Auf gut Schwäbisch: Dr Necker in voller Pracht

Dichten und genießen am Neckar.
dpaJournalistisch betrachtet erleben wir bewegte Zeiten: Stuttgart 21, Atom, Sarrazin. Ein guter Gradmesser sind die Leserzuschriften, die uns täglich erreichen. Unsere Leserbriefredaktion hat jedenfalls alle Hände voll zu tun. Das ist jedoch nichts im Vergleich zu dem Thema, das unsere Leser bei der gestrigen Lektüre umtrieb: Das Gedicht "Dr Necker" von Sebastian Blau. Unser Postfach wurde genauso geflutet wie unser Fax. Einige riefen direkt an: "Ha, wisset Ihr des net?"
Rückblick: Edith Packer wandte sich mit einem Fragment des ihr (und uns) unbekannten Gedichts an uns, mit der Bitte, es zu vervollständigen. Auch eine noch junge Schwäbisch-Redaktion hat ihre Wissenslücken. Aber wir lernen gern dazu - und holen das Verpasste nach. Aus Platzgründen jedoch nur auf unserer Internetseite www.auf-gut-schwaebisch.de.
Kleiner Exkurs am Rande von Leserin Ursula Jung: "Sebastian Blau war lange Jahre als Josef Eberle Herausgeber der ,Stuttgarter Zeitung'. Das Gedicht war früher in den Lesebüchern abgedruckt und wurde von vielen Schwaben in der Schule auswendig gelernt. Übrigens: Der Neckar ,schwitziert' nicht 's Täle ra, sondern schwitisiert, was in der vermutlich ersten Ausgabe der schwäbischen Gedichte von 1948 im Anhang mit ,sich vergnügtem Bummeln hingeben' (frz. suite) interpretiert wird."
Dr Neckar (Sebastian Blau)
Ta’z ond Musek ghaöt zur Kirbe,
ond dr Hoachzichstrauß zur Braut,
ond zur Fasnet ghaöret mürbe
Küachle, wia dr Speck ens Kraut.
Ond zur Täufete ghaöts Kendle,
ond zum Gaigel ghaöt dr Trompf,
ond dr Necker ghaöt ens Ländle
als sei‘ Heazstuck ond Triompf!
Sei‘ Erbtoal kriegt r halb ond halb
vom Schwaazwald ond vor Rauhe’n Alb.
Drom ist r ao toals zart, toals grob,
grad wia sei‘ Vatter ond sei‘ Muater;
mit oam Woat gsait,: er ist e guater
und regelrechter Schwob.
Latz gucket ao des Wässerle,
wias aus em Bode‘ spritzt,
ond wia silbrigs Messerle
so blank ond sauber glitzt!
Wias plätscheret ond strudlet
ond wuselet ond hudlet,
wias läbberet ond motzet
ond Kieselbatze‘ schlotzet!
Sott ma’s glaube‘, schla mes Blechle,
dass des wenzig, wonzig Bächle
mol en Necker geit?
Freilich, freilich geit es des,
narr aus Bibberlen wearet Gäs‘
ond aus Kender Leut!
Des ist doch en alte Sach:
Eest viel Wässerle gent en Bach.
So isch grad bei Necker ao -
ond en Rottweil macht r schao‘
a‘ dr eeste‘ Mühlebruck
als Athlet sei‘ Gsellestuck.
Latz schwitisiert r s Täle ra,
iatz ist r uf dr Walz,
ond wenn e´r kö’t, noh feng r a‘
ond säng aus vollem Hals!
r karessiert mit Berg ond Wald
ond schmeichlet mit em Moos,
tuat Fangerles mit dr Eisebahn‘
und Schlumpfetles mit dr Stroß.
Koa‘ Wonder, daß en s Täle ma‘,
ond daß ems so flattiert
ond lenks ond reachts de‘ ganze‘ Weag
mit Tannereis verziert.
Ond r reckt se,
ond r streckt se
ond braucht zmol en Haufe‘ Platz;
Stoa‘ ond Felse’n überschwemmt r
ond die haögste Stauwuhr nemmt r
spielend mit me‘ Satz.
So isch reacht, so ka’n r bleibe!
Jatzet muaß r na‘ a’s Britt,
iatzer hoaßts uf Schritt ond Tritt:v Mühle‘n ond Fabrike‘ treibe‘,
Geite hüate‘, Wendle‘ wäsche‘,
onter jede Bruck sich ducke‘,
ond dezuana‘ Dreck ond Äsche‘,
Abfäll, Gschnipf ond Kutter schlucke‘.
Ist r schliaßlich noch em Schaffe‘,
obends wieder glatt ond ebe‘,
muaß r noh em Mo‘, deam Affe‘,
stondelang de‘ Spargel hebe‘.
Aber moast, de‘ Necker gheis?
Männdle, do bist et reacht briicht:
noa‘, iatz zeigt r eest mit Fleiß
überall e freundlichs Gsiicht.
Freilich müaßt er bald verlechne‘,
kö’t r et auf Zuaschuß rechne‘.
Haörsch! do plätzschrets schao em Schilf!
Ond vo‘ älle Seite sprenget
Wässerlen ond Bäch ond brenget
aosrem Necker Hilf.
Fils ond Rems ond Murr ond Enz,
Zaber, Sulm ond Jagst ond Kocher –
isch e Wonder, wenn er nocher
vo‘ Heilbronn bis na a’d Grenz
wia e Herr deherstolzert
ond mit Woaze, Obst ond Wie‘
ond mit Dampfschiff renommiert,
grad als wär des älles sei?
Iatz ist r stark, iatz ist r groaß,
iatz giht en anders Leabe‘ laos,
iatz muaß r naus en d Fremde!
(Wer wuud ao heule; schämmde!)
r hot auf seire Wanderschaft
en A’seah kriagt ond Bärekraft,
r hot vom Leabe manches gseah,
hot manches könne haore,
ond was noh fehlt, soll wuud se gea,
sell wuud en d Fermde Lähre. –
So, do ist d Grenz. Adje!
Soweit wär älles reacht ond schö.
Was aber tuat dear Stromer?
r lauft schnurstracks ens Badisch nei‘
ond selt – vor lauter Jomer –
versäuft r se em Rhei‘!