Moral und Wirtschaft: „Die Menschheit ist moralisch lernfähig“

Friedhelm Hengsbach: Sozialethiker, Ökonom, Jesuit.
Picture AllianceStuttgart - Dürfen wir alles, was wir können? Gibt es ethische Grenzen des Machbaren? Ohne jeden Zweifel, werden die meisten sagen. Wohin grenzenloser Fortschritt und unbegrenztes Wachstum führen, ist für jeden, der nicht seine Augen vor der Realität verschließt, unverkennbar – in den Abgrund. Ein Gespräch mit dem katholischen Sozialethiker, Ökonomen und Jesuiten Friedhelm Hengsbach.
„Es gibt nicht das freie Spiel der Kräfte“
Herr Professor Hengsbach, braucht die Wirtschaft moralische Prinzipien oder arbeitet es sich ohne ethische Maßstäbe nicht effektiver und gewinnmaximierter?
Der Meinungsstreit hat eine lange Geschichte. Die einen sagen, dass die Wirtschaft wie ein System funktioniert, in dem die Moral möglichst ausgeschaltet sein sollte. Moralische Interaktionen würden das Wirtschaftsleben nur unnötig stören. Die Welt der ökonomischen Tatsachen sei das eine, das Universum der Werte das andere. Beide haben nach dieser Theorie nichts oder nur wenig miteinander zu tun.
Die Wirtschaft als Realität „sui generis“ – als eine eigene, abgeschlossene, wertfreie Zone. Kann das funktionieren?
Der Markt wird in dieser Theorie als ein evolutionäres System verstanden, das sich wie die Natur entwickelt und in dem die Interessen der Beteiligten ausgeglichen werden
Evolution bedeutet in der Biologie: „Survival of the Fittest“ – Überleben werden nur die am besten angepassten Individuen. In diesem Sinne hat der britische Sozialphilosoph Herbert Spencer in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Darwinsche Evolutionstheorie für das Gesellschaftsleben umgedeutet.
Eine andere Theorie sagt das genaue Gegenteil: Es gibt nicht das freie Spiel der Kräfte. Wenn jeder nur seinen eigenen Nutzen sucht, kommt das Gemeinwohl irgendwann unter die Räder.
Gibt es angesichts der Wirtschafts- und Finanzskandale der letzten Jahre eine Rückbesinnung auf die Ethik?
Im zunehmenden Maße werden in den wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten Lehrstühle für Wirtschaftsethik eingerichtet. Auch immer mehr Unternehmen sind stark daran interessiert, dass ethische Leitbilder in ihre Unternehmensphilosophie und praktischen Entscheidungsprozesse eingebunden werden.
Kann es, um einen Slogan des Ökonomen Horst Albach zu verwenden, eine „Betriebswirtschaftslehre ohne Unternehmensethik“ geben? Ist der Glaube an die reinigenden Marktkräfte eine ökonomistische Fiktion? Anders gefragt: Ist eine Wirtschaft ohne ethisch agierende Individuen haltbar und wünschenswert?
Nein. In Deutschland wird für das Konzept der sozialen Marktwirtschaft geworben. Der Wettbewerb soll dafür sorgen, dass sich die Preise frei bilden. Aber der Wettbewerb allein würde sich selbst aufheben, es käme sehr schnell zu einer Vermachtung der Wirtschaft, so dass am Ende ein Monopol übrigbleibt. Damit dieser Wettbewerb überhaupt funktioniert, braucht es eine rechtliche und politische Regulierung.
„Moral ist regelgeleitetes Handeln“
Was ist „sozial“ an der „Marktwirtschaft“?
Soziale Marktwirtschaft bedeutet auf der einen Seite funktionsfähiger, dynamischer Wettbewerb in der entsprechenden Rahmenordnung, auf der anderen Seite sozialer Ausgleich. Wenn es um Menschen geht, die unterschiedlich leistungsfähig sind, muss es solidarische Leistungen jenseits von Angebot und Nachfrage geben. Auf dem Markt können sich nur diejenigen behaupten, die über entsprechende Kaufkraft verfügen
Braucht der Markt soziale Regeln und ethische Werte?
Die Produktionsverhältnisse und die Lebenslagen der Haushalte sind die gesellschaftlichen Voraussetzungen des Marktgeschehens. Diese unterliegen einer ethischen und sozialen Bewertung, welche die unterschiedlichen Positionen auf dem Markt beeinflusst.
Moral ist eine Übereinkunft der Gesellschaft, die der Gemeinschaft und dem Einzelnen Sicherheit geben soll. Der Schuss kann aber auch nach hinten losgehen, je nachdem, wer gerade an der Macht ist. Gibt es eine allgemein verbindliche Moral für die Wirtschaft?
Moral ist regelgeleitetes Handeln. Auch der Markt funktioniert nach bestimmten Regeln. So ist das freie Spiel der Kräfte durch Machtverhältnisse, durch subjektive oder kollektive Wertvorstellungen, etwa einer so genannten Wertegemeinschaft bestimmt. Wobei die Frage der Werte höchst beliebig ist. Wertvoll ist das, was einzelne oder bestimmte gesellschaftliche Milieus als wertvoll ansehen. Allgemein verbindlich Normen sind beispielsweise in Grund- und Menschenrechten verkörpert.
„Normative Überzeugungen fallen nicht vom Himmel“
Aus diesem Grund sind auch unterschiedliche ethische Konzepte für die Ökonomie entworfen worden.
Mit dem Entwurf einer Tugendethik ist der Versuch verbunden, Skandale und Missstände etwa in der Wirtschaft oder in den Unternehmen individuellen Akteuren anzulasten. Häufig wird eine hohe Arbeitslosigkeit auf die „faulen Säcke“ zurückgeführt, die arbeitslos sind. Oder die Ursache der Finanzkrise wird auf die Gier der Banker und Devisenhändler geschoben.
Macht man es sich da nicht ein bisschen zu einfach? Es gibt nun nur eine Ursache oder einen Verantwortlichen für Fehlentwicklungen.
In der Tugendethik sucht man nach dem Fehlverhalten des Einzelnen, der haftbar gemacht werden kann. Ganz anders ist die Architektur einer Verantwortungsethik. Von Unternehmern wird sie gerne vertreten. Sie sagen: Wir sind dafür verantwortlich, dass sich das Unternehmen auf dem Markt behauptet und einen Gewinn erzielt, sonst ist das Unternehmen pleite. Wir haben Verantwortung für unsere Mitarbeiter, Kunden und Aktionäre sowie die Gesellschaft.
„Moral ist das Ergebnis eines Suchverfahrens“
Viele Menschen handeln unmoralisch, weil die Gefahr erwischt zu werden, gering ist. Warum ist das so?
Ein System wie die so genannte soziale Marktwirtschaft lässt sich durch individuelle Tugend und persönliche Verantwortung allein nicht steuern. Da geht es um klare Regeln, etwa die der Gerechtigkeit gesellschaftlicher Verhältnisse. Sie wird erreicht durch eine Balance der Sozialpartner. So sollen starke Gewerkschaften verhindern, dass Unternehmen ausschließlich die Maximierung des Gewinns anstreben. Die Betriebsverfassung schützt Arbeitnehmerrechte gegenüber den Ansprüchen der Betriebsleitung.
Woher kommen diese Regeln? Wer gestaltet sie?
Normative Überzeugungen und allgemein verbindliche Regeln fallen nicht vom Himmel. Moderne, weltanschaulich neutrale und plurale Gesellschaften müssen durch einen kollektiven Prozess der Entscheidungsfindung festlegen, was für sie als moralisch richtig und verbindlich zu gelten hat.
Moral braucht also Regeln, Instrumente und Akteure, die dafür sorgen, dass sie auch eingehalten und umgesetzt wird.
Moral ist das Ergebnis eines Suchverfahrens, das auf wechselseitiger Verständigung beruht. Das Ergebnis eines solchen Verständigungsprozesses in modernen Gesellschaften sind allgemein verbindliche Regeln – das Grundgesetz, freiheitliche, soziale und demokratische Verfassungen, die Menschenrechte, die Gleichberechtigung von Mann und Frau, der Respekt vor der natürlichen Umwelt.
Heißt das: Moral in der Wirtschaft ist kein Ist-Zustand, sondern ein Prozess des Werdens?
Immer.
Welche Rolle spielen in diesem Zusammenhang die christlichen Sozialprinzipien Personalität, Subsidiarität und Solidarität?
Das sind offene Grundsätze, die sich nicht melken lassen. Sie sind interpretationsbedürftig, sonst entarten sie zu Leerformeln. Dieses Schicksal trifft die soziale Marktwirtschaft ebenso wie das berühmte Subsidiaritätsprinzip. Die Briten berufen sich im Rahmen des Brexit darauf. Sie würden von der EU-Kommission dermaßen gegängelt, dass sie innerhalb der EU ihre Eigenständigkeit zu verlieren drohen.
Und das ist der Sinn des Subsidiaritätsprinzips? Gegängelt werden bis man die Brocken hinschmeißt?
Natürlich nicht. Subsidiarität ist ein Doppelgebot: Die größere Gemeinschaft ist gegenüber kleineren Gemeinschaften dazu verpflichtet, Hilfe zu leisten. Aber so, dass die kleineren Gemeinschaften dadurch nicht ihrer Souveränität beraubt werden.
In der Realität funktioniert das oft eher schlecht bis mäßig.
Weil die Verständigung darüber schwierig ist, was mit solchen Prinzipien - oder Kampfformeln - jeweils gemeint ist. Was heißt beispielsweise „Solidarität“? Die Stärkeren, sollen für die Schwächeren eintreten Aber was machen die leistungsfähigen Staaten derzeit in Europa? Sie prügeln auf die Schwächeren wie Griechenland, Portugal und Spanien ein. Eine solche Gängelung ist das genaue Gegenteil von Solidarität. Die soziale Schieflage in der Eurozone wird den Schwächeren zugewiesen. Das ist wie wenn man den Arbeitslosen die Schuld für die Arbeitslosigkeit in die Schuhe schiebt oder die Finanzkrise den Managern.
„Es gibt eine Grenzmoral, die der einzelne Unternehmer nicht überschreiten kann“
Als Einzelner kann man sagen: Wenn schon die Gesellschaft so unmoralisch handelt, muss ich mich als Einzelner auch nicht an Gesetze und Regeln halten.
Wer an die persönliche Verantwortung appelliert, setzt voraus, dass hinreichend Handlungsspielräume bestehen Wer als Unternehmer mit anderen im Wettbewerb steht, kann nicht die Löhne seiner Mitarbeiter erhöhen oder teure Umwelttechnik einsetzen, ohne seine Konkurrenten im Blick zu behalten. Er wäre sonst sehr schnell pleite und vom Markt verschwunden sein. Es gibt in einer solchen Situation eine Art Grenzmoral, die der einzelne Unternehmer nicht überschreiten kann.
Wer ist für diese Handlungsspielräume verantwortlich?
Sie entstehen durch gesellschaftliche Verständigung, politische Prozesse, gesetzliche Regelungen und zivilgesellschaftliche Initiativen. So hat die ökologische Bewegung die Energiewende inspiriert. Produzenten, Arbeitnehmer und Konsumenten passen sich an solche Veränderungen an.
Das bedeutet: Der Staat muss Regeln festsetzen, damit der einzelne Unternehmer nicht von anderen platt gemacht wird oder der Arbeitnehmer nicht unter die Räder kommt, wenn sie sich verantwortlich und moralkonform verhalten.
Darin liegt die Stärke einer Regel- und Normenethik. Normen unterscheiden sich klar von Werten, Tugenden und persönlicher Verantwortung.
Sind Sie ein Vertreter einer solchen Normenethik?
Auf jeden Fall.
Was sind für Sie Normen?
Normen sind gesellschaftliche Vereinbarungen, die als allgemein verbindlich gelten sollen. Etwa die Norm moralischer Gleichheit: Mitglieder einer egalitären Gesellschaft sprechen sich gegenseitig das gleiche Recht zu, als Gleiche anerkannt und behandelt zu werden. Eine solche Norm, Kant würde von dem Imperativ sprechen, dass der andere Mensch niemals nur als bloßes Instrument, sondern immer auch als Zweck in sich selbst anerkannt werden solle. Die Menschenrechte sind die Verkörperung einer solchen Grundnorm der Gerechtigkeit. Werte sind zu subjektiv, Tugenden zu individuell, Verantwortung gibt es nur im Rahmen der jeweiligen Handlungsmöglichkeiten.
„Die Menschheit ist moralisch lernfähig“
Waren die Unternehmer früher unmoralischer als heute?
Als Reaktion auf den liberalen Manchester-Kapitalismus des 19. Jahrhunderts ist eine Arbeiterbewegung entstanden, die durchgesetzt hat, dass die Beschäftigten einen angemessenen Anteil an der gemeinsam erwirtschafteten Wertschöpfung haben. Dann ist der Sozialstaat etabliert worden. Er gewährleistet, dass von dem kollektiv Erwirtschafteten ein Teil zu Gunsten der weniger Begünstigten und Schwächeren, der Kranken, Leistungsschwachen und Bedürftigen abgezweigt wird. Schließlich hat die ökologische Bewegung eine Grenzlinie gezogen, um zu verhindern, dass die natürliche Umwelt rücksichtslos ausgebeutet wird. Die Frage der Geschlechtergerechtigkeit ist ein weiterer Punkt, der zeigt, dass sich kapitalistische Marktwirtschaften durch die normative Regeln bändigen lassen.
Wenn es vorwärts geht, kann es auch zurückgehen. Sehen Sie Anzeichen für eine Rückkehr zum knallharten Kapitalismus?
Dass die soziale Marktwirtschaft zurückgefallen ist in einen angloamerikanischen Finanzkapitalismus, ist eine geschichtliche Entwicklung, die aktuell stärker ins Bewusstsein rückt. Folglich wird sie wohl auch wieder zurückgedrängt werden. In der SPD beispielsweise erkennt man langsam, dass mit der Agenda 2010 erhebliche Fehler gemacht wurden, dass die Regierungen zu Beginn des Jahrhunderts einem Liberalisierungstrend gefolgt sind, der soziale, wirtschaftliche und auch politische Schäden hinterlassen hat.
Wie sehen Sie die künftige Entwicklung. Wird es mehr oder weniger Moral in der Wirtschaft geben?
Ich glaube, dass die Menschheit und die jeweiligen Gesellschaften auch moralisch lernfähig sind.
Friedhelm Hengsbach
1937 geboren in Dortmund
1948-1957 Besuch des humanistischen Gymnasiums
1957 Abitur und Eintritt in den Jesuitenorden
1959-1962 Studium der Philosophie in München
1964-1968 Studium der Theologie in Frankfurt am Main
1968-1972 Studium der Wirtschaftswissenschaften in Bochum
1976 Promotion
1977-1982 Lehrbeauftragter für Christliche Sozialwissenschaft an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt am Main
1985 Professor für Christliche Sozialwissenschaft/Wirtschafts- und Gesellschaftslehre
1992 Leiter des Oswald von Nell-Breuning-Instituts für Wirtschafts- und Gesellschaftsethik
2005 Emeritierung
