Grünen-Wahlparty: Stuttgarter Grüne wollen mitregieren
Stuttgart - Die Grünen aus Stadt und Land haben ihren historischen Wahlsieg im Kunstgebäude am Schlossplatz ausgelassen gefeiert. Dass der Sieg auch harte politische Arbeit bedeutet, ist allen bewusst. Vor allem die hohen Erwartungen der Stuttgart-21-Gegner bergen Konfliktstoff.
Sonntagabend um 18.33 Uhr tritt der Triumphator das erste Mal auf. Mit energischen Schritten entert Winfried Kretschmann die Bühne im Foyer des Kunstgebäudes, reckt beide Arme in die Höhe und genießt, mit einem sanften Lächeln auf den Lippen, die "Hey, hey"- und "Kretschmann, Kretschmann"-Rufe.
Das "Danke", das der 62-jährige Spitzenkandidat der Grünen formuliert, geht im minutenlangen Jubel der Parteifreunde und Anhänger unter. Als Kretschmann endlich zu Wort kommt, spricht er von einer "historischen Wende" in der Politik des Landes, die den Weg zur "Bürgergesellschaft" in Baden-Württemberg einleiten werde. Kretschmann verspricht: "Wir werden das Land in eine grüne Richtung umgestalten."
Der Auftritt dauert keine zehn Minuten. Eingekeilt in einem Pulk von Journalisten, Fotografen und Kameraleuten, schiebt sich Kretschmann weiter in Richtung Landtag, zum ersten TV-Auftritt des Abends. "Da geht er, unser neuer Ministerpräsident", sagt eine Parteigängerin, als sich der Tross an ihr vorbeigeschoben hat.
Dass es ein erfreulicher Abend für die Partei werden würde, stand bereits bei der ersten Prognose kurz nach 18 Uhr fest. 25 Prozent Stimmanteil meldet die ARD für die Grünen, das würde trotz des schwachen Abschneidens der SPD ausreichen, die CDU/FDP-Landesregierung abzulösen. "Mappus weg, Mappus weg" tönt es immer wieder durch das überfüllte Foyer. Im Fernsehen räumt als erste CDU-Politikerin Ministerin Tanja Gönner die Niederlage ein. "Wir müssen uns als Partei neu aufstellen", sagt sie. Der Rest ihres Statements geht im Jubel der Grünen unter.
Die erste Siegerin des Abends aus Sicht der Stuttgarter Grünen ist Mutherem Aras. Die Stadträtin hat es auf Anhieb geschafft, der CDU-Kandidatin Andrea Krueger deren Landtagsmandat abzunehmen. "Das ist ein Supergefühl", freut sich Aras. Vor den politischen Herausforderungen empfinde sie "Respekt", bekennt sie. Vor allem in der Schul- und Bildungspolitik will sich Aras verstärkt einbringen.
Auch Werner Wölfle, der sein Direktmandat mit einer Zitterpartie von 301 Stimmen Vorsprung gewinnt, spricht von "wahnsinnig schweren Aufgaben" in der nächsten Legislaturperiode. Wölfle wird in einer möglichen Koalition mit der SPD bereits als denkbarer Minister im Bereich Verkehr, Soziales oder Umwelt gehandelt - ein Gedanke, der dem 57-Jährigen durchaus zusagt. "Ich verstecke mich nicht", sagt er selbstbewusst.
Brigitte Lösch ist vor Freude überwältigt, als sie von ihrem kaum erwarteten Direktmandat erfährt. "Die Mehrheit der Wähler hatte die Arroganz der jetzigen Regierung satt", meint sie und verspricht - mit Blick auf Aras - "noch mehr Frauenpower aus Stuttgart" im Landtag. Frank Untersteller, der das einzige Zweitmandat aller Parteien im Land erringt, macht den Erfolg der Stuttgarter Grünen perfekt.
"Wir haben in Stuttgart schon seit vielen Jahren Vorarbeit für diesen historischen Sieg geleistet", analysiert Grünen-Urgestein Rezzo Schlauch. Die Partei aus ihrer ursprünglichen alternativen Szene herausführen und zur Bürgerlichkeit hin öffnen - das habe sich jetzt als "Erfolgsrezept" erwiesen. Auch der Bundestagsabgeordnete Fritz Kuhn weist darauf hin, das man "seit 30 Jahren auf diesen Erfolg hingearbeitet" habe. "Die Bürger haben heute vor allem den Atomausstieg gewählt", meint Kuhn.
Mit der Interpretation steht Kuhn nicht alleine da. Fast alle Grünen kommen an diesem Abend auf die Atomkatastrophe in Japan und ihre politischen Folgen für Deutschland zu sprechen. Das Thema, das man noch vor wenigen Wochen für wahlentscheidend gehalten hatte - nämlich Stuttgart21 - kommt in den Analysen kaum noch vor. Auch Kretschmann hat das Reizwort bei seinem Kurzauftritt nicht erwähnt. Bei seinem Auftritt in der "Tagesschau" weicht er der konkreten Frage des Moderators nach dem Bahnprojekt mit einer Floskel aus.
Das Aktionsbündnis gegen Stuttgart21 wird sich damit auf Dauer nicht zufrieden geben. 7000 Menschen haben sich am Abend auf dem Schlossplatz zur "Mappschiedsparty" versammelt. Als sich das Wahlergebnis konkretisiert, ist SÖS-Stadtrat Hannes Rockenbauch erleichtert: "Wir haben Geschichte geschrieben", ruft er der Menge zu. "Das war eine wichtige Etappe, aber es wird auch sehr spannend, wie es weitergeht." Rockenbauch fordert von der künftigen Regierung einen lokalen Volksentscheid. "Stuttgart21 ist schließlich ein Angriff auf unsere Stadt", argumentiert er.
"Ich kann mir eine persönliche Genugtuung nicht verkneifen, dass Stefan Mappus abgewählt wurde", bekennt Theaterregisseur Volker Lösch. "Damit haben wir einen Politiker abgewählt, der immer nach rechts außen geschaut hat." Nach jedem Satz gibt es frenetischen Applaus der Projektgegner.
Der Widerstand gegen das Projekt werde "ganz klar weitergehen", kündigt Matthias von Herrmann von der Parkschützer-Initiative an. Die Grünen stünden auch in der Landesregierung unter Beobachtung. "Ich glaube, dass man sie bei Stuttgart21 zum Jagen tragen muss", meint von Herrmann.
























































