Schwere Niederlagen mit ihren Mannschaften. Von links: die Trainer Tim Schumann (SV Vaihingen), Carmine Napolitano (SV Bonlanden) und Niki Oroz (Croatia Stuttgart). Foto: Archiv/Günter Bergmann

Auch am 20. Spieltag bestätigt die Staffel ihren Ruf als Wundertüte. Von Vaihinger Video-Grüßen, einem Ellbogen-Aussetzer und dem drohenden Saison-Aus für den Toptorjäger der Liga.

Im wöchentlichen Tippspiel unserer Zeitung zur Fußball-Bezirksliga ist es diese Saison eine zähe Geschichte: Die Experten liegen reihenweise daneben. Kein Wunder: wer wollte solche Ergebnisse richtig voraussagen? Auch am aktuellen 20. Spieltag ist sich die Staffel ihrem mittlerweile erworbenen Ruf als Wundertüte treu geblieben – sehr zum Leidwesen des SV Vaihingen, des SV Bonlanden und von Croatia Stuttgart, die schwere Niederlagen hinnehmen mussten. Und sehr zur Freude des TSV Jahn Büsnau und des ASV Botnang. Die beiden Aufsteiger steuern als Zweiter und Dritte der Tabelle weiter stramm auf Favoritensturzkurs. Wird es einem von ihnen am Ende gar gelingen, auch die Titelprognosen auf den Kopf zu stellen?

 

SV Vaihingen – Spvgg Holzgerlingen

Ausschließen sollte es jedenfalls besser keiner mehr. Schließlich ist die Saison längst über den Zeitpunkt der bloßen Momentaufnahmen hinaus. Und schließlich auch vergeht gerade keine Woche, in der keiner der eigentlich Hochgewetteten eine Bruchlandung erlebt. Diesmal erwischte es vor allem den SV Vaihingen, der nach seiner 0:6-Heimschlappe gegen die Spvgg Holzgerlingen Beine sortiert. Vor zwei Wochen waren die Schwarzbachkicker noch Tabellenführer, nun müssen sie aufpassen, dass ihnen im Nachholspiel am Donnerstagabend (19.30 Uhr) zuhause gegen den SV Deckenpfronn nicht vollends der Scheitel gezogen wird. Der nächste Gegner ist das bislang beste Rückrundenteam.

Wobei, im Prinzip egal, wer kommt: „Wenn wir keine andere Einstellung finden, wird es in jedem Spiel schwer“, weiß der Trainer Tim Schumann. Der Grund für die aktuelle Schlappe, bei der er schon nach gut 20 Minuten dreimal im eigenen Kasten eingeschlagen hatte, ist für den Coach schnell benannt: „Die Bereitschaft, auf dem Platz alles zu investieren, hat gefehlt.“ Eine ebenso nüchterne wie ernüchternde Erkenntnis. Denn: Hätte man nicht eher vermuten können, dass die womöglich große Chance für den Verein, nach zwölf Jahren in die Landesliga zurückzukehren, zusätzliche Schubkraft gibt?

Aber so kann man offenbar irren, auch Schumann, der es gleichwohl bei einem inneren Brodeln belässt. Den Donnerwetter-Impuls hat er schon am Sonntag unterdrückt, die Botschaft an die Mannschaft folgte am Tag danach in digitaler Form. In die Chatgruppe schickte der Coach ein Video. Inhalt: das komplette Spiel. Schumanns schmallippiger Kommentar: „Damit es sich jeder noch einmal angucken kann – oder, wenn er lieber mag, es auch bleiben lässt.“

Bei den Gästen würde das Filmchen wohl insbesondere einem gefallen: Max Horn, der im Sommer zum Landesligisten VfL Sindelfingen wechseln wird, netzte vierfach ein.

TSV Jahn Büsnau – SV Bonlanden

In Frustlaune ist Schumann indes nicht allein. Als Schicksalsgenosse zeigt sich der Amtskollege Carmine Napolitano, dem es mit seinem SV Bonlanden nicht viel besser erging. Auch die Filderstädter erlebten einen rasanten Absturz auf dem Stimmungsbarometer. Vor Wochenfrist noch als Spitzenreiter-Schreck unterwegs, taumelten sie nun beim TSV Jahn Büsnau in ein 0:3. Und auch Napolitano braucht nicht lang zu überlegen, woran es lag. „Kein Torschuss, keine Torchance – eine Leistung aus der untersten Schublade“, poltert er und fügt an: „Es war, als hätte uns jemand K.-o.-Tropfen gegeben.“ Willenlos, nicht präsent. Und so ist die vage Aussicht, nach einer schon missratenen Hinserie doch noch einmal an die vorderen Tabellenplätze heranzuschnuppern sogleich wieder vertan.

Kurzum, laut Napolitano „ein Scheißwochenende“, das mit den kurzfristigen Absagen der Leistungsträger Yannic Poet (Skiausflug) und Christian Weiller (Kitesurfing-Kurzurlaub in Frankreich ) für die Gäste schon schlecht begonnen hatte – und das dann obendrein eine passend bittere Abrundung erhielt. Der eingewechselte Daniele Sinesi flog mit Rot vom Platz. Es war die Strafe für einen Ellbogenschlag gegen den gegnerischen Torjäger Marc Hetzel.

Letzterer avancierte dennoch zum Matchwinner seiner Elf. Mit einem direkt verwandelten Freistoß leitete er den Büsnauer Heimsieg ein, und zum zweiten Treffer legte er per Eckball auf. Am Ende waren es für den Klassenneuling drei Tore, die drei nächsten Punkte und damit auch drei weitere Appetithappen für die eigenen Ambitionen im Klassement. Aus denen macht der Trainer Dominik Lenhardt mittlerweile kein Geheimnis mehr. „Wir reden nicht vom Aufstieg, aber wir merken, dass etwa drin ist“, sagt er. Und: „Vielleicht gelingt es uns ja, am Ende, die Kirsche draufzusetzen.“ Stand jetzt führte der Weg in die Relegation.

ASV Botnang – SV Rohrau

Doch haben die Büsnauer im Ringen um den inoffiziellen Titel „Überraschungsteam der Saison“ hartnäckige Konkurrenz. Mit dem noch größeren Lauf wartet seit Jahreswiederbeginn der punktgleiche Mitaufsteiger ASV Botnang auf. Jener hat am Sonntag mit einem furiosen 6:0 gegen den Landesliga-Absteiger SV Rohrau ein erneutes Ausrufezeichen gesetzt. Bedeutet: nun vier Siege in Serie, dies bei 17 erzielten Toren. Und das Fahrwasser wird immer doller. „Alle pushen sich gegenseitig. Alles klatschen sich ab. Alle sind am Feiern“, stellt der Trainer Alexander Schweizer den Teamgeist heraus. Ist es der Geist, der nun sogar ursprünglich vermeintlich Unmögliches möglich macht?

Fakt ist: zum Ersten Darmsheim sind es auch für die Botnanger nur zwei Punkte Abstand. Und: beide vor ihnen platzierten Teams haben sie in dieser Saison noch in ihrer Heimfestung an der Furtwängler Straße zu Gast. Am 26. April geht es dort eben gegen Darmsheim, am 17. Mai dann gegen Büsnau. Bis dahin wollen Schweizer und die Seinen unverändert Gas geben, was der Coach aktuell schon mit seiner Aufstellung unterstrich. Kein Platz in der Startelf für alle Torjäger des Kaders? Von wegen. Ein Kunstgriff half. Der Winterzugang Edison Qenaj durfte diesmal in neuer Rolle ran. Er lief als Linksaußen auf.

Ergebnis? Vor allem die Flügelzange mit Qenaj sowie dessen Pendant Rick Hachenbruch war es, die dem Gegner schnell alle Erfolgshoffnungen abklemmte. Beide trafen jeweils doppelt. Der 1,96-Meter-Lulatsch, vormals beim Landesligisten SV Germania Bietigheim unter Vertrag, steht damit bei bereits fünf Toren in fünf Spielen für seinen neuen Verein. „Er“, lobt Schweizer „macht das sensationell gut.“

Einziger Wermutstropfen für den Trainer: Sein Keeper Erik Strube, der zwischen den Pfosten gerade den verletzten Robin Fast (erneute Rückenprobleme) vertritt, steht als Abgang fest. Ihn zieht es im Sommer zurück in seine hessische Heimatregion.

TV Darmsheim – TV Echterdingen II

Weiter geht es für die Botnanger bereits am Karsamstag mit der Auswärtspartie beim TV Echterdingen II. Letzterer rüttelte einstweilen kräftig am Thron des erwähnten Spitzenreiters TV Darmsheim, musste sich aber am Ende auf dessen Platz etwas unglücklich mit 2:3 geschlagen geben. „Leider haben wir den Anfang verpennt. Insgesamt hätten wir einen Punkt verdient gehabt“, sagt der Trainer Sascha Blessing. Die größte Ausgleichschance einer zwischenzeitlichen Aufholjagd der Gäste vergab Ivan Cosic. Nach seinem Schuss kratzte die gegnerische Abwehr den Ball gerade noch von der Torlinie. Verpasst somit das zweite Hurraerlebnis innerhalb von nur vier Tagen. Am Donnerstag erst hatten die Gelb-Schwarzen mit einem 8:4-Schützenfest beim A-Kreisligisten Sportvg Feuerbach den Einzug ins Bezirkspokalhalbfinale perfekt gemacht.

In Darmsheim profitierten sie nun auch davon, dass ihrem Kontrahenten sein wichtigster Spieler fehlte. Simon Lindner, mit 25 Toren Führender der Liga-Schützenliste, muss das vorzeitige Saison-Aus fürchten. Bei ihm besteht der Verdacht auf einen Knorpelschaden im Knie. Ohne ihn lautete Blessings Erkenntnis: „Wir haben in dieser Runde schon gegen stärkere Mannschaften gespielt.“

TSV Musberg – TSV Dagersheim

Dass dabei eh nicht immer der Tabellenstand die alleinige Aussagekraft hat, zeigt das Beispiel des TSV Musberg. Dessen Trainer Christopher Eisenhardt zieht den Hut vor dem aktuellen Gegner TSV Dagersheim. Der Vorletzte, designierter Wiederabsteiger, ja. Aber: „Wie die gekämpft und sich präsentiert haben, top“, sagt Eisenhardt und wagt eine Prognose: „Wer die unterschätzt, wird auf die Schnauze fallen.“ Seine eigene Mannschaft vermied selbiges nur knapp. Mit einem 2:1 setzten die Musberger ihren Aufwärtstrend fort. Ihr somit vierter Sieg im fünften Rückrundenspiel katapultiert sie in die obere Tabellenhälfte, sodass eines nurmehr Formsache scheint. Die Indizien mehren sich, dass Eisenhardt verlängern wird. Eine Entscheidung soll spätestens in der Woche nach Ostern fallen. Von Vereinsseite ist dieser Wunsch eh bereits formuliert.

Allemal gefallen hat Eisenhardt die Reaktion seiner Mannschaft auf die vorangegangene Niederlage in Deckenpfronn. Die drei entscheidenden Spieler dabei: Rubens Pinheiro Martins und Julien Kappeler netzten jeweils mit Distanzschüssen ein – für den Erstgenannten ein gutes Startelf-Comeback. Nachdem er verletzt weite Teile der Rückrunden-Vorbereitung verpasst hatte, war ihm zuletzt nur eine Jokerrolle geblieben. Und dann war da noch der Ergebnisretter zum Schluss: Der Torhüter Giorgio Alber verhinderte mit einer starken Parade den späten Ausgleich.

VfL Herrenberg – Spvgg Cannstatt

Ein Stichwort, das man bei der Spvgg Cannstatt wiederum gerne hören wird. Die Neckarstädter bejubelten bei ihrem 3:3 in Herrenberg gleich dreimal den Ausgleich. Dreimal Rückstand, dreimal kam der Tabellensechste zurück, allerdings auch mit dem nötigen Glück. „Wir dürfen uns nicht beschweren, wenn die Begegnung schon nach der ersten Hälfte verloren ist“, räumt der Trainer Damian Nagler ein. 45 Minuten lang stand sein Keeper Robin Spajic unter Dauerbeschuss – und war der Mann, der Schlimmeres verhinderte. Zugleich sammelte er damit Argumente für eine dauerhafte Beförderung zur Nummer eins. Schon am Spieltag zuvor hatte Spajic den Vorzug vor dem bisherigen Platzhirsch Rafael Busic erhalten, laut Nagler aus Leistungsgründen. Diesmal schied Busic allein schon deshalb als Option aus, weil er inzwischen im Urlaub weilt.

Als Cannstatter Doppeltorschütze gefiel zugleich Claudio Caruso, während ein anderer Mannschaftsbereich Sorgen macht. SOS in der Abwehr: Nagler gehen allmählich die Verteidiger aus. Am Sonntag mussten nun auch noch die Routiniers Markus Lurz und Marco Schulz angeschlagen vom Platz. Letzterer, der Kapitän, hatte notgedrungen in der Abwehrzentrale ausgeholfen.

Croatia Stuttgart – VfL Oberjettingen

Nichts freilich im Vergleich zu den Problemen von Croatia Stuttgart. Für den Stadtnachbarn wird die Luft im Abstiegskampf immer dünner. Sechs Punkte hatten die Kroaten aus dem Kellerduell-Doppelpack mit den Schlusslichtern Dagersheim und Oberjettingen eingeplant gehabt – null sind es geworden. Dem 0:1-Tiefschlag von vor einer Woche ist nun ein noch bittererer Dämpfer gegen den abgeschlagenen Tabellenletzten gefolgt. Endstand diesmal: ein 3:4. Erneut kassierte die Mannschaft des Trainers Niki Oroz das entscheidende Gegentor kurz vor Schluss. Simon Dengler traf für die Gäste in der Nachspielzeit.

Noch so ein Ergebnis, das wohl keiner getippt hatte. Wer überhaupt hätte geahnt, dass es für Croatia eine weitere derartige Zittersaison werden würde? Aber es passt zu diesem Spieljahr der Überraschungen.

Die Statistik zum 20. Spieltag

SV Deckenpfronn – SV Nufringen 3:1. Tore: 1:0 Wunsch (17.), 2:0 Kimmerle (23., Foulelfmeter), 3:0 Wunsch (42.), 3:1 Kaupp (83.). Besonderes: –

TSV Jahn Büsnau – SV Bonlanden 3:0. Tore: 1:0 Hetzel (30.), 2:0 Omoregie (56.), 3:0 Specht (77.). Besonderes: rote Karte für Sinesi (Bonlanden, 68./Ellbogenschlag)

TV Darmsheim – TV Echterdingen II 3:2. Tore: 1:0 Vukoja (2.), 2:0 Kuonath (12.), 2:1 Steyer (56.), 3:1 Zweigle (73.), 3:2 Boll (75.). Besonderes: –

ASV Botnang – SV Rohrau 6:0. Tore: 1:0 Hachenbruch (4.), 2:0 Hachenbruch (20.), 3:0 Qenaj (42.), 4:0 Kamberi (62.), 5:0 Daniel Schweizer (80.), 6:0 Qenaj (85., Foulelfmeter). Besonderes: –

SV Vaihingen – Spvgg Holzgerlingen 0:6. Tore: 0:1 Qaranta (3.), 0:2 Horn (7.), 0:3 Horn (22.), 0:4 Conforti (39.), 0:5 Horn (48.), 0:6 Horn (90.). Besonderes: –

Croatia Stuttgart – VfL Oberjettingen 3:4. Tore: 1:0 Nikic (4.), 1:1 Flister (31.), 1:2 Yannick Ruß (34.), 1:3 Yannick Ruß (45.+2), 2:3 Vukovic (68.), 3:3 Tokic (84.), 3:4 Dengler (90.+3). Besonderes: –

TSV Musberg – TSV Dagersheim 2:1. Tore: 1:0 Pinheiro Martins (19.), 1:1 Volz (36.), 2:1 Kappeler (59.). Besonderes: Gelb-Rot für Ocak (Dagersheim, 88.)

VfL Herrenberg – Spvgg Cannstatt 3:3. Tore: 1:0 Baurycza (29.), 1:1 Caruso (47.), 2:1 Franguere (49.), 2:2 Lizoain Garayoa (69.), 3:2 Andritschke (71.), 3:3 Caruso (79.). Besonderes: –