesehen und daher Woltemade bevorzugt. Außerdem hatte Nagelsmann im Sinn, den Ex-Stuttgarter zu stärken: Undav in dieser Phase zu bringen hätte bedeutet, „einem Topstürmer, der gut drauf ist, noch weiter Selbstvertrauen zu geben“. Gleichzeitig hätte dies jedoch geheißen, „einen Topstürmer, der gerade nicht so gut drauf ist, fallen zu lassen“.

Nagelsmann in Bestform. Er hat sich mit seinem Trainerteam zuletzt ja viele Gedanken gemacht und etliche Szenarien entworfen. Eine Renaissance des VfB Deutschland gehörte dabei nicht dazu. Zunächst. Jetzt erinnern die Bilder an den Sommer 2024, als die Stuttgarter zuvor durch die Bundesliga bis zur Vizemeisterschaft gestürmt waren und sich der Bundestrainer gleich vier formstarke VfB-Profis in den EM-Kader holte. Und nun soll Undav ebenfalls Einsatzminuten erhalten. Der Schwaben-Block ist also dabei, sich vor der WM wieder zu festigen.