Anna-Lisa Jung ärgert sich über die Krisenhilfe der Bundesregierung. Foto: privat

Die Stuttgarter Unternehmerin Anna-Lisa Jung ärgert sich über die Wirtschaftspolitik der Regierung – und macht einen Gegenvorschlag. Dafür bekommt sie viel Zuspruch.

1000 Euro sollen Unternehmen ihren Mitarbeitern steuerfrei auszahlen können. Mit diesem Vorschlag will die Bundesregierung die Wirtschaft hierzulande ankurbeln. In der Arbeitswelt selbst hat der Vorschlag keine Jubelschreie ausgelöst – er erweist sich eher als Rohrkrepierer. Unternehmer und Unternehmerinnen ärgert das Vorgehen von Union und SPD.

 

Zu ihnen gehört auch Anna-Lisa Jung. Die Geschäftsführerin von Wein-Moment aus Stuttgart fällt ein vernichtendes Urteil über die Wirtschaftspolitik der Bundesregierung von Friedrich Merz (CDU). Gemeinsam mit ihrer Schwester und ihrer Familie betreibt sie in dritter Generation ein Weinhandelsunternehmen. Mittlerweile gibt es neben Stuttgart vier weitere Standorte und einen großen Onlineshop. In einem Social-Media-Beitrag hat sie sich direkt an Merz gewandt und wirft dem Bundeskanzler unter anderem Realitätsferne vor.

Unternehmerin aus Stuttgart ist „langsam echt fassungslos“

„Ihr Vorschlag eines sogenannten Krisenbonus macht uns als Unternehmer im Mittelstand nicht nur wütend, sondern langsam echt fassungslos“, sagt Jung in dem Beitrag. Die Regierung verteile „politische Geschenke“, wofür Firmen wie ihre am Ende die Rechnung zahlen müssten. Nämlich aus den Gewinnen. Jung rechnet vor: ein Unternehmen, das derzeit noch gut dastehe, mache in etwa fünf Prozent Umsatzrendite. Von 100 Euro Umsatz blieben fünf Euro Gewinn übrig. „Wenn wir einem Mitarbeiter 1000 Euro zahlen sollen, bedeutet das, dass wir 20.000 Euro mehr Umsatz machen sollen.“

„Aber was, wenn es diese Gewinne im Moment überhaupt nicht gibt?“, fragt die Unternehmerin. Viele würden derzeit ums Überleben kämpfen, die Rechnung gehe schlichtweg nicht auf. So sehen es im Übrigen auch viele andere. Eigentlich sei sie niemand, der auf die Politik losgehe oder gerne meckere, sagt die 31-Jährige im Gespräch mit unserer Zeitung. „Oft ist das weit weg. Und ich bin eigentlich der Meinung, dass jeder auch hauptsächlich selbst für sich verantwortlich ist.“ Mit den Entscheidungen zuletzt habe die Regierung aber eine „Maß überschritten“, so Jung. „Wir dachten erst, das sei ein Witz.“

Am Beispiel der Weinhändler, die inzwischen auch Eventmanager und Kleingastronomen sind, zeigt sich auch, dass die Krise in der Region Stuttgart viel weitergeht und längst nicht nur Zulieferer betroffen sind. „Es heißt immer: Haja, dem Daimler und dem Bosch geht’s halt schlecht. Aber man glaubt nicht in was für Branchen das ankommt“, sagt Jung. Ihre Aufträge aus diesem Bereich seien quasi komplett eingebrochen – und das sei durchaus ein Faktor.

Jungs Kritik ist durchaus konstruktiv, denn sie hat einen Gegenvorschlag zu der Prämie: Im Mai sollten die ersten 1000 Euro des Bruttolohns für jeden Arbeitnehmer steuer- und sozialversicherungsfrei werden. Aus ihrer Sicht würde das Arbeitnehmer entlasten und Unternehmen nicht zusätzlich belasten – „und einfach mal Vertrauen statt Frust schaffen“, sagt sie.

Viel Zuspruch – auch von Arbeitnehmern

Jung freue es, dass sie auf ihren Beitrag hin nicht nur Zuspruch von anderen Arbeitgebern, sondern auch von Arbeitnehmern bekommen habe. Das Posting hat nach nicht einmal einem Tag mehr als 10.000 Likes. Viele Rückmeldungen kamen aus der Wein-Branche, aber auch lokale Unternehmer und selbstständige aus Stuttgart kommentierten den Beitrag auf Social Media. Unter anderem meldeten sich Influencerin und Moderatorin Lola Weippert (“starke und wichtige Worte!“) und Ex-VfB-Torhüter und Gastronom Timo Hildebrand (“gut gesprochen“) zu Wort.

Das schlimmste auf lange Sicht für das Land sei, führt Jung weiter aus, „Sie nehmen Unternehmen mit solchen Vorschlägen Schritt für Schritt das, was unsere Wirtschaft überhaupt trägt. Die Lust auf Verantwortung, die Lust Dinge zu bewegen und voranzubringen, die Lust zu investieren, die Lust Arbeitsplätze zu schaffen.“ Dass es ohne Unternehmer am Ende keine Arbeitsplätz gebe, sei hingegen eine einfache Rechnung, so Jung. „Bitte hören Sie hin und kommen Sie der Realität zumindest einen kleinen Schritt näher“, appelliert sie an den Bundeskanzler.