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: Kommt die digitale Trinkgeldabfrage auch im Einzelhandel?

Auch in den ersten Geschäften werden Kunden bei der Kartenzahlung inzwischen nach Trinkgeld gefragt. Ein neuer Trend? Verbraucher halten davon wenig.
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Von Christian Rothenberg, dpa
Berlin
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Hilfreich oder digitale Wegelagerei? Trinkgeldoptionen auf dem Display eines Kartenlesegeräts.

Gregor Tholl/dpa/dpa-tmn
  • Digitale Trinkgeldabfragen tauchen im Einzelhandel auf – vor allem bei Kartenzahlung.
  • Einzelne Schuhketten testen Vorschläge von 3, 5 und 7 Prozent. Das Geld wird teils verteilt.
  • Branchenvertreter sehen Einzelfälle. Ein breiter Trend ist laut Handelsverband offen.
  • YouGov: 27 Prozent wären im Handel zu Trinkgeld bereit, zwei Drittel lehnen es ab.
  • Verdi warnt vor Abladen auf Kunden, Verbraucherschützer vor Druck und unklarer Darstellung.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

„Möchten Sie ein Trinkgeld geben?“ Diese Frage erscheint im Display des Kartenlesegeräts. Darunter die Vorschläge: 3, 5 und 7 Prozent, oder mehr. In Restaurants und Cafés ist digitales Trinkgeld weit verbreitet. Und bald auch im Einzelhandel?

Rolf Pangels, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands für Textil, Schuhe und Lederwaren, hält es für möglich, dass sich der Trend auch im Modehandel ausweitet. „Wer freundlich ist und gut berät, sollte belohnt werden“, findet er.

Angestellte holten passende Größen aus dem Lager, zeigten alternative Modelle und gäben Pflegehinweise. Die Trinkgeldabfrage könne sich angesichts moderner Zahlungsterminals und der wachsenden Bedeutung persönlicher Beratung etablieren. Zudem könne sie als Instrument zur Mitarbeiterbindung dienen. 

Erste Schuhhändler haben Abfrage eingeführt

In Geschäften der Schuhhandelsketten Aktiv Schuh und Shoe City werden Kunden bei der Kartenzahlung seit kurzem Trinkgeldvorschläge angezeigt. „Wir haben uns darüber Gedanken gemacht, welche Möglichkeiten es gibt, die Rahmenbedingungen in unserer Branche zu optimieren“, sagte der Geschäftsführer der AS-Gruppe, Marc Leinweber, im April RTL. Das Trinkgeld werde unter allen Beschäftigten verteilt. Eine Anfrage der dpa beantwortete das Unternehmen nicht.

Pangels zufolge gibt es bislang nur einzelne Fälle. „Wir wissen, dass einige Unternehmen, auch aus dem Bekleidungsbereich, derzeit mit dem Thema experimentieren, um ein grundsätzliches Feedback der Kunden zu erhalten und die Verkäuferinnen und Verkäufer zu sensibilisieren.“ Namen nannte er nicht. 

Einige Modehändler setzten auf eine andere Form der Belohnung für Beratung: Provisionen. Wird ein Artikel verkauft, erhalten Verkäufer einen festen Anteil am Kaufpreis. Einzelne Händler, nicht nur im Bereich Bekleidung, verlangen eine Beratungsgebühr. So soll verhindert werden, dass Kunden Beratung im Geschäft nutzen und anschließend anderswo kaufen. 

Für zwei Drittel kommt Trinkgeld nicht infrage

Was Kunden von digitalen Trinkgeldabfragen im Einzelhandel halten, zeigt eine repräsentative YouGov-Umfrage: Nur 27 Prozent wären bereit, etwa für gute Beratung in Mode-, Schuh- oder anderen Geschäften ein Trinkgeld zu geben. 19 Prozent bis zu 5 Prozent des Einkaufswertes, 5 Prozent 6 bis 8 Prozent, 2 Prozent 9 bis 12 Prozent, ein Prozent mehr. Zwei Drittel der Befragten können sich dies nicht vorstellen. Jüngere stehen digitalem Trinkgeld aufgeschlossener gegenüber. YouGov befragte dazu im Juli mehr als 2.000 Menschen.

Kritik von Verdi

Verdi-Bundesvorstandsmitglied Silke Zimmer kritisiert die neue Trinkgeldpraxis. „Tariflöhne sind das Mittel der Wahl, um verlässliche, armutsfeste Entgelte abzusichern. Dass Trinkgelder wie Almosen auf die Kundschaft abgewälzt werden, während riesige, zentralistisch geführte Handelskonzerne Billiglöhne zahlen, ist nicht hinnehmbar.“ Dass Arbeitgeber sich auf Trinkgeldzahlungen beriefen und sich ihrer sozialen Verantwortung entzögen, sei nicht akzeptabel.

Stefanie Kahnert von der Verbraucherzentrale Brandenburg warnt vor sozialem Druck. „Eine Trinkgeldabfrage im Schuhgeschäft dürfte für viele besonders überraschend sein.“ Kunden könnten sich bedrängt fühlen. Rechtlich angreifbar seien die Abfragen, wenn die Darstellung am Kartenzahlungsgerät unklar sei, die Ablehnung erschwert werde oder der Eindruck entstehe, Trinkgeld sei verpflichtend. 

Handelsverband sieht noch keinen Trend

In anderen Einzelhandelsbranchen ist digitales Trinkgeld derzeit kaum ein Thema. Das zeigt eine dpa-Umfrage bei mehreren Unternehmen wie Galeria, Bauhaus, Deichmann und H&M. „Soweit uns bekannt ist, planen große Handelsketten derzeit keine flächendeckende Einführung von Trinkgeldabfragen“, sagt Ulrich Binnebößel, Experte für Zahlungsverkehr beim Handelsverband Deutschland. Er sieht bislang allenfalls Einzelfälle. Noch lasse sich nicht abschätzen, ob sich daraus ein Trend entwickeln werde.

Bei großen Handelsketten - etwa Supermärkten oder Discountern - seien die Prozesse auf Geschwindigkeit optimiert. Eine Trinkgeldabfrage sei dort nicht förderlich, so Binnebößel. Eher akzeptiert würde digitales Trinkgeld dort, wo ein individueller Service mit dem Kauf verbunden sei.

Im Mittelpunkt stehe der Wunsch, Beratungs- und Serviceleistungen stärker zu honorieren, sagt Handelsexperte Kai Hudetz vom Handelsforschungsinstitut IFH Köln. Einen breiten Trend sieht auch er im Einzelhandel nicht. „Konsumenten sind hier nicht an Trinkgeldzahlungen gewöhnt und erwarten sie in der Regel auch nicht. Entsprechend dürfte die Akzeptanz begrenzt bleiben.“

Nach Angaben der Zahlungsdienstleister Payone und Sumup ist die Trinkgeldfunktion bei der Kartenzahlung vor allem in der Gastronomie, der Hotellerie, bei Taxifahrten, Friseuren, Nagelstudios, Lieferdiensten und Bäckereien üblich. In Einzelhandelsgeschäften komme sie seltener zum Einsatz. Unternehmen können an ihren Terminals einstellen, ob Kunden nach Trinkgeld gefragt werden. 

Digitales Trinkgeld in Gastronomie umstritten

Bei Lebensmittellieferservices sind Trinkgelder längst üblich. Bei Picnic ist seit kurzem eine entsprechende Funktion in die App integriert, bei Rewe ist das nicht der Fall, Trinkgeld ist aber trotzdem möglich. Auch bei Lieferdiensten wie Lieferando können Kunden dem Fahrer Trinkgeld geben - bar oder digital.

In der Gastronomie haben sich Trinkgeldabfragen inzwischen etabliert, besonders beliebt sind sie aber nicht. Laut einer im Dezember durchgeführten YouGov-Umfrage geben 21 Prozent deswegen weniger Trinkgeld. 6 Prozent mehr, 37 Prozent etwa gleich viel. Die übrigen machten keine Angabe.