Am Sindelfinger Hallenbad rücken bald die Bagger an, die Schwimmer müssen weichen. Foto: Stefanie Schlecht

Sindelfinger Bürger demonstrieren vor der Gemeinderatssitzung gegen die Pläne zum Abriss des Hallenbads. Die Räte stimmt trotzdem mit großer Mehrheit dafür.

Soviel Aufmerksamkeit genießen die Sitzungen des Sindelfinger Gemeinderats selten. Die Zuschauertribüne war am Dienstag bis auf den letzten Platz gefüllt und etliche Zuhörer fanden nur noch einen Stehplatz. Anlass für dieses Interesse war der Tagesordnungspunkt drei: Zukunft des Badezentrums Sindelfingen – Variantenentscheidung.

 

Wie berichtet, plant die Stadtverwaltung den Abriss des bestehenden Hallenbads und den Bau eines neuen Bads. Dagegen demonstrierten kurz vor der Sitzung knapp 100 Menschen vor dem Rathaus. Kritikpunkt ist der geplante Abriss des 50 Jahre alten, architektonisch außergewöhnlichen Gebäudes mit einem freitragenden Holzdach. Auch das Denkmalamt hat auf Anfrage der Stadtverwaltung sein Statement abgegeben und würdigt das Hallenbad als „besondere Architektur, aber nicht als denkmalschutzwürdig“. „Das Holzdach ist ein Stück Sindelfinger Geschichte“, argumentieren die Demonstranten dagegen.

Der Neubau des Hallenbads ist eine von vier Varianten

Gleich zu Beginn der Sitzung wies der Oberbürgermeister Markus Kleeman (CDU) die Richtung, in die sich die Debatte bewegen sollte. „Jedes dritte kommunale Bad bundesweit ist von der Schließung bedroht. Wir jedoch wollen trotz der sehr angespannten finanziellen Lage unseren Bürgern ein Hallenbad bieten. Das ist nicht selbstverständlich.“ Doch man könne nicht alle Wünsche erfüllen, sondern müsse nach der wirtschaftlichsten Lösung suchen.

Das 50-Meter-Sportbecken ist eine weitere Besonderheit des Bads. Foto: Stefanie Schlecht

Diese sehen die Experten der Stadtverwaltung sowie die Mehrheit der Räte des Sport- sowie im Verwaltungsausschusses im Abriss und einem Neubau. Der Neubau ist eine von vier Varianten, die mit Unterstützung von externen Experten entwickelt worden sind. Eine Variante sieht die Sanierung des bestehenden Gebäudes vor. Die Nachteile dabei: Das 50-Meter-Sportbecken, eine weitere Besonderheit des Bads, das vor allem für die Vereine und Sportler wichtig ist, müsste beim Erhalt des bestehenden Gebäudes entfallen. Zudem wäre eine energetische Sanierung des freitragenden Holzdachs sehr schwieg und nicht besonders effizient.

Vor- und Nachteile eines Neubaus des Sindelfinger Hallenbads

Mit einem Neubau hingegen könnte ein energetisch optimiertes Gebäude errichtet werden. Zudem würde ein 52-Meter Becken gebaut, das teilbar sein soll und so auch anderweitig genutzt werden könnte, sowie ein weiteres 25-Meter-Becken. Laut dem Oberbürgermeister Markus Kleemann ist diese Variante die wirtschaftlich sinnvollste. Unter anderem deshalb, weil durch die entstehenden Wasserflächen die Sanierung des ebenfalls sanierungsbedürftigen Klostergartenbads eingespart werden könnte.

 

Im neuen Bad wäre genügend Kapazität für Vereine und Schulen. 30 Millionen Euro könnten so eingespart werden. Geplant ist zudem der Bau einer Rutschen- sowie einer Saunalandschaft. Diese Attraktivierung soll für Mehreinnahmen sorgen.

Ein Nachteil bei einem Neubau wäre die längere Bauzeit im Vergleich zur Sanierung des bestehenden Gebäudes. Etwa ein bis zwei Jahre länger soll die Variante Neubau dauern. Fünf bis sechs Jahre müssten Vereine, Sportler und Freizeitschwimmer ausweichen. Geplant ist für die Übergangszeit der Bau einer Leichtbauhalle über dem Freibad.

Durchaus kontrovers wurden die Varianten am Dienstag im Gemeinderat diskutiert. CDU, Grüne, Freie Wähler sowie die Gruppe Vielfalt Sindelfingen/Linke plus sprachen sich für Variante B – also Abriss und Neubau – aus. „Das Hallenbad ist eine Energieschleuder und kann nicht vernünftig energetisch saniert werden. Auch Fotovoltaik ist auf dem freitragenden Holzdach nicht möglich“, sagte der Grünen-Sprecher Ulrich Hensinger. „Mit einem Neubau schaffen wir ein Bad für alle Nutzergruppen“, sagte der CDU-Sprecher Tobias Ehret. „Eine Attraktivierung des Bads für viele Gruppen funktioniert nur mit einem Neubau“, befand Ingo Sika von den Freien Wählern.

„Das jetzige Hallenbad ist eine Energieschleuder.“

Ulrich Hensinger, Sprecher der Grünen

Die SPD-Fraktion hingegen ist gespalten. Die beiden jungen SPD-Räte Martin Wenger und Samet Mutlu stimmten für den Neubau. Die vier anderen SPD-Vertreter votierten für den Erhalt des bestehenden Gebäudes. „Das Hallenbad ist ein architektonisches Juwel und eines der wenigen markanten Gebäude der Stadt. Das muss erhalten bleiben“, begründete Sabine Duffner. Sie plädierte für eine Sanierung der Technik im bestehenden Gebäude, um das Bad weiter nutzen zu können. „Weitere Maßnahmen können wir angehen, wenn sich die finanzielle Lage der Stadt verbessert hat.“ Dafür erntete sie Beifall von der Tribüne, was den Zuschauern eine Rüge des OB Kleemann bescherte: „Beifall und Transparente sind nicht erlaubt.“

FDP votierte als einzige Fraktion gegen beide Hallenbad-Varianten

Die FDP votierte als einzige Fraktion gegen beide Varianten. Sie favorisierte die Variante B3. Diese sieht einen Abriss sowie Neubau vor, allerdings in deutlich abgespeckter Form. Geplant ist lediglich ein Hallenbad für Vereine, Schulen und Sportler. Rutschen, Gastronomie und Sauna wollen die FDP-Räte nicht. „Das können wir uns angesichts unserer finanziellen Lage nicht leisten“, sagte Andreas Knapp. Auch die AfD-Fraktion war gespalten. Zwei Räte stimmten für Variante B, einer war dagegen.

Die Abstimmung erfolgte schließlich namentlich - ein recht seltener Vorgang im Gremium. 29 der 38 anwesenden Stadträte votierten für einen Neubau. Enttäuscht verließen die Demonstranten den Sitzungssaal. Das architektonische Juwel Sindelfingens wird wohl bald verschwinden.

Ein außergewöhnliches Bad

Geschichte
Das Sindelfinger Hallenbad wird in diesem Jahr 50 Jahre alt. Architekt war der Sindelfinger Friedrich Tober, der sich mit seiner Planung in einem Architektenwettbewerb durchgesetzt hatte. Im Dezember 1976 wurde das Bad eingeweiht. Mit 1536 Quadratmetern Wasserfläche war es das größte Hallenbad Deutschlands und besaß das größte freitragende Holzdach einer Halle in Europa. Eine absolute Besonderheit war damals das 50-Meter-Sportbecken.

Gegenwart
Viele regionale und nationale Wettbewerbe wurden dort ausgetragen. Immer wieder nutzen auch ausländische Mannschaften das Bad für ihr Training.