Nicola Leibinger-Kammüller sorgt sich um die Industriearbeitsplätze im Land. Welchen kirchlichen Feiertag sie streichen würde und welchen Umgang sie mit der AfD empfiehlt.
Nicola Leibinger-Kammüller steht seit November 2005 an der Spitze des Ditzinger Werkzeugmaschinenbauers Trumpf. Sie ist seit 40 Jahren im Unternehmen. Im Gespräch mit unserer Zeitung erläutert sie, warum die Deutschen mehr arbeiten müssen, welche Erwartungen junge Bewerber haben und welchen Umgang mit der AfD sie empfiehlt.
Frau Leibinger-Kammüller, der Verband der Familienunternehmer steht in der Kritik, weil er Gespräche mit AfD-Politikern auf Bundesebene führen will. Wie bewerten Sie das?
Die Präsidentin des Verbandes, Marie-Christine Ostermann, macht seit Jahren einen bewundernswerten Job. Sie muss die Interessen Tausender Mitglieder abdecken – vom großen Rossmann bis zum kleinen Betrieb in Brandenburg. In vielen Regionen ist es dem Vernehmen nach zudem nicht unüblich, dass sich auch Handwerk oder Kammern gelegentlich mit der AfD austauschen.
Nun haben Unternehmen angekündigt, aus dem Verband auszutreten. Ziehen Sie das auch in Erwägung?
Nein. In solchen Situationen neige ich dazu, erstmal abzuwarten, ein Glas Rotwein zu trinken, von den emotionalen Höhen herunterzukommen und dann erneut zu überlegen, ob das ein sinnvoller Schritt ist.
Sie selbst haben nie AfD-Vertreter eingeladen?
Nein. Und ich halte das auch nicht für zielführend, von meiner tief empfundenen Abscheu angesichts der Äußerungen des Spitzenpersonals einmal abgesehen. Meine persönliche Erfahrung aus sporadischen Wortwechseln mit AfD-Politikern ist: Es bringt nichts, sie bleiben bei ihrer Haltung. Gleichzeitig aber können wir nicht die ganzen AfD-Wähler verdammen, zumal auf kommunaler Ebene, wo der Mittelstand tief verankert ist. Auch Trumpf, etwa in Sachsen. Meines Erachtens ergibt es auch keinen Sinn, die Partei zu verbieten. Dafür ist es viel zu spät.
Was wäre dann der richtige Weg?
Endlich die für jedermann offenkundigen Probleme im Land zu lösen! Das ist der einzige Weg. Wenn wir hier in der laufenden Legislaturperiode keine spürbaren Fortschritte erzielen, wird die AfD nicht kleiner werden.
Welche Probleme meinen Sie konkret?
Aus Sicht der Wirtschaft: Überregulierung, Bürokratie, Dokumentationspflichten – das macht nicht nur kleine Betriebe kaputt. Dazu hohe Lohnnebenkosten, steigende Krankenkassenbeiträge und vor allem das Gefühl der notorischen Bevormundung durch den Staat. Die Menschen fühlen sich nicht mehr ernst genommen, weil ihre tatsächlichen Probleme nicht im angemessenen Maß angegangen werden.
Sie sprechen vor Wahlen auch mit Ihrer Belegschaft über Politik. Was geben Sie Ihren Mitarbeitern vor der Landtagswahl mit auf den Weg?
Ich sage ihnen ganz klar: Überlegen Sie sich gut, wer Ihre Belange am besten vertritt und mit wem Sie sich am Ende gemeinmachen möchten. Und das sind mit Sicherheit nicht die extremen Parteien am linken oder rechten Rand. Ich ermutige unsere Mitarbeiter, demokratische, das heißt unser Gemeinwesen und die westlichen Bündnisse wie NATO und EU prinzipiell bejahende Parteien zu wählen. Und ihre Abgeordneten in die Pflicht zu nehmen – etwa durch Briefe oder direkte Fragen. Demokratie lebt bekanntlich von Voraussetzungen, die sie selbst nicht garantieren kann.
Sie haben einmal gesagt, Ihre Söhne fühlen sich auf der Königstraße in Stuttgart nicht mehr wohl. Bundeskanzler Friedrich Merz sprach von einem „migrantisch geprägten Stadtbild“. Wie sehen Sie die Debatte?
Ich habe damals viel Zustimmung von Bürgern bekommen. Friedrich Merz hat meiner Meinung nach den wahren Kern des Themas angesprochen, aber in einen falschen Kontext gebracht. Es geht nicht primär um das äußere Erscheinungsbild. Oder darum, ob jemand einen Bart trägt oder verschleiert ist, sondern wie er oder sie sich verhält. Allensbach sagt uns seit Jahren, dass sich ein Großteil der Bürger um die innere Sicherheit sorgt. Wenn einzelne Gruppen – etwa junge Männer aus bestimmten Herkunftsländern – überproportional auffällig werden und das faktisch nachweisbar ist, sollte man das aussprechen dürfen, ohne sofort in eine politische Ecke gedrängt zu werden. Ich hätte mir gewünscht, dass Herr Merz sagt: Wir brauchen geregelte Immigration. Und wir sind froh über alle, die hier sind und zum Gelingen dieses Staates beitragen.
Haben Sie ihm das gesagt?
Ja, ich habe ihm gesagt: Der Kern ist berechtigt, aber bitte differenzierter. Sonst nützt es nur der AfD.
Was müsste passieren, damit Integration besser gelingt?
Wir müssen schneller und konsequenter sein. Die deutsche Sprache zu lernen, darf nicht länger optional sein. Und wir müssen ermöglichen, dass Menschen arbeiten, statt sie jahrelang in Warteschleifen zu halten.
Sie haben kürzlich gesagt, dass die Deutschen zu wenig arbeiten. Haben Sie einen konkreten Vorschlag, um die Produktivität im Land zu steigern?
Es geht um den relativen Vergleich unserer Industriearbeitsplätze zum internationalen Wettbewerb – nicht um die unbestreitbaren Härten in vielen Berufen. Wir haben die meisten Feiertage und im Durchschnitt die meisten Krankheitstage. Ich finde, wir könnten den Ostermontag als Feiertag streichen. So gut wie niemand nimmt heute noch an einer Ostermontags-Prozession teil, für die der Tag im Mittelalter einmal gedacht war. Ich bin überzeugt, wir fänden eine Lösung, ohne dass Beschäftigte danach ins Sanatorium müssen.
Das klingt nach einem Kulturwandel. Ist das vermittelbar?
Es muss vermittelbar sein. Wir sind ein Land mit großartigen Chancen – aber wir müssen uns wieder kollektiv anstrengen, weil sich der Erdball weitergedreht hat, wenn Sie auf die Arbeitszeiten in Amerika, China oder Polen blicken. Die Menschen bei uns strengen sich ja auch an, nicht nur im Job. Sie laufen Marathon oder gehen ins Fitnessstudio. Und es ist aus meiner Sicht auch nichts Schlimmes, abends todmüde ins Bett zu fallen.
Wie läuft aus Ihrer Sicht die Zusammenarbeit mit den Tarifpartnern, etwa mit der IG-Metall Bezirksleiterin Barbara Resch?
Wir finden derzeit keinen guten Zugang zueinander. Es gibt auch seitens anderer Gewerkschaften, etwa Verdi, Aufrufe zum Klassenkampf statt Lösungen. Was für ein Vokabular! Natürlich ist es die Aufgabe von Frau Resch, um jeden Arbeitsplatz zu kämpfen – das ist ihr Mandat. Aber gleichzeitig müssen wir intelligente Wege aus der Misere finden. Ich wage jetzt ein großes Wort: Wir müssen dieses Land und seinen Sozialstaat retten, aber richtig!
Was wäre aus Ihrer Sicht der richtige Weg?
Wir brauchen eine neue konzertierte Aktion – wie früher, als sich Arbeitgeber, Gewerkschaften und Politik an einen Tisch gesetzt haben. Ich denke da an Namen wie Berthold Huber oder Jörg Hoffmann. Wir müssen gemeinsam überlegen: Was kann jede Seite beitragen? Bei Trumpf haben wir in der Vergangenheit Bündnisse geschlossen, die vielfach kopiert wurden und als Vorbild in der Metallindustrie galten. Wir haben seinerzeit gesagt: Wir geben Sicherheit, ihr gebt Flexibilität. So etwas brauchen wir wieder – nicht nur bei uns, sondern im ganzen Land!
Warum ist das heute schwieriger als früher?
Die Fronten sind ideologisch verhärtet. Ich habe das Gefühl, alle kämpfen nur für ihren Standpunkt. Und das gilt nicht nur für die Tarifpartner, sondern auch für die Politik. Die SPD etwa kämpft aus meiner Sicht zu einseitig für bestimmte Zielgruppen – während ihr die klassischen Wähler, nämlich die Industriearbeiter und Angestellten, in Scharen davonlaufen.
Was wäre Ihr Appell an die IG Metall?
Mut zur Veränderung und zum Blick in die Welt. Wir können uns nicht zu Tode schützen mit Tarifen. Am Ende wandert die Produktion aus Deutschland ab – und kommt nicht zurück. Wir müssen über Arbeitszeitmodelle reden, über Flexibilität, über längere Lebensarbeitszeit. Im Grunde geht es gerade, ich wiederhole mich, um die Rettung der Sozialen Marktwirtschaft, um die Rettung Deutschlands.
Trumpf hat 2024 einen operativen Verlust hinnehmen müssen. Sie sagten bei der Bilanzpressekonferenz vor einigen Wochen, die Talsohle sei erreicht. Stimmt das?
Ja, aber sehr zaghaft. Wir sehen steigende Auftragseingänge – vor allem in Osteuropa, Südeuropa, den USA. Nicht aber in Deutschland. Es ist auch kein Aufschwung wie früher, eher ein langsames Freischwimmen.
Was bedeutet das im Blick auf Investitionen?
Wir haben den Bau unseres Kundenzentrums hier am Standort Ditzingen auf unbestimmte Zeit verschoben. Es muss sich im Land einiges ändern, damit wir hier wieder groß in die Infrastruktur investieren.
Nach intensiven Verhandlungen will Trumpf in Laserwaffen investieren. Mit welchem Volumen rechnen Sie – und wie hat die Belegschaft darauf reagiert?
Wir entwickeln defensive Anwendungen zur Drohnenabwehr. In den nächsten Jahren rechnen wir mit einem zweistelligen Millionenbetrag. Aber das wird uns finanziell nicht wesentlich weiterbringen. Vor allem, weil wir erst einmal kräftig investieren müssen. Der Gewinn ist in diesem Fall jedoch nicht unser Antrieb: Es ist vielmehr ein Beitrag zur Sicherung unseres Landes und der Sicherheit anderer Demokratien wie Israel. Was die Belegschaft betrifft, gab es einen Paradigmenwechsel. Früher hieß es oft, man sei froh, nicht für eine Rüstungsfirma zu arbeiten. Jetzt erreichten uns fast nur positive Rückmeldungen.
Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann wird bei der kommenden Landtagswahl nicht mehr antreten. Was hat er aus Ihrer Sicht gut gemacht?
Die Bürgernähe, das Zuhören, die Belesenheit: Er hat einen neuen Stil in das Amt gebracht. Herr Kretschmann hat sich überdies massiv für die Spitzenförderung eingesetzt, zum Beispiel beim Cyber Valley in Tübingen oder beim Innovationspark Künstliche Intelligenz in Heilbronn. Er hat auch an der Reduzierung von Bürokratie gearbeitet und den Austausch mit der Industrie aktiv gefördert.
Welche Erwartungen haben Sie an seinen Nachfolger?
Wir müssen die digitale Infrastruktur des Landes dringend verbessern. Unsere Schulen sind in keiner guten Verfassung. Lehrer sind überfordert, Klassen mit vielen Kindern ohne Deutschkenntnisse sind für alle Beteiligten unzumutbar. Gleichzeitig brauchen wir Eliteförderung – ein Industrieland lebt von Spitzenleistungen.
Eliteförderung ist umstritten. Warum halten Sie sie für nötig?
Weil wir sonst unsere Innovationskraft verlieren. Kinder, die viel leisten können, dürfen nicht ausgebremst werden. Wir brauchen Durchlässigkeit – und Spitzenförderung. Beides ist gleichermaßen wichtig.
Bei den großen Unternehmen in der Region laufen Abfindungsprogramme. Sind diese Fachkräfte auch für Trumpf interessant?
Ja. Wir erhalten quasi täglich Bewerbungen von Top-Fachkräften bis hoch zum Management aus der Automobilindustrie. Aktuell können wir allerdings aufgrund der Konjunktur niemand Neues einstellen. Insgesamt bemerken wir aber einen interessanten Trend bei Bewerbungen.
Welchen?
In den vergangenen Jahren zeigten sich die jungen Bewerber absolut siegessicher. Die haben schon im Gespräch offengelassen, ob sie die Stelle überhaupt annehmen würden, weil noch fünf weitere Bewerbungen ausstehen. Ein Bewerber in meinem Büro wollte sogar mal mit einem Sabbatical starten. Mittlerweile sind die Bewerber wieder realistischer geworden.
Apropos Bewerbungen: Gibt es bereits einen Nachfolger für Sie?
Es ist ein großes Glück, dass wir bei Trumpf viele fähige Menschen haben, von denen einige infrage kommen als mein Nachfolger. Das Datum, an dem mein Mann und ich das Unternehmen verlassen wollen, steht fest – im kommenden Jahr wird das allerdings noch nicht sein.