Mit der S-Bahn über die ICE-Strecke: bei einer nächtlichen Fahrt wird zwischen Wendlingen und Ulm in Stuttgarter S-Bahnzüge die neue digitale Zugsicherungstechnik getestet. Foto: Christian Milankovic

Eine nächtliche Testfahrt auf der Schnellfahrstrecke Wendlingen–Ulm zeigt, wie die S-Bahn Stuttgart fit für den Digitalen Knoten gemacht wird. 5000 Kilometer umfasst das Testprogramm.

Kurz nach halb neun abends setzt sich die S-Bahn in Plochingen in Bewegung. Doch statt nach Herrenberg, Kirchheim/Teck oder sonst einem Ziel im Stuttgarter S-Bahnnetz geht es nach Ulm. Doch der Verband Region Stuttgart, der für die S-Bahn verantwortlich zeichnet, will den Aktionsradius der zuletzt viel gescholtenen S-Bahn nicht bis kurz vor die bayrische Grenze ausweiten. Vielmehr soll die nächtliche Testfahrt bessere Zeiten bei der S-Bahn Stuttgart vorbereiten. Dazu nutzt der Testzug eine für S-Bahnzüge ungewohnte Route.

 

Seit Dezember 2025 testet die S-Bahn Stuttgart ihre Fahrzeuge mit dem europäischen Zugbeeinflussungssystem ETCS – einer Schlüsseltechnik für den Digitalen Knoten Stuttgart rund um Stuttgart 21. Die Testfahrten finden ausschließlich nachts auf der Schnellfahrstrecke Wendlingen–Ulm statt. Wo sonst ICEs mit Höchstgeschwindigkeit fahren, sind die technischen Voraussetzungen für die Test vorhanden.

Die S-Bahn fährt mit 140 km/h auf der ICE-Strecke

Allerdings kann die S-Bahn nur nachts unterwegs sein, damit der reguläre Verkehr – ICEs, die österreichische Westbahn und der Regionalexpress Wendlingen-Merklingen-Ulm, nicht allzu sehr beeinträchtigt wird. Von Plochingen bis zum Ulmer Hauptbahnhof dauert die Fahrt über die Schwäbische Alb gerade einmal 35 Minuten. Die S-Bahn erreicht dabei maximal 140 km/h – mehr geben die Fahrzeuge der Baureihe 430 nicht her, die Strecke ist für 250 km/h ausgelegt.

Für Matthias Glaub, Chef der S-Bahn, ist das Projekt zentral: „Das ist ein Meilenstein für den digitalen Bahnbetrieb im Netz der S-Bahn Stuttgart“. Gleichzeitig muss die Flotte mit der neuen Technik versehen werden: „Die Umrüstung der 215 S-Bahnfahrzeuge in unserer Flotte auf ETCS läuft auf Hochtouren“. Das ist nicht einfach: „30 Fahrzeuge sind immer zeitgleich in den verschiedenen Werkstätten, was eine Herausforderung für uns ist, weil die uns dann im normalen Verkehr vorübergehend fehlen“. Trotzdem sieht er die S-Bahn auf Kurs: „Als S-Bahn Stuttgart sind wir bereit für den Digitalen Knoten Stuttgart“.

Rund 200 Millionen Euro kostet die technische Umrüstung der Fahrzeuge, der Bund bezuschusst das mit etwa 144 Millionen Euro. Nach Angaben des Verband Region Stuttgart sind derzeit 80 der 215 S-Bahnen umgebaut. Regionaldirektor Alexander Lahl sagt: „Wir erleben hier die Zukunft des Schienenverkehrs“. Beim Verband baut man sehr auf die Verbesserungen, die sich durch ETCS einstellen sollen: „Perspektivisch wird durch ETCS unsere S-Bahn wieder verlässlicher. Und sie wird leistungsfähiger“. Entscheidend sei nun die Erprobung: „Es ist wichtig, dass die umgebauten S-Bahnen viele Testkilometer absolvieren“.

Kein Ziel aber der Grund der Fahrt auf dem Monitor im Inneren der S-Bahn. Foto: Christian Milankovic

Genau das geschieht derzeit. Beide in Stuttgart eingesetzten S-Bahn-Baureihen 423 und 430 sollen jeweils 5000 Testkilometer erreichen. Ein speziell ausgerüsteter 430er-Zug ist aktuell ausschließlich für diese Fahrten im Einsatz. Mit ETCS verändert sich vor allem im Führerstand einiges. Der Lokführer, im Fachjargon Triebfahrzeugführer, muss nicht mehr auf Signale entlang der Strecke achten. Die gibt es nicht mehr. Vielmehr übermitteln Informationspunkte, die zwischen den Schienen liegenden sogenannten Balisen, dem Lokführer alles Notwendige. Das geht von der zulässigen Höchstgeschwindigkeit, über Angaben zu Gefälle oder Steigung des aktuell befahrenen Streckenabschnitts bis hin zu einer Informationen, wie weit der vor dem Zug liegende Streckenteil frei ist.

Im Führerstand erklärt Patrick Seeger, Triebfahrzeugführer und für die Tests zuständiger Referent, die Technik: „ETCS erlaubt es dem Triebfahrzeugführer bis zu 32 Kilometer vorauszublicken auf der Strecke. Das System versorgt ihn mit sämtlichen relevanten Daten“. Die Anmeldung erfolgt automatisch: „Der Zug meldet sich an dem System an, sobald er sich dem mit ETCS ausgerüsteten Streckenabschnitt zwischen Wendlingen und Ulm auf der Schnellfahrstrecke nähert“.

Die Züge erhalten bei ETCS digital alle für die Fahrt relevanten Daten. Foto: Yann Lange/ 

Damit die neue Technik im Alltag funktioniert, braucht es geschultes Personal. „Mit den Schulungen der Triebfahrzeugführer haben wir 2023 begonnen. Das dauert jeweils eine Woche und besteht bisher aus Theorieausbildung und Praxisstunden im Simulator“, sagt Seeger. Rund 440 Lokführer, die Stuttgarter S-Bahn-Netz unterwegs sind, müssen in der neuen Technik unterwiesen werden.

Um kurz vor zehn Uhr am Abend ist der Zug wieder zurück in Plochingen. Die Fahrt ist reibunsglos verlaufen. Doch auf dem Erreichten wird sich die S-Bahn Stuttgart nicht ausruhen. Das Testprogramm läuft weiter. Dass Stuttgart21 und damit auch der Digitale Knoten Stuttgart derzeit nicht mit einem Inbetriebnahmedatum versehen sind, nimmt den ganz großen Druck etwas heraus.