Die erneute Verzögerung von Stuttgart 21 sorgt für Unmut. Die Deutsche Bahn hält sich mit Informationen zurück, während Politiker und Verbände scharfe Kritik üben.
Die abermalige Verschiebung der Fertigstellung von Stuttgart 21 hat zahlreiche Reaktionen hervorgerufen. Die aktuellen Einlassungen der Deutschen Bahn dürften nicht dazu beitragen, die aufgebrachten Gemüter zu beruhigen.
Man habe „bereits im September im Aufsichtsrat und im Oktober im Lenkungskreis darüber informiert, dass für das Inbetriebnahmekonzept für das Pilotprojekt Digitaler Knoten Stuttgart (DKS) und Stuttgart 21 weiterhin Terminrisiken bestehen“, heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme des Schienenkonzerns. Diese Risiken hätten sich in „einer so bisher nicht vorhersehbaren Dimension erhärtet und werden nun mit dem Aufsichtsrat bewertet“. Verbunden mit der Bitte um Verständnis, dass man der Diskussion nicht vorgreifen wolle, erklärt das Unternehmen im Besitz der Steuerzahler: „Im Sinne der maximalen Transparenz informieren wir sofort, wenn sich neue Entwicklungen ergeben“.
Auch 2027 halten alle Züge am Kopfbahnhof
Am Mittwochvormittag war bekannt geworden, dass die bisher für Dezember 2026 vorgesehene Teileröffnung von Stuttgart 21 nicht stattfinden wird. Stattdessen erstellt die Deutsche Bahn den Fahrplan für das Jahr 2027 auf Grundlage der bestehenden Infrastruktur – sprich: alle Züge halten am Stuttgarter Kopfbahnhof.
Richtig angefressen ist der baden-württembergische Landesverkehrsminister Winfried Hermann (Grüne): „Das letzte bisschen Vertrauen in die Bahn wird mit dieser Ankündigung verspielt. Noch vor einem Monat hat uns die Bahn den Eröffnungstermin im nächsten Jahr bestätigt – auch auf Rückfragen“ Diese Zusagen, gegeben bei der jüngsten Sitzung des Stuttgart-21-Lenkungskreises, nennt Hermann „offensichtlich windig oder falsch“. Der Minister fasst zusammen: „Wir fühlen uns getäuscht“. Die Bahn vertröste, beschönige und verzögere, derweil die Kosten stiegen. Hermann nimmt die neue Bahnchefin Evelyn Palla in die Pflicht. Von ihr fordert Hermann „echte Transparenz. Wir wollen keine neuen Termine ohne Substanz. Wir erwarten Ehrlichkeit statt weiterer Vertröstungen. Deshalb ist ein Sonderlenkungskreis zu Stuttgart 21 dringlich erforderlich.“
Enttäuschung am Flughafen über Stuttgart-21-Verzögerung
Flughafen-Chef Carsten Poralla sagt: „Wir sind enttäuscht über die Verzögerung“. Gern hätte man den Flughafenbahnhof im kommenden Jahr in Betrieb genommen. Man erwarte, „dass die Deutsche Bahn nun baldmöglichst einen verlässlichen Termin für die Inbetriebnahme nennt.“
„Die Verschiebung von S 21 kommt inzwischen fast schon so sicher wie Weihnachten. Genauso sicher ist, dass die Deutsche Bahn zu den Meldungen schweigt. Das Vertrauen tendiert gegen null“, sagt der Bundestagsabgeordnete Matthias Gastel. Der Filderstadter ist bahnpolitischer Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion. Wieder einmal müsse der „Konzern aufgefordert werden, Informationen herauszurücken und die Öffentlichkeit, die für das Desaster die Zeche bezahlen muss, zu unterrichten“.
Bundestagsabgeordneter spricht von Lügen und Unfähigkeit
Der Stuttgarter Bundestagsabgeordnete Luigi Pantisano (Die Linke) erklärt, Stuttgart 21 sei „vor allem ein Prestigeobjekt und keines, das tatsächlich die Menschen pünktlicher und sicherer mit der Bahn von A nach B bringt“. Pantisano fordert nun von der neuen Bahnchefin Evelyn Palla die Notbremse zu ziehen. Die Pläne für den Rückbau der oberirdischen Gleisflächen im Zusammenhang mit Stuttgart 21 müssten gestoppt werden. Das wäre ein starkes Zeichen und würde „endlich die Lügen und die Unfähigkeit der Verantwortlichen - in Person des Oberbürgermeisters Nopper, des Ministerpräsidenten Kretschmann, des Verkehrsministers Hermann und aller Bundesverkehrsminister, die daran beteiligt waren - beenden“.
Der Verkehrsclub Deutschland (VCD) fordert, für eine mögliche Inbetriebnahme müsse ein stabiler und zuverlässiger Bahnbetrieb Vorrang haben. „Da offenbar Gründe für eine Absage der Eröffnung des neuen Bahnhofs vorliegen, begrüßen wir die Entscheidung. Entsprechend des von der DB selbst kommunizierten Vorlaufs kommt sie allerdings zu spät“, erklärt Gero Treuner, bahnpolitischer Sprecher des VCD.