207 Millionen Euro soll die Reaktivierung der Bahnstrecke zwischen Calw und Renningen mittlerweile kosten. Allein 80 Millionen davon sind für den Artenschutz.
Sie wiegt nur vier bis sieben Gramm und ist etwa vier Zentimeter lang: Die Bartfledermaus ist eine der kleinsten Fledermausarten Europas. Doch so winzig sie ist: Die Bartfledermaus und 17 andere Arten an fliegenden Säugetieren haben riesige Auswirkungen auf das Projekt Hermann-Hesse-Bahn. Sie kosten etwa 80 Millionen Euro.
Ende Januar 2026 sollen endlich die ersten Züge rollen auf dem reaktivierten Teilstück der Schwarzwaldbahn zwischen Calw und Weil der Stadt, ab Juni dann auch bis Renningen. Als das Projekt 2012 aus der Versenkung geholt wurde, lag die Kostenschätzung noch bei 49 Millionen Euro – bei einer prognostizierten Fertigstellung im Jahr 2018. Baustart war dann erst 2020. Nun teilt der Zweckverband Hermann-Hesse-Bahn mit, dass die Gesamtkosten wohl bei 207 Millionen Euro liegen werden.
Hesse-Bahn fährt erst von Calw nach Weil der Stadt und später bis Renningen
Dass sich große Bau- und Verkehrsprojekte länger hinziehen und dazu oft deutlich teurer werden als geplant, weiß man in der Region nicht erst seit Stuttgart 21. Baumaterial wird teurer, Genehmigungsverfahren stellen sich als kompliziert und langwierig heraus, Auflagen werden erhöht. Auch das hat für erhebliche Teuerungen beim Bau der Hermann-Hesse-Bahn gesorgt.
Doch dann gibt es noch den „Fledermaus“-Anteil. Die kleinen possierlichen Tierchen, die an Halloween gern als gruselige Deko dienen, haben in der Kostenaufstellung mittlerweile einen eigenen Posten – und der ist nicht winzig.
80 Millionen Euro verbucht der Hesse-Bahn-Verband allein unter dem Stichwort Artenschutz. Ein kleiner Teil davon entfällt auf geschützte Steinkrebse, die an einer Stelle neben den Gleisen leben und für die Zeit der Bauarbeiten umgesiedelt wurden. Das meiste wird jedoch für die Fledermäuse ausgegeben.
Etwa 1000 Tiere aus 18 verschiedenen Arten wurden in den beiden Bestandstunneln der Strecke, Forst und Hirsau, gezählt. Die Röhren dienen vor allem als Winterquartier der streng geschützten Tiere. Übrigens auch schon in kleiner Zahl, als 1988 der letzte Zug auf der Strecke fuhr. Die Tunnel gelten laut Naturschutzbund Nabu als „zu den bedeutendsten Überwinterungs- und Schwärmquartieren für Fledermäuse im süddeutschen Raum“.
Vieles wurde im Vorfeld der Bauarbeiten versucht, um die Flugtiere zu vergrämen. Doch die blieben stur – und in den Röhren. Die jetzige Tunnel-in-Tunnel-Lösung – im Tunnel innen fahren die Züge, in einer Zwischenebene zur alten Tunnelwand leben die Fledermäuse – geht auch auf ein Schlichtungsverfahren zurück, das 2019 beendet wurde und auf einer Klage des Naturschutzbundes von 2016 basiert.
Hesse-Bahn: Millionen für die Fledermaus – dafür wird das Geld ausgegeben
Wie viel diese Tunnel-in-Tunnel-Bauten genau kosten, dazu machen Zweckverband und Landkreis Calw keine genauen Angaben und verweisen auf vergabe- und wettbewerbsrechtliche Gründe. Zumal aktuell noch gebaut werde und keine Abrechnung vorliege. Auf Nachfrage ist lediglich von einem niedrigen zweistelligen Millionenbetrag die Rede. Der Rest des Fledermaus-Anteils von fast 80 Millionen Euro entfällt auf verschiedene Gutachten und andere Artenschutzmaßnahmen, darunter:
- Anlage neuer Biotope und Habitate
- Sicherung von Streuobstwiesen
- Bau von Fledermaustürmen
- Installation von Nistkästen
- Einführung einer Waldweide-Wirtschaft
- Bau von Ersatzwinterquartieren
Wäre angesichts dieser hohen Kosten eine alternative Strecke nicht günstiger und vor allem schneller gewesen? Das Landratsamt verneint. „Tunnelneubauten mit grundlegenden Änderungen wären aufgrund der empfindlichen Eingriffe in die Wohnbebauung von Althengstett sowie der Topografie am Welzberg nicht möglich gewesen“, sagt dessen Sprecherin Mara Müssle.
So bleibt die Röhre durch den Hacksberg bei Weil der Stadt-Schafhausen der einzige Tunnelneubau auf der reaktivierten Bahnstrecke. Deren Bau wird derzeit mit Kosten in Höhe von 16,5 Millionen Euro beziffert, eine Abrechnung liegt aber noch nicht vor. Probleme mit Fledermäusen gibt es hier nicht.
Calws Landrat Helmut Riegger war derjenige, der das Projekt Hesse-Bahn maßgeblich vorangetrieben hat. Auch mit dem Wissen von heute, so sagt er, würde er es wieder tun. „Natürlich hätten wir uns vom Regierungspräsidium mehr Unterstützung und an der einen oder anderen Stelle leichtere und kürzere Verfahren gewünscht – aber das ändert nichts daran, dass die Entscheidung zu jeder Zeit die richtige war.“
Wer bezahlt eigentlich für die Hermann-Hesse-Bahn?
Bleibt die Frage, wer die Rechnung für Bahnreaktivierung und Fledermaus-Unterkunft übernimmt. Zu Beginn des Projekts hat das von Winfried Hermann (Grüne) geführte Landesverkehrsministerium eine Zusage gemacht: 75 Prozent der Investitions- und Baukosten (entspräche jetzt 135 Millionen Euro) plus 15 Prozent als Planungskostenzuschuss (etwa 27 Millionen Euro). Den Rest übernehmen der Landkreis Calw und die Kommunen Calw, Althengstett und Ostelsheim, die zusammen den Zweckverband Hermann-Hesse-Bahn bilden.
Angesichts der immer wieder gestiegenen Summe, die für die Gesamtkosten genannt wurde – 2018 waren es 60 Millionen Euro, 2024 dann 164 Millionen Euro – ist das Land auf einen anderen Kurs umgeschwenkt. In Stuttgart setzt man nun darauf, 90 Prozent „der Reaktivierung und Elektrifizierung“ über ein Förderprogramm des Bundes zu finanzieren. Das dazu gehörige Antragsverfahren läuft aber noch.
Einen ruhigen Winter werden die Fledermäuse in den Tunneln Forst und Hirsau nicht haben: Die Arbeiten an der Strecke sollen bis Dezember erledigt sein. Voraussichtlich im Januar folgen dreiwöchige Testfahrten. Bei positivem Ausgang kann die Hesse-Bahn ab Ende Januar den regulären Betrieb aufnehmen.
Hermann-Hesse-Bahn
Schwarzwaldbahn
Die Strecke zwischen Stuttgart und Calw wurde 1872 eröffnet. In den 1930er Jahren wurde sie zwischen Stuttgart und Weil der Stadt elektrifiziert, seit 1978 ist sie Teil des S-Bahn-Netzes. 1983 fuhr der letzte Personenzug bis nach Calw. 1988 wurde der Güterverkehr eingestellt, die Strecke offiziell 1995 stillgelegt.
Artenschutzmaßnahmen
Neben der Tunnellösung: Anlage neuer Biotope und Habitate, Sicherung von Streuobstwiesen, Bau von Fledermaustürmen, Installation von Nistkästen, Einführung einer Waldweide-Wirtschaft und Bau von Ersatzwinterquartieren.