Aktion Weihnachten: Stuttgarter Ballettstars tanzen für die Aktion Weihnachten
Weiß ist die Farbe dieses Ballettvormittags. Fließende Kleider, schneeweiße Trikots, zarte Tütüs setzen bei der Benefizgala für die Aktion Weihnachten unserer Zeitung leuchtend helle Akzente. Und auch der Tanz vermag im Bühnendunkel von Hoffnung und der Sehnsucht nach einem Neuanfang zu erzählen.
Das passt perfekt zum guten Zweck, der alle am zweiten Adventssonntag im Opernhaus zusammenbringt. Die Akteure auf und hinter der Bühne bescheren nicht nur den kleinen und großen Zuschauern im ausverkauften Saal Glanzmomente. „Mit den Einnahmen aus der Ballettmatinee ermöglichen sie es uns, Menschen zu helfen, die auf Hilfe angewiesen sind“, sagt Jan Sellner, Vorsitzender der Aktion Weihnachten, bei der Begrüßung. Dazu gehört in diesem Jahr zum Beispiel der Förderverein für neurologisch erkrankte Kinder und Jugendliche.
Ballett versöhnt
„Ballett versöhnt uns mit vielem. Es sorgt für besondere Momente und hilft, die Welt besser zu machen. Auch an diesem Vormittag“, steigert Jan Sellner die Vorfreude des Publikums. Und wer miterleben darf, wie sich der Cranko-Schüler Waku Tohara in der klassischen Variation „Flamme de Paris“ in den Bühnenhimmel schraubt, als kenne er den Ausknopf für die Schwerkraft, ist mehr als einverstanden.

Tanz weckt Frühlingsgefühle: „Szene aus Shimmer Simmer“
Foto: SB/Roman NovitzkyVor allem die Akademie-Schüler machen staunen über das hohe Niveau, das eine Ausbildung zum Bühnentänzer in Stuttgart heute bietet. Carson Willey etwa. Ihm glückt in dem für sich selbst choreografierten Solo „Minari“, fließenden Tanz und Virtuoses wie Überschläge mit beeindruckender Nachdenklichkeit zu paaren. Ist Tanz der richtige Weg?, scheinen seine Gesten zu fragen. Auch Justin Padilla hat sich ein Solo auf den Leib choreografiert. Er tritt in „Exit“ dramatisch wie ein Agent aus dem Dunkel, um sich dann mit weiten Armbewegungen in die Musik Ezio Bossos geradezu hinein zu biegen.
Ihre Mitschüler Doga Taskaya und Andrew Shields wischen in dem raffinierten Pas de deux „Albinoni“ alle Zweifel beiseite. Hände pulsieren da im Herzschlag der Musik, Körper finden in meditativem Sog immer neue Motive inniger Verbundenheit. Zum Tanzfest machen die Akademie-Schüler schließlich die frech und gut gelaunt getanzte Frühlingsszene aus „Shimmer Simmer“, die große Lust auf den Rest von Kinsun Chans Vivaldi-Ballett macht.
Tanz als Zeitraffer
Wie die Cranko-Schüler in diese großen Rollen hineinwachsen, deutet bereits das erste Stück der Matinee an: Rund vierzig Schüler aus fünf Klassen zeigen in „Sinfonia in D“ in einer Art Zeitraffer, wie Ballett Körper und Geist formt. Stefania Sansavini und Valentina Falcini gruppieren die Mädchen in eleganten Reihen, währen die Jungs richtig aufdrehen dürfen. Im modernen Solo „Arcadia“ beweist Marta Castaldo später mit kantigen Bewegungen, was Tanzschülerinnen heute drauf haben, während Ruka Suginohara als klassische „Satanella“ teuflisch gut aussieht.
Das Stuttgarter Ballett entführt nach der Pause in dunkle Märchen und Dramen, in denen die Begegnungen im Tanz Hoffnung auf ein Happy End machen.
So knackt Mackenzie Brown zur Freude aller erstmals eine der großen Baumfrüchte aus dem „Nussknacker“ und entschwebt mit dem darin wartenden Prinzen Henrik Erikson in einer leicht hingetupften Tanzszene dem Spielzeugland mit seinen kriegerischen Zonen.
Auch am Ufer von „Schwanensee“ stehen in den Szenen, die sich für die Benefizgala zu einem kurzen Best-Of bündeln, die Zeichen auf Neuanfang. Die vier kleinen Schwäne Aoi Sawano, Lily Babbage, Irene Yang und Aiara Iturrioz Rico geben sich mit perfekt ratterndem Spitzentanz kämpferisch; die großen Schwäne Diana Ionescu und Abigail Willson-Heisel verteidigen ihr Revier mit weiten Gesten. Doch Martí Paixà gewinnt als sanfter Prinz verständlicherweise das Herz der schön empfindsam agierenden Oberschwänin Mizuki Amemiya und lässt sie von der Erlösung träumen.
Ein Debüt voller Kraft
Einen kurzen Moment des Glücks macht auch Veronika Verterichs Debüt als Julia greifbar. Mit dem souveränen David Moore als Romeo an ihrer Seite erzählt die Tänzerin mitreißend vom im wahrsten Sinne erhebenden Gefühl der Liebe, einer Liebe zudem, die in den sprechenden Bewegungen John Crankos die Kraft zu haben scheint, alte Feindschaften zu besiegeln.
Mit Ausschnitten aus zwei modernen Stücken unterstreicht das Stuttgarter Ballett seinen Status als aktuelle „Kompanie des Jahres“, die am Puls der Zeit tanzt. Ein Duett aus „Formoria“, von Matteo Miccini und Edoardo Sartori mit sich dem Dunkel beugenden Schritten getanzt, zeigt, warum Choreografin Vittoria Girelli eine Hoffnungsträgerin der Kompanie ist. Und in einem Auszug aus David Dawsons „Symphony No. 2“ darf der Tanz sehr virtuos sich selbst genügen – und Publikum wie Tänzer glücklich machen.














