Die Grünen-Politikerin Ricarda Lang wird im Zusammenhang mit ihrem Gewicht insbesondere im Netz immer wieder beleidigt. Foto: imago/Bildgehege

Viele dicke Menschen erfahren insbesondere im Netz häufig Hass und Beleidigung. Ziel von Anfeindungen ist in diesen Tagen wieder einmal die Grünen-Politikerin Ricarda Lang. Was steckt hinter den Angriffen – und was sagen sie über jene aus, die sie abfeuern?

Berlin - Es war die erste Rede von Ricarda Lang im Bundestag, wenige Tage bevor sie zur neuen Co-Vorsitzenden der Grünen gewählt wurde. In der Rede sprach sie sich vehement für eine Impfpflicht aus, argumentierte mit den Einschränkungen, die etwa Kinder und Eltern in der Pandemie ertragen müssten. Im Netz aber sind daraufhin Diskussionen nicht so sehr über das entbrannt, was die Politikerin forderte, sondern darüber, wie sie aussieht.

 

Auf der Plattform Twitter wurden seit Tagen unzählige Beleidigungen und Kommentare über sie veröffentlicht, auf manipulierten Bildern ist die 28-Jährige mit einem Burger in der Hand zu sehen oder mit der Fahne einer Fast-Food-Kette. Von ihren „zuviel aufgenommenen Kalorien“ könnte sich halb Afrika ernähren, schreibt jemand. Einige Nutzerinnen und Nutzer posten Bilder von Lang, auf denen sie ein Plakat mit der Aufschrift „My body, my choice“ hält – und stellen in Abrede, dass sie sich zu Gesundheitsthemen äußern könne.

Immer wieder hat Lang die Herabsetzung dicker Menschen zum Thema gemacht

Es ist nicht das erste Mal, dass das Körpergewicht von Ricarda Lang im Netz zum Thema wurde: Schon als Grüne-Jugend-Chefin wurde sie beschimpft. Immer wieder hat sie sich in den vergangenen Jahren zu den Herabsetzungen öffentlich geäußert, die Herabsetzung dicker Menschen ganz generell zum Thema gemacht. „Egal, wozu ich mich äußere: Ich bekomme als Antwort Kommentare zu meinem Äußeren“, schrieb Lang 2018 bei „Bento“. „Warum nehmen sich diese Fremden raus, mir ungefragt Tipps zu geben?“ In einem Interview mit der Zeitschrift „Bunte“ sagte sie 2019: „Es macht etwas mit einem, wenn man ständig als ‚fette Sau’ beschimpft wird. Und es lenkt von meinen politischen Aussagen ab.“ Sie selbst habe sich im Laufe der Zeit aber einen ganz guten Panzer zugelegt.

Kaum eine andere Politikerin erfahre so viel Hass wie Ricarda Lang, schrieb der „Spiegel“ im vergangenen Jahr. Nach einem Talkshow-Auftritt der in Nürtingen aufgewachsenen Politikerin war damals wieder einmal ein Shitstorm über die Grüne ergangen. Auf Twitter hatte sie sich damals für Solidarität bedankt – und einen Schlussstrich unter die Debatte gezogen:

Dieses Mal hat sie sich zu der neuen Welle von Beleidigungen nur kurz geäußert, in ihrer Rede auf dem Grünen-Parteitag am Wochenende, bei dem sie zur neuen Co-Vorsitzenden gewählt wurde: „Ich werde mich als Politikerin nicht davon definieren lassen“, sagte sie in ihrer Rede über die Anfeindungen. „Ich sehe aus, wie ich aussehe.“ Sie sei stolz darauf, dass das in ihrer Partei keine Rolle spiele.

Warum aber wird die 28-Jährige immer wieder Ziel solcher Angriffe – und was steckt hinter dem sogenannten „Bodyshaming“ oder „Fatshaming“?

Politikerinnen sind häufiger von Gewichtsdiskriminierung betroffen

„Das Aussehen spielt bei Politikerinnen generell eine größere Rolle als bei Politikern“, sagt die Psychotherapeutin und Wissenschaftlerin Julia Tanck. Auch die Gewichtsdiskriminierung sei in der Politik Frauen gegenüber stärker. Mehrgewichtige Frauen werden einer experimentellen Studie zufolge etwa als weniger ehrlich oder kompetent in Bezug auf eine potenzielle Kandidatur in der Politik eingestuft als schlanke Frauen, bei Männern allerdings „ist genau das Gegenteil der Fall“, sagt Tanck. Die Psychologin sieht eine Ursache dafür in einem starken Schlankheitsideal, das gerade im Hinblick auf Frauen nach wie vor weit verbreitet und über Filme oder Bilder in den Medien transportiert werde.

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Interview mit Ricarda Lang – Neue Zeiten, neue Antworten

Auch das Gewicht von Politikern wie Sigmar Gabriel (SPD) oder Peter Altmaier (CDU) war in der Vergangenheit Thema, teils Gegenstand von Spott. Die Kompetenz aber wurde solchen Politikern in der Regel deshalb nicht abgesprochen, sagt der Soziologe Friedrich Schorb – anders als bei der Grünen-Politikerin: „Ricarda Lang ist jung und links – das reizt viele Trolle im Netz ganz besonders“, sagt Schorb. Er forscht an der Universität Bremen zur Soziologie der Gesundheit und zu Gewichtsdiskriminierung. Wer sich von den politischen Positionen provoziert fühle, suche sich häufig etwas, was verletzte, sagt Schorb – und ziele auf ihr Äußeres. „Da wird es schnell gehässig.“

Wegen ihres Körpergewichts diskriminiert werden den Fachleuten zufolge aber nicht nur Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen. Schon in der Schule werden hochgewichtige Kinder Studien zufolge häufig stigmatisiert, später setzt sich das fort, etwa in einer Benachteiligung bei der Jobvergabe. Dabei geht die Mehrheit der Menschen offenbar davon aus, dass das Dicksein selbst verschuldet sei. Laut einer Umfrage der DAK Gesundheit meinen viele, dass hinter hohem Körpergewicht Disziplinlosigkeit stecke, Betroffenen werden Eigenschaften wie Faulheit zugeschrieben.

Mehrgewicht ist zum großen Teil genetisch bedingt

„Dabei sind die Gründe für eine Gewichtszunahme ganz vielschichtig“, sagt Schorb. Mitunter gebe es medizinische Gründe wie Stoffwechselerkrankungen oder Lipödeme, manchmal stecken psychische Probleme dahinter. „Es ist inzwischen aber wissenschaftlich erwiesen, dass ein hohes Körpergewicht zu ganz großen Teilen genetisch bedingt ist.“ Viel zu essen etwa habe nicht unbedingt etwas damit zu tun. Veränderte wissenschaftliche Erkenntnisse dazu setzten sich allerdings in der Gesellschaft kaum durch, meint Schorb: „Viele Menschen möchten einfach weiter einen Bereich haben, in dem sie das Gefühl haben, noch legitim diskriminieren zu können.“

Die Abwertung von Menschen aufgrund ihres Körpers oder Gewichts – „Bodyshaming“ also – hat laut der Psychologin Julia Tanck durch die sogenannten sozialen Medien möglicherweise noch zugenommen. Für Betroffene könne das gravierende Konsequenzen haben, meint Tanck: Die Demütigungen hätten häufig Auswirkungen auf die mentale wie körperliche Gesundheit. Und: Viele könnten aus Angst vor Angriffen Hemmungen haben, sich in die Öffentlichkeit zu wagen und für wichtige, politische Themen zu engagieren.

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Bodyshaming durch die Eltern – „Du bist ja richtig fett geworden“

Helfen könne im Umgang mit Beleidigungen und Hass deshalb, sich professionelle Unterstützung zu suchen – und zu lernen, sich davon abzugrenzen. „Wer andere so abwertet und angreift, ist häufig innerlich mit sich selbst unzufrieden. Das was wir nach außen kommunizieren ist ein Spiegel unseres Innenlebens.“, sagt Julia Tanck.

Forderung nach Diskriminierungsschutz und rechtlicher Handhabe

Im Netz setzen sich inzwischen immer mehr Aktivistinnen aktiv für „Body positivity“ ein, für positive Haltungen im Hinblick auf ganz unterschiedliche Körper. Auch einige mehrgewichtige Influencerinnen kämpfen bei Instagram für mehr Diversität, was Körperbilder angeht.

„Es gibt bisher allerdings keinen rechtlichen Schutz“, sagt Natalie Rosenke, Vorsitzende der Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung. Selbst wenn sich anhand des Mailverkehrs nachweisen lasse, dass eine Bewerbung nicht wegen fehlender Qualifikationen, sondern aufgrund eines unerwünschten Körpergewichts scheitere, hätten dicke Menschen rechtlich keine Handhabe.

„Wir fordern deshalb einen Diskriminierungsschutz im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz zu verankern. Gewicht muss dabei explizit genannt werden.“ Gewichtsvielfalt sei ein Fakt, sagt Rosenke, und die Menschenwürde gelte bedingungslos. „Der Body-Mass-Index ist ohnehin ein überholtes Maß und sollte schlicht keine Rolle mehr spielen.“