Bald beginnen auf der Seebühne die Proben für die Oper „La Traviata“. Alle 180 000 Tickets sind schon verkauft. Was ist das Erfolgsrezept?
Es sind gewiss andere Gründe, die einen bewegen, einen Job als Intendantin anzunehmen. Aber die Bregenzer Festspiele bieten das Büro mit der schönsten Aussicht. Hoch über dem Festspielhaus und den Tribünen schiebt sich der Verwaltungsriegel in Richtung Bodensee. Am Ende des vierten Stocks arbeitet Lilli Paasikivi, der Raum schließt ab mit einer breiten Glasfront, bodenhoch. Die Bezeichnung „Panoramafenster“ wäre schrecklich untertrieben. Ein Naturschauspiel – und von hier oben hat die Chefin auch einen großartigen Blick auf die Seebühne: aktuell auf einen riesigen, zerborstenen Spiegel.
Herzschmerz, Tiefe, italienischer Belcanto
Dieser in 86 Teile aufgesplitterte Spiegel ist die von Paolo Fantin entworfene Bühnenskulptur für Giuseppe Verdis Oper „La Traviata“, der Neuproduktion in diesem Jahr. Der Oberflächenglanz einer Partygesellschaft und das Elend einer Prostituierten, die furchtbar romantisch stirbt: Auch Violetta zerbricht geradezu körperlich an der Liebe und an den Erwartungen ihrer Umgebung. „Herzschmerz, psychologische Tiefe, italienischer Belcanto – da fehlt nichts“, sagt die finnische Sängerin und Kulturmanagerin Lilli Paasikivi fröhlich: in fließendem Deutsch mit einem herrlich herb-nordisch rollenden R.
Die 60-Jährige leitete lange die Finnische Nationaloper in Helsinki und kam 2024 nach Bregenz, als Nachfolgerin von Elisabeth Sobotka, die an die Berliner Staatsoper wechselte. Es ist eigentlich ein simpler Job: Man muss nur alle zwei Jahre die richtige Entscheidung treffen. Nämlich das Werk für die Seebühne bestimmen. Nein, sagt die Intendantin lachend, „man trägt mit dieser Entscheidung selbstverständlich eine Riesenverantwortung, denn rund 400 000 Menschen sollen in zwei Sommern die Inszenierung sehen“.
Funktioniert die gewählte Oper nicht, könnte das eine „Kettenreaktion“ auslösen. Bregenz und die Bodensee-Region am Dreiländereck profitieren wirtschaftlich enorm vom Erfolg der Festspiele. Und fast 80 Prozent ihres 25-Millionen-Euro-Etats bestreiten sie allein mit Ticketeinnahmen und Sponsorengeld. Mit der Seebühnen-Produktion kofinanzieren die Festspiele auch das andere Programm: etwa zeitgenössisches Musiktheater auf der Werkstattbühne.
Was ist der ideale Titel für die Seebühne? Populär muss er sein, das Publikum muss das Werk und den Komponisten kennen – und länger als zweieinviertel Stunden darf die Aufführung nicht dauern, weil die gut 6700 Zuschauerinnen und Zuschauer pro Abend nicht einfach mal in die Pause geschickt werden können und die Show gegen halb zwölf, übernachtungs- oder rückreisetechnisch, zu Ende sein sollte.
Die Festspiele sind auf der Erfolgsbahn
„La Traviata“ also jetzt 2026/27 – erstaunlicherweise ist diese Verdi-Oper erstmals auf der Seebühne zu erleben. Aus Gründen. Denn es handelt sich um ein psychologisches Trauerspiel mit nur drei Personen: Violetta, die von der Gesellschaft frivol begaffte, dann gejagte Kurtisane. Alfredo Germont aus feinem Hause, der sie wirklich liebt. Und dessen Vater Giorgio Germont, der um den Ruf der Familie besorgt ist und Violetta erpresst, seinen Sohn freizugeben. Sie bringt das Opfer, die Tuberkulosekranke stirbt in einer kalten Welt der Scheinmoral. Verdis Werk bietet zwei Partys, großen Chor, man kennt das „Brindisi“, das Trinklied – aber eigentlich ist es ein Kammerspiel.
180 000 Tickets sind verkauft
Lilli Paasikivi hat trotzdem auf „La Traviata“ gesetzt. Und alle Vorstellungen in diesem Sommer sind schon ausverkauft: gut 180 000 Tickets. Das gab es in Bregenz so früh noch nie; die Proben beginnen erst am 17. Juni, Premiere ist am 22. Juli. Wörtlich übersetzt bedeutet „La Traviata“: die vom Weg Abgekommene. Die Festspiele freilich befinden sich auf der Erfolgsbahn.
Einen der gefragtesten, meistbeschäftigten Opernregisseure hat die Intendantin für „La Traviata“ verpflichtet: Damiano Michieletto. Der 50-jährige Venezianer hat vergangenes Jahr auch seinen ersten Spielfilm gedreht, der jetzt in den deutschen Kinos läuft: „Vivaldi und ich“ (Originaltitel „Primavera“). Und er inszenierte im Februar die Eröffnungsfeier der Olympischen Winterspiele in Mailand. Großes Spektakel.
Die Oper spielt in den rauschhaften 1920er Jahren
Wie wollen nun Michieletto und Fantin das 1853 im Teatro La Fenice in Venedig uraufgeführte Melodramma nach Alexandre Dumas’ Roman „Die Kameliendame“ auf der Seebühne erzählen? Sie verlegen die Oper in die rauschhaften 1920er Jahre – „in eine Welt der Jazzclubs, des Überflusses und der Illusion. Zwischen glitzernden Partys und innerer Leere sucht Violetta Valéry nach echter Liebe inmitten einer Gesellschaft, die über Moral urteilt, aber selbst ohne Maß lebt“. Wie in F. Scott Fitzgeralds Roman „Der große Gatsby“ werde die Bühne zum Spiegel einer Gesellschaft, „die alles haben will und dabei das Menschliche verliert“.
Ja, sagt Damiano Michieletto: „La Traviata“ sei eine intime Oper, aber mit filmischen Mitteln, mit Videos (projiziert auf den Spiegel) sei eine poetische Geschichte auch auf der Seebühne möglich. Derart offensiv werben die Bregenzer Festspiele: Denn geheim gehalten werden kann ein Regiekonzept hier sowieso nicht: alles offen, draußen, ohne Vorhang, nicht abgesperrt. Die Touristen können die Bühnenskulptur vor Ort besichtigen, und per Web-Cam (über die Internetseite der Festspiele) ist man auch in der Ferne live dabei.
Wobei sich hinter der spektakulären Kulisse, diesem Spiegel mit einer Fläche von 700 Quadratmetern und rund 28 Metern Höhe, enorme Technik verbirgt. Mehr als die Hälfte der Splitter und Bruchstücke spielen mit: Holzelemente, auf einer Stahlkonstruktion verschraubt, durch Hydraulikzylinder bewegbar. Und ist das nicht eine riesige schwarze Kugel dort in den Aufbauten? Mal sehen, welche Überraschungen die Inszenierung bereithalten wird.
Und der Bodensee? Schon im „Freischütz“ von Philipp Stölzl reichte der Schauplatz der Grusellandschaft bis unmittelbar an die Zuschauerränge. Auch diesmal ist der Bühnenskulptur ein Wasserbecken vorgelagert, 14 000 Quadratmeter groß, 30 Zentimeter tief: ein künstlicher See für große Aktion und Effekte.
Zurück ins Büro der Intendantin. Paasikivi, in leuchtendes Orange gekleidet, hat das orangene Programmbuch der Festspiele vor sich liegen – das sei nur Zufall, sagt sie. Ein sonniger Morgen, der See, die Alpen, der Himmel. „Es ist eine herrliche Landschaft“, ist die Finnin begeistert. „Allein schon die Natur sorgt hier für Special Effects, etwa die Sonnenuntergänge, die man für kein Geld kaufen kann. Magisch, mythisch.“
Die Entscheidung für die Seebühnen-Produktion 2028/29 hat sie schon getroffen: Richard Wagners romantische Oper „Der fliegende Holländer“. Eine sturmgepeitschte Musik. Aber so ganz wörtlich möchte sich Lilli Paasikivi das jetzt nicht ausmalen. Das Wetter muss ja so mitspielen, dass die Aufführung auch stattfinden kann.
Bregenzer Festspiele 2026
Programm
Die Bregenzer Festspiele bieten vom 22. Juli bis zum 23. August weit mehr als nur „La Traviata“ auf der Seebühne. Im Festspielhaus hat am 23. Juli die Oper „Die Ausflüge des Herrn Broucek“ von Leos Janeck Premiere, inszeniert von Yuval Sharon. Auf der Werkstattbühne sind zwei Musiktheaterprojekte zu sehen, die den Menschen im Spannungsfeld von Technik, Emotion und Wirklichkeit beleuchten: „Passion of the Common Man“ des isländischen Komponisten Daniel Bjarnason und „Yum!“ von Wen Liu. Es gibt Orchesterkonzerte und vieles mehr. Auch das Burgtheater Wien gastiert: mit Molières Schauspiel „Der eingebildete Kranke“. Tickets unter bregenzerfestspiele.com.