Ob Ballett oder Comic: Vampire erobern gerade die Bühnen. Eine Graphic Novel des Wiener Zeichners André Breinbauer zeigt, warum die Blutsauger derzeit so angesagt sind.
Sie sind überall! Die Blutsauger machen sich breit, nach Musicalhäusern und Jugendbüchern erobern sie nun die Ballettbühnen. Wird ja auch Zeit, mag sich die gar nicht so kleine Schnittmenge von Ballett- und Dracula-Fans sagen, schließlich ist seit Roman Polanskis wegweisendem Film „Tanz der Vampire“ schon ein halbes Jahrhundert vergangen.
Nun aber kündigt das Bayerische Staatsballett in München für November eine Uraufführung des rumänischen Choreografen Edward Clug an, der unter dem Titel „Carpathia – Mythos der Untoten“ eine poetische Neudeutung versuchen will. In Karlsruhe tanzen sie schon. Dort zeigt das Badische Staatsballett „Dracula“. Und die Uraufführung des britischen Choreografen Kenneth Tindall, der den Vampir-Mythos in die moderne Modewelt verlegt hat, kommt so gut an, dass das Theater seinen Spielplan für noch mehr „Dracula“ angepasst hat.
Volles Haus beim Ballett „Dracula“ in Karlsruhe
Seit der Premiere am 18. April, meldet das Badische Staatstheater, seien die Vorstellungen durchgehend ausverkauft, Publikum und Kritik gleichermaßen begeistert. Passend zum großen Interesse gibt es im Theatershop T-Shirts mit dem Schriftzug des „Dracula“-Balletts und den neuen Duft „Animus – Tanz der Sinne“. Kenneth Tindall verwandelt Dracula in einen angesagten Mode-Designer, dessen Erfolg vom Talent junger Menschen und der Schönheit anderer zehrt. Diese Interpretation wird wenige überraschen; schließlich betreibt die Modebranche, von der Näherin bis zur Natur, die Ausbeutung vieler. Die Analogie macht auch verständlich, warum der Vampirstoff so gut zu unserer Zeit passt. Ob bei der Arbeit, an der Zapfsäule oder an der Supermarktkasse: Sich ausgesaugt zu fühlen, fällt momentan leicht.
Kommentar zu Gentrifizierung und Wohnungsmarkt
Gerade zur rechten Zeit kommt daher auch die Vampirstory, die sich der Wiener Comickünstler André Breinbauer ausgedacht hat. „Blutsauger“ heißt seine zweite Graphic Novel. Sie ist ein Kommentar zu Gentrifizierung und den Problemen auf dem Wohnungsmarkt, die es tatsächlich auch in Wien gibt. Wer die schick und teuer ausgebauten Altbau-Dachgeschosse schon einmal beim Sightseeing bewundert hat, der ahnt welche Finanzkräfte auch in der österreichischen Metropole walten.
Vom Stephansdom herab, an Fiakern und Würstchenbude vorbei, schraubt André Breinbauer auf den ersten Seiten den Blick hinab in eine U-Bahn, in der seine Protagonistin Hannah gerade dem Feierabend entgegenfährt, um sich beim Heimweg durch dunkle Gasse verfolgt zu fühlen. Wenig Licht, lange Schatten, unheimliche Hausfronten: Wer Wien mal von der Schattenseite kennenlernen will, kommt bei „Blutsauger“ auf seine Kosten.
Hannah, die Omas günstigen Mietvertrag in einem maroden Wiener Altbau übernommen hat, gerät darin in einen virtuos gezeichneten Strudel der Angst. Auslöser ist der finstere Nachbar Herr Fürst, der in seinem dunklen Umhang ein schräger Cosplayer sein könnte, oder vielleicht doch ein echter Vampir? Einen herabstürzenden Dachziegel, eine tote Ratte und ein „Hier wohnt Schlampe“-Graffiti im Flur sowie diverse Stromausfälle später ist auch Hannah klüger und weiß, dass die wahre Gefahr von der Hausverwaltung „Easy Wohnen“ droht. Hinter dem Euphemismus verbirgt sich der zwielichtige Entmietungstrupp des neuen Hausbesitzers, der bereit ist, für Luxusapartments mit Tiefgarage über Leichen zu gehen.
Auf Vampir-Jagd im Wiener Altbaukeller
Bevor es soweit ist, macht sich die junge Frau mit der blonden Raspelfrisur forsch auf und stellt sich ihren Ängsten. Sie sieht eine moderne Live-Vertonung des Stummfilmklassikers „Nosferatu“ mit dem Künstlerkollektiv „Sterben im Gemeindebau“, sie deckt sich im Buchladen mit Vampir-Klassikern ein, sie heftet sich mutig an Herrn Fürsts Fersen, wagt sich in seine Wohnung und sogar in seinen Keller.
Wenn sich Punks solidarisieren
André Breinbauer nimmt uns mit in eine spannend komponierte Bildwelt, in der sich albtraumhafte Szenen, witzige Dialoge und atmosphärisch dichte Wiener Straßenimpressionen zu einem ungewöhnlichen Blick auf die Realitäten eines investorengetriebenen, renditeorientierten Immobilienmarkts summieren. Nebenbei erfährt man, welche Schlagzeilen das Entmieten in Wien schon produzierte: 2014 brauchte es Panzer, Hubschrauber und 1700 Polizisten zur Räumung eines Hauses, in dem eigens dafür einquartierte Punks die Altmieter vertreiben sollten, sich dann aber spontan mit ihnen solidarisierten.
Einfühlsam porträtierte Protagonistin
Wer will, der kann Grusel, Spannung und die Emanzipation einer einfühlsam porträtierten Protagonistin auch ohne die kritische Botschaft genießen: als sehr lebendige Hommage an Dracula, Nosferatu und Co. Um sie zu verstehen, hätte es die eingestreuten Passagen aus Bram Stokers Klassiker, die Hannahs Gefühlswelt spiegeln, gar nicht gebraucht, denn André Breinbauers „Blutsauger“-Bildkosmos spricht für sich selbst.
Info
Buch
André Breinbauer: „Blutsauger“. Avant-Verlag. 248 Seiten. 28 Euro
Ballett
Das Badische Staatsballett tanzt Kenneth Tindalls „Dracula“ in dieser Spielzeit noch am 14. Juni, 10., 17. und 22. Juli. Alle Vorstellungen sind ausverkauft, aber es gibt Wartelisten. Edward Clugs Ballett „Carpathia – Mythos der Untoten“ hat am 25. November im Münchner Nationaltheater Premiere und bleibt bis zum 16. Juli 2027 auf dem Spielplan des Bayerischen Staatsballetts.
Mythos
Historisches Vorbild Draculas ist Fürst Vlad III., der im späten Mittelalter mit besonderer Grausamkeit seine Feinde bekämpfte; nach seiner bevorzugten Hinrichtungsmethode wurde er der Pfähler genannt. Sein Vater Vlad II. Dracul war Mitglied im Drachenorden, daher der Name Dracula. Bram Stokers Roman, der auch osteuropäische Vampirlegenden aufgreift, machte ihn bekannt.