10.500 Jahre alt
: Rätselhafte Holzteile aus der Steinzeit im Arendsee entdeckt

Holzbauten vor den ersten Bauern? Am Grund des Arendsees in Sachsen-Anhalt haben Unterwasserarchäologen bis zu 10.500 Jahre alte, gezielt bearbeitete Hölzer geborgen. Ein Pfahl und gespaltene Bretter könnten zu Konstruktionen von Jägern und Sammlern gehört haben. Noch ist offen, ob es sich um Hütten oder andere Bauwerke handelte.
Von
Markus Brauer
Halle
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Bergung des mittelsteinzeitlichen Holzes durch Mitarbeiter des Landesamts für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt.

Bergung des mittelsteinzeitlichen Holzes durch Mitarbeiter des Landesamts für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt.

Juraj Lipták/Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
  • Unterwasserarchäologen bergen am Arendsee gezielt bearbeitete Hölzer aus der Mittelsteinzeit.
  • Pfahl und Spaltbretter sind bis zu 10.500 Jahre alt – mögliches Zeugnis früher Holzkonstruktionen.
  • Unklar bleibt, ob Hütten oder andere Bauwerke entstanden; weitere Forschungen laufen.
  • Besondere Geologie konserviert Funde in etwa 20 Metern Tiefe unter dünnem Sediment.
  • ROV-Scans kartieren das ehemalige Ufer, um Fundstellen zu präzisieren und Einsätze zu planen.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Bereits seit mehreren Jahren erfolgen im Arendsee (Altmarkkreis Salzwedel, Sachsen-Anhalt) tauch-archäologische Untersuchungen. Aufsehen erregten etwa der Fund jungsteinzeitlicher Fischzäune, eines hochmittelalterlichen Prahms (flachbodiges Lastschiff) sowie eines spätmittelalterlichen Einbaums.

Im Sommer 2026 gelang es Forschern des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie (LDA) Sachsen-Anhalt in Halle dem See ein weiteres Geheimnis zu entlocken. Die neuen Funde führen in die Zeit von vor etwa 10.500 Jahren zurück, in der die Menschen noch nicht dauerhaft sesshaft waren und sich vom Jagen, Sammeln und dem Fischfang ernährten.

Zu dieser Zeit, die von Archäologen als Mesolithikum (Mittelsteinzeit) bezeichnet wird, lebte auch die Schamanin von Bad Dürrenberg – und nachweislich bereits Menschen am Ufer des Arendsees.

Mesolithische Funde unter Sedimentschicht konserviert

Durch eine geologische Besonderheit des Arendsees sind die Spuren der damaligen Besiedlung sowie auch die einstige Uferlandschaft außerordentlich gut erhalten. Im Gegensatz zu anderen Binnengewässern, welche im Laufe von Jahrtausenden langsam verlanden, sinkt der Grund des Gewässers durch geologische Prozesse über einen im Untergrund liegenden Salzstock langsam ab. Dadurch liegen die mesolithischen Funde heute unter einer dünnen Sedimentschicht in etwa 20 Meter Tiefe und sind ausgezeichnet konserviert.

„Neben den üblicherweise aus dieser Zeit erhaltenen Funden, wie Steingeräten oder Tierknochen, konnten unsere Taucher spektakuläre Hölzer bergen, welche aus dieser Epoche nur sehr selten erhalten geblieben sind“, erklärt der Landesarchäologe Harald Meller, „Die Funde werfen ein ganz neues Licht auf die Mittelsteinzeit, für die Spuren von Bauten bislang in Mitteldeutschland nur in Form von Erdverfärbungen bekannt sind.“

Nach ersten Erkenntnissen könnte es sich bei einem 1,60 Meter hohen Pfahl mit Fällspuren oder den bis zu 1,30 Meter langen Spaltbrettern um Reste ehemaliger Konstruktionen handeln.

Bei einem etwa 1,60 Meter hohen Pfahl aus dem Arendsee mit Fäll- und Bearbeitungsspuren könnte es sich um das tragende Element eines mittelsteinzeitlichen Bauwerks gehandelt haben.

Bei einem etwa 1,60 Meter hohen Pfahl aus dem Arendsee mit Fäll- und Bearbeitungsspuren könnte es sich um das tragende Element eines mittelsteinzeitlichen Bauwerks gehandelt haben.

Juraj Lipták/Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt

Reste unbekannter Holzkonstruktionen?

Ob es sich um Reste von Hütten, oder andere, bisher vollkommen unbekannte Holzkonstruktionen handelt, sei Gegenstand der laufenden und zukünftigen Forschungen, erläutert Marcel Weiß, Projektleiter von Seiten des LDA Sachsen-Anhalt.

„Sollten bereits vor 10.500 Jahren – also 3000 Jahre vor der Ankunft der ersten Bauern mit ihren Langhäusern in Mitteleuropa – dauerhafte Bauten, oder intensiv gestaltete Lebensräume existiert haben, hätte dies nicht nur weitreichende Folgen für unser Bild von Jägern und Sammlern, sondern auch der Herkunft moderner Kulturlandschaften.“

Die Unterwasserarchäologie am Arendsee biete, so Weiß, eine einmalige Chance, die Wurzeln unserer modernen Welt kennenzulernen. Bislang wird die grundsätzliche Transformation der natürlichen Umwelt zu Kulturlandschaften mit den ersten Bauern verbunden, die um 5500 vor Christus nach Mitteldeutschland einwanderten.

Unterwasserroboter im Einsatz

Im Nachgang zu ihrer Entdeckung im Frühling 2026 wurden weitere Proben und einzelne Funde geborgen, um die Ausdehnung und das Alter der Fundstelle zu bestimmen. In einer zweiten Kampagne wurden mit Hilfe eines Remote Operated Vehicels (ROV) – einem Unterwasserroboter – hochauflösende Sonarscans angefertigt, um das Relief des einstigen Ufers zu dokumentieren.

Durch die genaue Lagebestimmung der einzelnen Fundsituationen können die Verdachtsflächen eingegrenzt und zukünftige unterwasserarchäologische Untersuchungen geplant werden. „Die Unterstützung der Arbeiten unter Wasser mit modernsten Technologien ist für die Archäologie von unschätzbarem Wert.“, sagt Sven Thomas, Taucheinsatzleiter des LDA Sachsen-Anhalt am Arendsee.