8. August 1989 – der Täter liegt erschossen auf dem Gehweg Foto: Kraufmann

Ein Asylbewerber metzelt fünf Polizisten mit einem Bajonett nieder, zwei Beamte sterben, der Täter wird erschossen: Das Drama auf der Gaisburger Brücke am 8. August 1989 dauerte nur 15 Sekunden – und stellte Stuttgart lange Zeit vor eine schwere Belastungsprobe.

Stuttgart - „Gut, dann werde ich das wieder über mich ergehen lassen müssen“, sagt Jürgen Hähnlein. Der Polizist ist ein Überlebender, ein Opfer eines Blutbads, das 15 Sekunden dauerte – aber auch derjenige, der das Drama nur 15 Sekunden dauern ließ. Er schoss den Mann, den man heute wohl einen Amokläufer nennen würde, mit drei Kugeln nieder. Ein Held wurde Hähnlein deshalb nicht. Er bezahlte mit körperlichen und seelischen Wunden einen hohen Preis. Das alles war vor 25 Jahren, doch es scheint, als wäre es erst gestern gewesen.

9.17 Uhr, 41 Sekunden: „Der Schwarzafrikaner leistet soeben Widerstand. Wir werden ihn zum Revier fahren.“

9.17 Uhr, 56 Sekunden: „Dringend Notarzt zur Gaisburger Brücke, mehrere Kollegen durch Bauch . . . Zwei Notärzte, der Neger ist jetzt wahrscheinlich tot . . . erschossen.“

Zwei Tage vor diesen Funksprüchen hatte ein Mann, der sich Albert Ament nannte, in seinem Zimmer eines Wohnheims im Stuttgarter Süden seinen 48. Geburtstag gefeiert. Allein und zurückgezogen, mit Kuchen, Kerze, Räucherstäbchen. Der Geburtstag – ein Zugeständnis an seine wahre Identität. Ansonsten hatte er alle Spuren verwischt, um nicht identifiziert und abgeschoben zu werden. In Wahrheit hieß er Frédéric Beyida-Otomo, ein Einzelgänger aus Mbassila-Sa’a in Kamerun, der 21 Jahre auf einer Odyssee durch Frankreich, Spanien, die USA, Luxemburg und Deutschland war.

Ein gewalttätiger Gejagter, immer in Angst vor der Enttarnung. Und offenbar psychisch gestört: Dem damaligen Außenminister Hans-Dietrich Genscher hatte er einen Drohbrief geschrieben, in dem er Entschädigung für eine Abschiebehaft forderte: „Wenn Sie haben mir nicht bezahlen die gefangnis nach Dortmund 3 monat und 2 tage . . . Sind Sie todes.“

Am 8. August kommt es zu einem tödlichen Finale. Otomo fällt zunächst um 6.14 Uhr im Stuttgarter Osten in einer Straßenbahn der Linie 9 auf, als er einen Kontrolleur niederschlägt und flüchtet. Der Vorfall löst eine Fahndung aus, die aber um 6.50 Uhr eingestellt wird. Alles Routine.

Das scheint es auch zu sein, als die Polizeibeamten Peter Quast (28) und Harald Poppe (27) vom Verkehrsüberwachungsdienst auf der Gaisburger Brücke einen kräftigen Schwarzafrikaner entdecken und sich an die Funkfahndung drei Stunden zuvor erinnern. Zur Kontrolle rücken zwei weitere Streifen an. Fünf Beamte steigen aus, einer bleibt im Wagen am Funk. Widerstand ist für den Verdächtigen zwecklos. Fünf gegen einen. Was soll da passieren?

Doch Otomo, der kontrolliert werden soll, hat den Überraschungseffekt auf seiner Seite. Mit einem Bajonett, in einer eingerollten Zeitung versteckt, sticht er in Nahkämpfermanier zu. Fünf Polizisten liegen in ihrem Blut. Quast und Poppe sterben. Hähnlein, der 25-jährige Polizeimeister, wird lebensgefährlich verletzt, streckt den flüchtenden Otomo mit drei Schüssen nieder.

Stuttgart verfiel danach in eine Schockstarre. Wie unbefangen konnten sich Polizei und Bürger noch begegnen? Führerscheinkontrolle nur noch mit Finger am Abzug? Was nach der RAF-Terrorzeit in den 70ern überwunden schien, nun war es wieder da: „Wir mussten erkennen, dass die Uniform kein Schutzschild ist, sondern eine Angriffsfläche“, sagt Michael Kühner, damals als Chef der Mordkommission der Einsatzleiter, heute Polizeivizepräsident im Ruhestand. Bis heute habe die polizeiliche Arbeit immer wieder auf gesellschaftliche Veränderungen reagieren müssen, sagt Kühner. Amok ist Alltag: So gehört für die Polizei ein Training für Amoklagen zum Standard.

Die toten Polizisten werfen einen langen Schatten. Der Umgang mit Asylbewerbern, damals ein besonderes Reizthema unter den Stuttgartern, heute wieder aktuell angesichts steigender Flüchtlingszahlen. Der damalige OB Manfred Rommel hatte die Stimmungslage beruhigen wollen. „Es hätte auch ein Weißer sein können. Es hätte auch ein Schwabe sein können“, sagte er bei der Trauerfeier in der Ebrhardskirche, um eine Brücke zu bauen zwischen Trauer und Stigmatisierung von Asylbewerbern. Doch damit riss er nur neue Gräben auf.

Auch der Kinofilm „Otomo“ des Filmemachers Frieder Schlaich konnte nicht versöhnen. Der fiktive Film mit Eva Mattes („Tatort“) und Isaach de Bacholé („Night on Earth“) in den Hauptrollen, wollte Verständnis für beide Seiten zeigen, stieß aber weitgehend auf Ablehnung. „Als Dokumentarfilm“, sagt der pensionierte Schutzpolizei-Chef Günther Rathgeb, „wäre dieser Otomo unerträglich.“

Jürgen Hähnlein, heute 50, bleibt Leid und tödlichen Dramen verbunden: Seit 20 Jahren arbeitet er bei der Mordkommission. Den 8. August sieht Hähnlein als seinen zweiten Geburtstag. Den Tatort suchte er all die Jahre allein auf. „Ohne Trubel“, sagt er. Der triste Gehweg, auf dem Fußgänger eher selten unterwegs sind, taugt wenig als stille Gedenkstätte. Eine Bronzetafel erinnert noch an die Bluttat, ein Blumenkasten wurde schon vor Jahren abgebaut.

An diesem Freitag wird es kurz wieder Trubel geben. Der Innenminister, der Oberbürgermeister, der Polizeipräsident, auch Angehörige – sie wollen im Schatten des Gaskessels der toten Polizisten gedenken. Hähnlein will ebenfalls dabei sein. Und das alles über sich ergehen lassen.

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