Der Aufstieg des 0711 Clubs: Was vor 30 Jahren mit 50 Leuten im Club Prag begann, ist heute ein Imperium. Johannes Graf Strachwitz über Mut, Visionen und die KI-Ära.
Johannes Graf Strachwitz, den alle als Strachi kennen, ist einer, der die Stuttgarter Hip-Hop-Szene von Anfang an geprägt hat. Das Studium an Hohenheim hing er gegen den Willen seiner Eltern an den Nagel und führte fortan die Geschäfte hinter den Partys unter dem Label 0711. Ein Gespräch über Anfänge, Veränderungen und wie gut es ist, dass damals noch nicht alles gefilmt wurde.
Herr von Strachwitz, alle kennen Sie als Strachi und als Gründungsvater von 0711. Stuttgart gilt nicht gerade als erste Adresse für Subkultur. Wie entstand ausgerechnet hier eine Szene wie die des 0711 Clubs?
Ich würde die Frage sogar noch größer stellen: Wie entsteht überhaupt eine Szene in einer Stadt, die immer als spießig verschrien ist? Meine Theorie ist, dass Stuttgart viel größer ist, als man denkt. Klar, offiziell sind es rund 650.000 Einwohner, aber mit Esslingen, Ludwigsburg und dem ganzen Umland hast du eine extrem dichte Region – fast wie im Ruhrgebiet. Und gleichzeitig hast du diese Kessellage: alles ist nah beieinander, man stolpert ständig übereinander. Anders als in Berlin, wo man schnell in der Anonymität verschwindet, haben wir uns hier zwangsläufig getroffen – und dann eben zusammengearbeitet statt gegeneinander. Dazu kommt die schwäbische Mentalität: nicht nur reden, sondern machen. Schaffen, schaffen, eben.
War das auch der Nährboden für den 0711 Club?
Absolut. Stuttgart hatte schon früh eine extrem aktive Club- und Hip-Hop-Szene. Das fing im Red Dog an, mittwochs, als Ali Schwarz uns eine Plattform gegeben hat. Da hat sich alles gesammelt. Und dann kam der Freitag , mit unserem 0711 Club. Wir hatten DJs, die ständig aufgelegt haben, dadurch richtig gut wurden. Stuttgart war damals, was Partys anging, wahrscheinlich die beste Stadt in Deutschland. Die Gäste kamen von überall her, nicht nur aus ganz Deutschland. Der 0711 Club wurde so eine Art Nukleus. Leute sind aus Frankreich, der Schweiz oder Berlin extra angereist, um bei uns zu feiern. Das war eine Mischung aus Underground, starken Local-DJs und internationalen Acts – plus die ganze Szene, die einfach da war.
Und das alles trotz des Images der „Kehrwochen-Stadt“. Der Ruf von Stuttgart war lange nicht der beste. Man hat gespottet, schwäbische Sprayer würden erst die Wand weiß grundieren, bevor sie loslegen. Wie haben Sie Wahrnehmung erlebt?
Genau gegen dieses Image haben wir gearbeitet. Stuttgart hatte immer dieses Spießer-Image. Gleichzeitig hat Hip-Hop aber einen extremen Lokalpatriotismus. Das kommt aus den USA – jeder repräsentiert sein Viertel, seine Stadt. Das haben wir übernommen. Stuttgart war unsere erste Liebe, mit allen Macken. Und genau deshalb wollten wir die Stadt auch nach außen vertreten.
Irgendwann hat Dirk von der Firma Bonn Brezel und 0711 auf Pullis gedruckt. Wann wurde aus der Vorwahl 0711 eigentlich ein Symbol?
Das war ein Prozess. Später habe ich erfahren, dass DJ Emilio der Erste war, der „0711“ in einem Song benutzt hat. Dann haben Graffiti-Leute das aufgegriffen und unter ihre Bilder gemalt. Das war Subsubkultur. Als wir dann im Club Prag einen Abend bespielen sollten, dann haben wir das eben 0711 Club genannt. Genau das hat es dann wieder besonders gemacht. Unser Büro hieß 0711 Büro. Das war im Radio-Barth-Gebäude.
Der Anfang war trotzdem nicht glamourös.
Überhaupt nicht. Der Club lag am Pragsattel, da gab es kein Laufpublikum. Du musstest da gezielt hin. Die ersten Wochen standen da 50 Leute auf der Tanzfläche. Wir haben uns echt schwergetan. Aber wir haben einfach weitergemacht.
Gab es einen Moment, an dem Sie gemerkt haben: Jetzt passiert hier etwas Großes?
Ja, definitiv. Als wir unseren ersten Ami-DJ holen wollten – Tony Touch. Vier Tage vorher hat er abgesagt. Wir hatten die ganze Stadt heiß gemacht. Das war ein Schock. Wirklich. Ich habe die Nachricht auf dem Anrufbeantworter gehört und dachte: Das war’s. Aber wir haben improvisiert und einen anderen DJ eingeflogen: DJ P.F. Cuttin. Und was dann passiert ist, war völlig absurd. Die Leute standen schon Stunden vorher Schlange. Als wir aufgemacht haben, sind sie in den Club gerannt, direkt auf die Tanzfläche. Und dieser DJ hat sechs Stunden am Stück gespielt – ohne Pause. Das war wie ein UFO, das gelandet ist. Für uns und für die Szene. Noch ein weiterer wichtiger, genialer Typ war DJ AM, der leider schon verstorben ist. Die beiden haben uns nachhaltig geprägt. Wir haben aber auch Chancen verpasst. Panjabi MC mit „Mundian Bach Ke“ lief schon extrem früh bei uns - und alle drehten durch. Leider kamen wir erst spät auf die Idee, diesen Song zu veröffentlichen. Das haben wir verschnarcht.
Was waren die wichtigsten Stationen insgesamt?
Klar, der 0711 Club, die HipHop-Open, dann die 0711 Livecom und die 0711 Digital GmbH, als dann gemeinsam mit Steffen Posner und den Freunden vom Stuttgarter Label Chimperator die Bookingagentur Chimperator Live gegründet wurden.
Welche Musik steht für Sie persönlich für diese Zeit?
Da gibt es viele Tracks. Spontan würde mir MOP „Ante Up“ einfallen. Aber auch Stuttgarter Sachen: „Reimemonster“ von Afrob kam im Club wahnsinnig gut an. Für mich sind Songs wie „Mutterstadt“ von den Massiven Tönen schon eher biografisch. Und „Esperanto“ – das löst bei mir bis heute etwas aus.
Und welche Künstlerinnen oder Künstler hätten Sie eine größere Karriere vorausgesagt?
Meli von Skills en masse war ihrer Zeit voraus. Wir werden sie zum Jubiläum einfliegen.
Sie haben nicht nur Trends nur erlebt, sondern auch gesetzt wie bei der Partyreihe 12Inch.
Ja, das war so ein Moment, wo wir Regeln gebrochen haben. Früher war alles strikt getrennt: Hip-Hop, Techno, Rock. Und dann haben wir plötzlich 99 Luftballons gespielt – und danach wieder Hip-Hop. Die Leute sind komplett ausgerastet. Das war wie eine Befreiung. Heute ist das Standard, damals war das revolutionär.
Neben dem Club entstand ein ganzes Unternehmen. Wann kam dieser Shift?
Relativ früh. Wir hatten irgendwann ein Büro im Radio-Barth-Gebäude – mit Sperrmüll-Schreibtischen, einem Faxgerät und einem Anrufbeantworter. Wir haben parallel in Hohenheim studiert – oder hätten es tun sollen. Irgendwann mussten wir uns entscheiden: Studium oder das hier. Die Entscheidung fiel schnell. Den Eltern das zu erklären, hat länger gedauert.
Und aus dieser Entscheidung wurde ein ganzes Netzwerk.
Ja, daraus entstanden 0711 Livecom, unsere Agentur, später 0711 Digital, Veranstaltungen, Kooperationen. Auch Apertura Sports, als Schwesterfirma die sich um Fußballerkarrieren kümmert.
Wie geht es mit der Agentur 0711 weiter?
Man muss adaptiv bleiben. Gerade jetzt, mit KI und den ganzen Veränderungen. Dinge wie Content-Produktion verändern sich massiv. Aber das war schon immer unser Ansatz: neugierig bleiben, neue Sachen ausprobieren.
Wenn Sie zurückblicken – was fehlt heute?
Ehrlich gesagt: nichts – und gleichzeitig etwas ganz Entscheidendes. Wir haben kaum Fotos und Videos von damals. Das ist eigentlich total schade. Aber auf der anderen Seite waren wir komplett im Moment. Niemand hat durch ein Handy geschaut. Niemand hat gefilmt. Heute stehen alle mit dem Smartphone da. Damals haben die Leute einfach getanzt. Und genau das bleibt.
Info
Das Konzert
Das Jubiläumskonzert findet am 23. Mai im Rahmen des SWR Sommerfestivals statt. Das Konzert ist ausverkauft.
Die Doku und der Podcast
Doku mit unveröffentlichten Geschichten und Ausschnitten vom „30 Jahre 0711 Family Jam“ ab 11. Juni 2026 in der ARD Mediathek, am 4. Juli 2026 um 0:05 Uhr im SWR; Die Dokumentation „0711 – HipHop made in Stuttgart“ zeigt die Geschichte der Stuttgarter HipHop-Szene, beleuchtet die Anfänge und bringt die Legenden des Deutschraps für ein unvergessliches Konzert zurück auf die Bühne. Sie ist ab dem 11. Juni in der ARD Mediathek verfügbar und wird am 4. Juli um 0:05 Uhr im SWR ausgestrahlt. Das Konzert vom 23. Mai vom SWR Sommerfestival ist in voller Länge ebenfalls in der ARD Mediathek ab dem 11. Juni abrufbar. Außerdem erzählt der Podcast „Mutterstadt 0711 – HipHop Hauptstadt Stuttgart!?!“, ab 22. Mai in ARD Sounds, wie HipHop-Deutschland auf Stuttgart geblickt hat.