Hinter dem Loch brach ein Dachträger herab und schlug die Steine raus. Foto: Lichtgut// Kovalenko

Die Bahn hat entgegen früherer Angaben am Tag vor dem Fassadenabsturz doch direkt an der Unfallstelle gearbeitet. Welche Fehler sind dabei geschehen?

Stuttgart - Die Bahn hat die Ursache des Fassadensturzes am Hauptbahnhof nun herausgefunden: In dem betroffenen Gebäudeteil sei am Tag vor dem Zwischenfall „versehentlich“ eine tragende Wand herausgeschlagen worden, im Zuge der Entkernungsarbeiten für den Umbau des historischen Bonatz-Baus. Weil die Wand fehlte, habe in der Folge ein Dachträger nachgegeben. Er sei herabgebrochen und habe von innen gegen die Außenwand zur Schillerstraße hin geschlagen, sagt ein Sprecher des Bahnprojekts Stuttgart–Ulm/Stuttgart 21. Dadurch hätten sich an der Außenfassade des Bahnhofsgebäudes die großen Muschelkalkquader gelöst und seien rund 15 Meter in die Tiefe gestürzt. Sie schlugen im Bereich der Wartezone des Taxistands vorm Hauptbahnhof auf, wo glücklicherweise kein Auto stand. Auch Fußgänger sind dort tagsüber unterwegs – direkt neben der Absturzstelle ist der Abgang zur Klett-Passage.

 

Zugang wieder freigegeben

Die Information, dass der ursächliche Fehler direkt am Tag vor dem Fassadenabsturz gemacht wurde, ist neu. In den zurückliegenden Tagen hatte es geheißen, in dem ehemaligen Bürotrakt hinter der Schadensstelle sei zwar in der Vergangenheit gearbeitet worden, aktuell aber nicht. Das habe man erst jetzt bei der Fehlersuche herausgefunden und zunächst nicht gewusst, so der Bahn-Sprecher.

Es werde nun ein Konzept erarbeitet, wie der Schaden ausgeglichen werden kann, damit keine Folgeschäden geschehen. Daher sei die Absturzstelle auch weiterhin abgesperrt, bis man sich auf die geeigneten Maßnahmen verständigt habe.

Die Steinquader waren in der Nacht zum Dienstag gegen 3.30 Uhr aus der Fassade gebrochen und herabgestürzt. Im direkten Bereich darunter war niemand, sonst hätte der Absturz übel enden können. Aber in der Nähe des Bahnhofs waren Passanten, die den Knall hörten und meinten, Rauch gesehen zu haben. Sie verständigten die Polizei und die Feuerwehr. Als die Einsatzkräfte anrückten, stellte sich schnell heraus, dass es nicht brannte. Die vermeintliche Rauchwolke war aufgewirbelter Staub an der Unfallstelle.

Projektgegner: Leichtfertiger Umgang mit denkmalgeschütztem Bau

Noch bevor die Bahn die Ursache am Freitag bekannt gab, äußerten die Ingenieure 22 – eine Gruppe von Gegnern des Bahnprojekts – exakt diese Theorie, die sich nun bewahrheitete: Sie kamen bei der Auswertung von Fotos zu der Ansicht, dass eine Aussteifung der Außenfassade weggerissen wurde, schreiben sie in einer Pressemitteilung. Die Ingenieure sind „entsetzt über die Leichtfertigkeit, mit der die Bahn beim Umbau des denkmalgeschützten Bonatz-Gebäudes umgeht“, heißt es in dem Schreiben.

Im entkernten Bahnhof entsteht unter anderem ein Hotel

Vom Bau des Architekten Paul Bonatz wird am Ende fast nur noch die Hülle übrig bleiben. Das gesamte Gebäude wird entkernt. Im vorderen Teil, hinter der Fassade zur Schillerstraße hin, soll ein Hotel entstehen, um das herum ein Glaswürfel errichtet werden soll.

Die Bahn hatte nach dem Unfall den gesamten Bonatz-Bau gesperrt und untersuchen lassen, ob auch an anderen Stellen statische Probleme aufgetreten sind. Da nun feststehe, dass das nicht der Fall sei, ist der Zugang wieder freigegeben. Die Pendler müssen nun keinen weiten Umweg mehr nehmen, sondern können durch das Gebäude auf Stegen über der Tiefbahnhofsbaustelle zum Querbahnsteig gelangen, wo die Fernzüge und der Regionalverkehr starten.