Laut einer Insa-Umfrage sind 84 Prozent der Bürger für Pflichtsprachkurse vor der Einschulung. Die Einführung im Land läuft, kommt laut AfD aber zu spät. Was ist da dran?
Für Kinder, die nicht ausreichend Deutsch können, befürwortet eine überwältigende Mehrheit der Bürger in Baden-Württemberg verpflichtende Sprachförderkurse schon vor der Einschulung. Das geht aus einer aktuellen Umfrage des Erfurter Meinungsforschungsinstituts Insa hervor. Demnach haben sich 84 Prozent der Befragten für solche Pflichtangebote ausgesprochen. Dabei votieren 57 Prozent „auf jeden Fall“ und 27 Prozent „eher“ für Sprachförderunterricht. Gegen eine verpflichtende Sprachförderung, die der Grundschule vorgeschaltet ist, ist nicht einmal jeder zehnte Befragte; „gar nicht“ dafür sind lediglich drei Prozent, „eher nicht“ dafür sind sechs Prozent der Befragten.
Schwindelerregende Unterstützung quer durch alle Lager
Bei der repräsentativen Umfrage, die Insa im Auftrag der AfD-Landtagsfraktion vom 7. bis 14. Oktober durchgeführt hat, wurden tausend über 18-jährige Bürger aus dem Land telefonisch befragt. Quer durch die politischen Lager liegen die Zustimmungswerte zur verpflichtenden Sprachförderung laut der Umfrage deutlich über einer Zwei-Drittel-Mehrheit. Mit 77 Prozent ist die Unterstützung dafür in der Wählerschaft der Linken noch am geringsten. Am höchsten ist die Zustimmung im Lager der Liberalen (92 Prozent), gefolgt von Sympathisanten des Bündnis Sahra Wagenknecht (91), den Wählerschaften von AfD (90), CDU (88), Grünen (85) und SPD (84).
„Eine umgehende Einführung verpflichtender Sprachförderkurse“ forderte angesichts dieser Zahlen der bildungspolitische Sprecher der AfD-Fraktion Rainer Balzer. „Wer in Deutschland lebt, muss sich verständigen können – besonders vor dem Schuleintritt. Ansonsten ist kein Schulunterricht mehr möglich, was in vielen Klassen hierzulande bereits jetzt der Fall ist“, betonte der AfD-Politiker und machte sich zugleich dafür stark, dass Deutsch im Schulalltag und auf dem Pausenhof „die verbindliche Verkehrssprache“ bleibt.
Förderbedarf bei jedem dritten Kind
Die grün-schwarze Koalition hat im Rahmen ihres Schulreformpakets den Aufbau flächendeckender verpflichtenden Sprachförderkurse in Kitas und Grundschulen bereits in die Wege geleitet. Werden bei der Schuleingangsuntersuchung substanzielle Sprachdefizite festgestellt, soll Zug um Zug eine Pflicht zum Besuch von Förderkursen greifen. Laut Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) gibt es so gravierende Mängel vor der Einschulung bei etwa einem Drittel der Schüler, wobei sowohl Kinder mit deutscher als auch mit anderer Herkunftssprache betroffen sind.
Der Startschuss für das „Sprachfit“-Programm fiel im vorigen Schuljahr mit ungefähr 350 Fördergruppen an den Kitas. Bis zum Schuljahr 2027/2028 soll laut den Plänen der Landesregierung Zug um Zug eine flächendeckende Förderstruktur mit 4200 Gruppen landesweit werden. Ab dem Schuljahr 2026/2027 sollen Kinder, die trotz vorheriger Sprachförderung in der Kita bei der Einschulung noch Sprachförderbedarf haben, zum Besuch von „Juniorklassen“ an der Grundschule verpflichtet sein; diese sollen als „Klasse Null“ dem regulären Besuch der ersten Klasse vorgeschaltet werden.
AfD kritisiert grün-schwarzes Reformtempo
Die AfD kritisiert, dass die grün-schwarzen Neuerungen viel zu spät umgesetzt werden. „Was hilft es uns in unserer jetzigen Lage, wenn es verbindliche Sprachtests erst 2028 geben wird“, monierte der AfD-Bildungspolitiker Rainer Balzer. „Wie viele Jahrgänge gehen unterdessen verloren?“ Er nimmt für seine Fraktionen in Anspruch, drei Jahre vor Grün-Schwarz einen Gesetzentwurf mit ähnlicher Stoßrichtung in den Landtag eingebracht zu haben. Vorgeschlagen wurde von der AfD die Einrichtung von Schulvorbereitungsgruppen an Kitas zur „Herstellung der Grundschulfähigkeit“. Der Gesetzentwurf von 2022 sah dafür vier Stunden Vormittagsunterricht an fünf Wochentagen vor. Die Kurse sollten laut dem AfD-Entwurf mit einer Prüfung enden, in der Lernerfolg, Verhalten und Mitarbeit benotet werden. Alle übrigen Fraktionen lehnten das Konzept im Landtag ab. Dieses werde, so die Argumentation, weder den Lernbedürfnissen der Kleinen gerecht noch dem Bildungsauftrag der Kitas, der mit Unterricht und Wissensvermittlung in der Schule nicht gleichzusetzen sei.
Erste Initiativen für eine bessere Förderung entwickelte die Landesregierung nach dem schlechten Abschneiden der baden-württembergischen Viertklässler beim IQB-Bildungstrend im Herbst 2022. Grundsatzbeschlüsse wurden im April 2023 von beiden Koalitionspartnern gefasst, im Mai 2024 stellte die Landesregierung ihr Sprachförderpaket vor. Die nötigen Gesetzesänderungen beschloss der Landtag Anfang 2025.