27 Songs, volle Lautstärke: Feine Sahne Fischfilet bringt die Porsche-Arena an einem Montagabend in den Ausnahmezustand.
Die Sitzplätze in der Porsche-Arena bleiben an diesem Montagabend zunächst spärlich besetzt – kein Wunder bei einem Konzert, das von Moshpits, fliegenden Haaren und Crowdsurfern lebt. Im Innenraum ragen bunte Irokesenfrisuren aus der Menge, erste Oberkörper sind frei, noch bevor die Vorband Focus die Bühne betritt. Focus bezeichnen sich selbst als „fünf Idioten mit dem Herzen aus Punkrock“ – mit breitem Grinsen und einem Kasten Bier auf der Bühne heizen sie die Halle innerhalb weniger Minuten an.
Feine Sahne Fischfilet, die sich vom linken Punk-Geheimtipp aus Mecklenburg-Vorpommern zu einer der sichtbarsten deutschen Rockbands entwickelt haben, betreten eine Bühne, die nahezu schmucklos bleibt. Kein Lichtzauber, keine Kulissen, nur Lautsprecher, Kabel, das Schlagzeug auf einem Podest. Darüber leuchtet in Gelb der Titel des neuen Albums: „Wir kommen in Frieden“. Der gleichnamige Opener reicht, um den Innenraum endgültig nach vorn zu drücken. Schon beim zweiten Lied, „Zurück in unserer Stadt“, ist Jan Gorkow alias Monchi nicht mehr auf der Bühne, sondern wird auf den Händen des Publikums durch den Innenraum getragen.
Inspiration für einen Song vom VfB Stuttgart
Bevor „Endlich auf Reise“ ertönt, blickt Gorkow in die Vergangenheit. „Das erste Mal haben wir 2010 in Stuttgart gespielt, damals noch vor 100, 150 Leuten“, sagt er. Heute steht die Band in der Porsche-Arena. „Das nächste Lied hätte es ohne Stuttgart nicht gegeben, denn es ist inspiriert an einem Lied und einer Choreografie vom VfB Stuttgart.“ Als der Song einsetzt, singt die Halle geschlossen mit.
Zwischendurch erzählt der Sänger davon, dass die Band lange überlegt habe, ob es Sinn mache, ein Konzert auf einen Montagabend zu legen – „und dann bist du auf ’n Montag hier in Stuttgart, Alter, und diese ganze scheiß Halle singt mit.“ Als Dank kündigt er „das edelste, das Beste, das teuerste Plastikflaschenbier aus Vorpommern“ an. „Wer Freibier will, hoch auf die Schultern.“ Binnen Sekunden ragen Dutzende Menschen über die Menge. Darunter schiebt sich alles nach vorne, als „Lass uns gehen“ einsetzt, während Becher durch die Luft wandern.
In Monchis Dorf wird mehrheitlich AfD gewählt
Später kippt der Ton ins Politische. Vor „Grüße ins Neandertal“ sagt Monchi: „Manchmal denke ich, ich lebe im Paradies, manchmal denke ich auch, ich lebe im Neandertal.“ Dann wird es konkret. „Als 54 Prozent der Leute in dem Dorf, aus dem ich komme, die AfD gewählt haben, zum Beispiel.“ Ein paar Tage später habe der Nachbar neben dem Proberaum eine schwarz-weiß-rote Fahne gehisst. „Manchmal ist man komplett abgestumpft und manchmal denkt man auch, die Welt geht unter.“„15 Jahre“ bindet diese Gedanken an eine frühe eigene Erfahrung: den Moment, in dem er als Jugendlicher von Neonazis zusammengeschlagen wurde.
In der Zugabe zeigt sich der Frontsänger von einer persönlichen Seite. Ein Lied widmet er seiner Tochter, ein weiteres seinen Eltern. Er erzählt von Stadionverbot und Bewährung und davon, dass seine Eltern immer gesagt hätten: Auch wenn sie scheiße fänden, was er mache, könne er jederzeit nach Hause kommen.
Kurz darauf richtet sich der Blick nach vorn. Nächstes Jahr feiert Feine Sahne Fischfilet ihr 20-jähriges Bestehen dort, wo für sie alles begann: in Mecklenburg-Vorpommern. Die Einladung nach Nordosten gerät zur gemeinsamen Verlängerung dieses Abends: „Am Sonntag gehen wir dann alle geschlossen in der Ostsee FKK baden, Digga. Dafür steh ich mit meinem schlechten Ruf.“
Am Ende liegen sich Band und Crew in den Armen
Das Finale gehört später „Komplett im Arsch“. Ein riesiger Kreis zieht sich durch die Halle, Menschen rennen, springen, prallen zusammen, fallen sich in die Arme. Danach tobender Applaus. Zu „Don’t Look Back in Anger“ liegen sich Band und Crew in den Armen, biergetränkt und schweißnass – als könnten sie selbst kaum glauben, diese Arena an einem Montagabend derart in Ekstase versetzt zu haben.
Hier die Setlist vom Stuttgarter Auftritt:
- Wir kommen in Frieden
- Zurück in unserer Stadt
- Alles auf Rausch
- Endlich auf Reise
- Mit dir
- Für diese eine Nacht
- 15 Jahre
- Kiddies im Block
- Awarenesskonzept
- Angst zu erfrieren
- Eine rauchen wir noch
- Warten auf das Meer
- Zuhause
- Lass uns gehen
- Keine Panik
- Sternhagelvoll (mit Focus.)
- Diese eine Liebe
- Grüße ins Neandertal
- Komm mit aufs Boot
- Wenn’s morgen vorbei ist
- Haut an Haut
- Niemand Wie Ihr
- Geschichten aus Jarmen
- Manchmal finde ich dich Scheiße
- Wo niemals Ebbe ist
- Wir haben immer noch uns
- Komplett im Arsch