Ulreich im Interview
: "Papa würde jetzt noch mehr erwarten"

Der VfB-Torhüter Ulreich steht an der Spitze unserer Noten-Rangliste und spricht im Interview.
Von
Marco Seliger
Stuttgart
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Sven Ulreich - die Nummer eins in unserer Notenrangliste.

dpa

Stuttgart - Zuerst stand Sven Ulreich im Tor, dann kam nach dem 23. Spieltag die Degradierung zur Nummer zwei. Eine Woche später kehrte er nach der Gehirnerschütterung von Konkurrent Marc Ziegler in den Kasten zurück - und zeigte bärenstarke Leistungen. Ein Gespräch über die turbulente Saison.

Herr Ulreich, Sie sind nach den Noten unserer Zeitung der beste VfB-Spieler der Saison. Lauter Fachleute bei uns, oder?

(Lacht) Ja, offensichtlich - vielen Dank für den Titel.

Über Ihre überragenden Leistungen nach Ihrer Degradierung zur Nummer zwei im Februar und der Rückkehr ins Tor wurde ja viel gesprochen. Was war der Grund dafür?

Zunächst einmal war ich mächtig wütend und habe die Entscheidung des Trainers (Bruno Labbadia, d. Red.) nicht verstanden. Ich habe schon vor der Degradierung nicht schlecht gehalten. Im Kreise meiner Familie habe ich auf dann auch mal den Tisch gehauen. Da sind sicher auch ein paar deftige Worte gefallen. Dann gab es zwei Möglichkeiten - entweder den Kopf in den Sand stecken oder einfach weitermachen und alles andere ausblenden, sich keinen Kopf darüber machen.

Sie haben Variante zwei gewählt. Wie war es dann möglich, das Leistungsniveau bis zum Saisonende konstant zu halten?

Nachdem ich die ersten Spiele nach der Rückkehr stark gehalten habe, ist der Respekt meiner Mitspieler spürbar gewachsen.

War der vorher etwa nicht da?

Doch - aber die letzten paar Prozent Vertrauen haben vielleicht gefehlt. Das ist auch normal. Schließlich bin ich noch ein junger Kerl, und ich habe nach Jens Lehmann ein schweres Erbe angetreten. Unser Ex-Trainer Christian Gross ist auch nicht wirklich auf mich gestanden, er hat ja öfters mal betont, dass er lieber einen erfahrenen Keeper hätte. So etwas schüchtert etwas ein.

Wie wurde das dann besser?

Die Jungs haben gemerkt, wie gestärkt ich nach der Degradierung aus der Situation hervorgekommen bin. Das hat ihnen Respekt abgenötigt.

Und daran sind Sie weiter gewachsen?

Ja. Wenn man das bedingungslose Vertrauen der Mitspieler spürt, kommt das automatisch. Man hat eine ganz andere Ausstrahlung, eine andere Körpersprache, man traut sich mehr zu dirigieren. Das Selbstvertrauen steigt. Ich habe in der Folgezeit nicht nur gut gehalten, sondern hatte auch das Gefühl, dass die Mitspieler noch mehr auf mich hören.

Sie selbst hören auf Jens Lehmann, mit dem Sie in regelmäßigem Austausch stehen. Hat er sich in der schwierigen Phase gemeldet?

Ja - er hat mir direkt nach der Degradierung eine SMS geschrieben. Darin stand, dass er selbst auch schon oft aus dem Tor genommen wurde und dass das zu einer Entwicklung eines jungen Torhüters dazugehört. Er meinte, ich solle Geduld haben. 

Es hat sich ausgezahlt. Wie oft tauschen Sie sich aus? 

Jens schreibt mir SMS, und ich rufe ihn meistens an. Die Gespräche mit ihm bringen mich immer weiter. Er nimmt sich immer Zeit für mich.

Weitere Hilfestellungen bekommen Sie von Ihrer Familie und Ihrer Freundin. Wie kann man sich das vorstellen?

Meine Freundin hat mir klargemacht, dass es auch noch andere Dinge gibt im Leben als Fußball. Sie baut mich in schwierigen Phasen immer auf und hilft mir, abzuschalten.

Gelingt ihr das immer?

Nein. Sie sagt mir oft, dass ich doch mal runterkommen soll, aber ich will eben immer noch mehr.

Woher kommt dieser Antrieb?

Er kommt vom letzten Gespräch mit meinem Vater.

Er ist an Krebs gestorben, als Sie zwölf Jahre alt waren.

Am Sterbebett hat er mir gesagt, dass ich alles dafür tun solle, einmal beim VfB im Bundesligator zu stehen und dass ich meinen Weg weiterverfolgen und meine Träume verwirklichen soll. Das ist fest in meinem Kopf verankert. Es ist mein Antrieb.

Ihr Vater war Ihr Jugendtrainer, er hat Sie zum Fußball gebracht. Wie oft denken Sie an ihn?

Jedes Mal kurz vor dem Spiel küsse ich auf dem Platz meine rechte Faust und recke sie in Richtung Himmel. Das ist mein Gruß an ihn. In der Jugend wurde ich von einigen Mitspielern dafür belächelt, aber das war mir damals schon egal. Ich habe es bis heute beibehalten. Ich schließe ihn jeden Tag in mein Gebet mit ein.

Wie oft gehen Sie an sein Grab?

Normalerweise zweimal im Jahr. An seinem Geburtstag und an seinem Todestag.

Hilft die Erfahrung des Schicksalsschlags, Rückschläge leichter zu verarbeiten?

Manchmal. Eine Niederlage wirft mich nicht so leicht aus der Bahn. Aber in erster Linie ist man Sportler. Und da ist man nach Rückschlägen so enttäuscht wie andere.

Die Degradierung haben Sie weggesteckt. Ihr Vater wäre jetzt sicher stolz auf Sie.

Ja - aber Papa würde jetzt sicher schon wieder mehr von mir erwarten. Er hat mich in der Jugend immer weiter gefordert. Das würde er jetzt sicher auch wieder tun.

Ihren Ehrgeiz haben Sie also vom Papa?

Ja. Da bin ich ganz wie er.

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