Im Dezember 2024 streben auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt sechs Menschen. Der Prozess gegen den Amokfahrer muss klären wie der Angeklagte tickt – und nicht nur das.
Am Donnerstag in der nächsten Woche beginnt der Weihnachtsmarkt in Magdeburg. Das allein wäre kaum der Erwähnung wert. Der Budenzauber rund um den gotischen Dom der sachsen-anhaltinischen Landeshauptstadt mag für die Menschen der Region eine beliebte Attraktion sein, zu überregionaler Bekanntheit hat er es nicht gebracht. Bis zum Abend des 20. Dezembers 2024, als ein Auto durch einen Rettungsweg in die Gassen und die Menschenmenge raste. Es gab sechs Tote und mehr als 300 Verletzte.
Am Ort des Geschehens legen an diesem Montag Handwerker letzte Hand an die Buden, aus denen schon bald wieder Glühweinduft strömen soll. Ente im Brötchen wird in diesem Jahr 6,50 Euro kosten. Zur gleichen Zeit wird rund drei Kilometer entfernt, auf der anderen Seite der Elbe, Taleb A. in den Gerichtssaal geführt. Der Mann, der hinter dem Steuer des schwarzen BMW gesessen hat, der Mann, dem die Staatsanwaltschaft sechsfachen Mord zur Last legt – und mehr als 300 mal den Versuch, einen Menschen zu ermorden.
Zur Verhandlung eingeflogen
Taleb A., kommt mit dem Hubschrauber aus dem Gefängnis im rund 30 Kilometer entfernten Burg. Er trägt ein blaues Shirt und einen wild wuchernden, grauen Bart. Er sitzt abgeschottet hinter schusssicherem Glas in einem Kasten. „Wie ein wildes Tier im Käfig“, kritisiert sein Verteidiger, und begehrt, dies zu ändern. „Nein“, sagt Dirk Sternberg. Der Vorsitzende Richter erklärt, dass dies zum Schutz des Angeklagten geschehe. Mit Blick auf den Tatvorwurf wolle man „eine Gefährdung durch Racheakte“ vermeiden.
Nicht nur der Prozess ist etwas besonderes, das Gerichtsgebäude ist es auch. Neu gebaut, mit 4700 Quadratmetern so groß wie eine Produktionshalle. Im eigentlichen Gerichtssaal nimmt aber nur ein kleiner Teil der 177 Nebenkläger Platz. Nicht jedes der Opfer hat von diesem Recht Gebrauch gemacht. Auch die Zuschauer sitzen hinter Glas. Dort hören sie, wie Oberstaatsanwalt Matthias Böttcher den Abend des 20. Dezembers noch einmal Revue passieren lässt.
Mehr als zwei Tonnen überrollen die Besucher
Mit bis zu 48 Stundenkilometern habe der Angeklagte den mehr als zwei Tonnen schweren und 340 PS starken BMW X3 durch die Gassen gesteuert, „mit gezielten Lenkbewegungen“, um möglichst viele Menschen zu erfassen. Detailliert werden die Verletzungen vorgetragen, die sich die Opfer zwischen der Ernst-Reuter Allee und dem Fußweg „Breiter Weg“ zugezogen haben. Da geht es von der „schmerzhaften Prellung am Knie“ über mehrfache Brüche des Beckenrings bis hin zu starken Blutverlusten, bei denen eine intensivmedizinische Behandlung notwendig wurde. Und immer wieder geht es um die Toten dieser Bluttat. Dort, wo in der nächsten Woche der Weihnachtsmarkt beginnt, sind Gedenkplatten in den Boden eingelassen, auf denen Kerzen an die ausgelöschte Leben von Magdeburg erinnern.
Auf vielen Seiten verliest die Anklage das Geschehen. Die Staatsanwälte berichten von Familien, Volleyballmannschaften und Freundesgruppen, die vergangenes Jahr die Weihnachtszeit in Kliniken verbringen musste. Von „umherfliegenden Personen und Gegenständen“ zwischen Mandelhäuschen und Kartoffelpufferstand. Von einer „Flucht in Panik“ Richtung Seitengasse, wo ein Opfer vor lauter Stress zusammenbrach und nicht wieder aufstand. Herzinfarkt. Fünf Frauen und ein neun Jahre altes Kind haben den Marktbesuch mit ihrem Leben bezahlt.
Es geht um zwei zentrale Fragen in diesem Prozess, dessen Verhandlungstermine bis in den März hinein feststehen. Da ist zum einen der Blick auf die Schutzmaßnahmen. Wie konnte es passieren, dass Taleb A. mit dem Auto überhaupt so weit kam? Die Frage hat schon einen Untersuchungsausschuss im Magdeburger Landtag beschäftigt – und in der Folge Tausende von Marktbetreibern in der Republik. 3250 Weihnachtsmärkte gibt es nach Angaben des Deutschen Schaustellerverbandes im Jahr, mit rund 170 Millionen Besuchern. Schon seit dem Anschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz 2016 ist es nirgendwo mehr so, wie es einmal war. Mal sind es Poller, mal quer geparkte Kleintransporter, die Sicherheit gewährleisten sollen, bei Märkten, Stadtfesten, Weihnachtsmärkten. „Bei Zufahrtssperren mit Beton, Lastwagen oder professioneller Technik, sind wir besser aufgestellt als vor Magdeburg“, sagt Ralf Kusterer unserer Zeitung. Der Vorsitzende der Polizeigewerkschaft in Baden-Württemberg fügt aber hinzu: „Das gelingt nur, wenn wir dafür personell und materiell ausgestattet sind und werden.“
Ganz Deutschland schützt jetzt seine Märkte
Vielleicht noch wichtiger ist die Frage nach dem Hintergrund von Taleb A, nach seiner Motivation, seiner Vergangenheit – und die Frage, ob man hätte vorhersehen können, was passiert. Eine Herausforderung, der sich gleich zwei psychiatrische Sachverständige stellen. Taleb A. kam 2006 als Gastarzt aus Saudi-Arabien nach Deutschland. Zuletzt betreute er als Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie suchtkranke Straftäter im Maßregelvollzug in Bernburg, einer Stadt rund 40 Kilometer südlich von Magdeburg gelegen. Die Frage, ob Taleb A. nicht eher die Rolle eines Behandlungsbedürftigen, denn eines Behandlers erfüllt, steht im Raum.
Zum Prozessauftakt hält Taleb A. ein Laptop in die Kameras der zahlreichen Fotografen. „Sept. 2026“ steht darauf zu lesen. Das sei ein Statement zur Landtagswahl gewesen, sagt sein Anwalt Thomas Rutkowski unserer Zeitung. Mehr könne oder wolle er nicht sagen. Im September kommenden Jahres wird in Sachsen-Anhalt gewählt, derzeit liegt die AfD in Umfragen bei mehr als 40 Prozent. Taleb A. hat sich immer wieder als Islam-Gegner zu erkennen gegeben. In sozialen Medien hatte er sich als Fan von Alice Weidel und der AfD präsentiert – und war durch Gewaltandrohungen aufgefallen. Ob er sich denn zu den Vorwürfen äußern wolle, will Dirk Sternberg von dem 50-Jährigen nach dem Verlesen der Anklage wissen. Von ihm kommt ein klares „Ja“. Die Frage, wie viel Zeit der Angeklagte glaube, dafür zu benötigen, lässt ahnen, wie der Prozess verlaufen dürfte: „Stundenlang, oder eher tagelang“, sagt Taleb A.
„Voltaire war der erste Mensch in Europa, der den Islam intellektuell kritisiert hat“, beginnt Taleb A. sein Statement. Links orientierte Medien wie der Deutschlandfunk hingegen, würden die Menschen manipulieren. „Wäre Voltaire noch am Leben, der Deutschlandfunk würde ihn als islamfeindlich beschreiben“, sagt Taleb A. bevor er mit tränenerstickter Stimme bei einer Opferfamilie um Verzeihung bittet. Wenige Sekunden später ist seine Stimme wieder fest und klar. „Wer ist der Ausländer?“ fragt er. „Ist das der Türke, der Döner verkauft und Deutschland liebt – oder Angela Merkel, die das Land verraten hat?“
Vorwürfe gegen Behörden und Polizei
Das sind Äußerungen, die ins bisherige Bild passen, das schon im Vorfeld der Verhandlung von dem Angeklagten gezeichnet wurde. Der „Stern“ berichtet von einem nicht öffentlichen Gespräch, welches das Gericht im Vorfeld der Hauptverhandlung mit den Beteiligten geführt habe. Dabei habe Taleb A. erklärt, staatliche Behörden und Flüchtlingsinitiativen in Deutschland würden mit dem Regime in Saudi-Arabien kooperieren, um jede islamkritische Opposition auszuschalten. Die Magdeburger Polizei habe versucht, saudische Asylsuchende umzubringen. Ziel einer umfassenden Verschwörung, von der auch er sich bedroht fühle, sei die Islamisierung Europas. Nach Recherchen des „Sterns“ habe Taleb A. dabei auch erklärt, dass bei der Amokfahrt über den Weihnachtsmarkt nicht er, sondern die Polizei der eigentliche Täter gewesen sei.
Im Juli hatte Taleb A. an mindestens fünf der Opfer aus der Untersuchungshaft heraus persönliche Briefe geschrieben. Darin hatte er die Tat aus seiner Sicht geschildert – und bei den Betroffenen Entsetzen und Ängste ausgelöst. Das hat zu einer politischen Debatte darüber geführt, ob so etwas künftig untersagt werden kann. Wenige Tage vor dem Anschlag hatte die amerikanische Plattform „RAIR“, die sich selbst als antimuslimische Organisation beschreibt, ein mehr als 45 Minuten langes Interview mit dem Attentäter veröffentlicht. Auch darin warf er der deutschen Polizei vor, „geheime Operationen“ durchzuführen und das Leben von saudischen Asylsuchenden, die sich vom Islam losgesagt hätten, gezielt zu zerstören. Zudem äußerte er sich als Fan von Elon Musk und der AfD, die nach seiner Aussage die gleichen Ziele wie er verfolge.
Die Frage, auf die es ankommen wird
War es vorhersehbar, dass Taleb A. eine Gefahr für die Allgemeinheit sein könnte? „Das ist ein ernsthaftes Problem“, sagt Matthias Michel, der Ärztliche Direktor des Zentrums für Psychiatrie in Weinsberg gegenüber unserer Zeitung. „Wir können nicht in die Köpfe der Menschen hineinschauen“. In die Magdeburger Verhandlung ist Michel nicht involviert, aus seiner Gutachtertätigkeit kennt er jedoch vergleichbare Fälle.
So wie jenen, der vergangene Woche in Heilbronn verhandelt wurde. Ein Mann hatte an seiner Arbeitsstätte in Bad Friedrichshall zwei Menschen erschossen. Danach wurde er als ein Mensch geschildert, der auffällig war. Allerdings: Von einer Auffälligkeit über eine psychische Störung bis hin zur Gefährlichkeit ist es „ein weiter Weg“, sagt Michel. Zumindest die Gefahr in Heilbronn sei nicht vorhersehbar gewesen. Ob sie in Magdeburg vorhersehbar gewesen ist wird Teil der Urteilsfindung. Stand heute ist ein Richterspruch nicht vor März 2026 vorgesehen.