Supercross: "Schrecklich, jemanden sterben zu sehen, den man kannt"

Eine leichtere Aufgabe: Olaf Noack prüft den Boden in der Schleyerhalle
BaumannStuttgart - „Rot! Rot! Abbruch!“, ruft Olaf Noack ins Mikrofon des Headsets – sofort schwenken Streckenposten die roten Flaggen. Christophe Martin ist am Samstag auf dem Waschbrett gestürzt, zwei Streckenposten kümmern sich um ihn, lassen den Franzosen dann aber allein am Fahrbahnrand sitzen. „Ich musste abbrechen“, erklärt Noack, „ich weiß ja nicht, ob der Fahrer noch benebelt ist und wieder auf die Strecke torkelt. Wären die Posten bei ihm geblieben, wäre das Rennen weitergelaufen.“
Der 51 Jahre alte Cottbuser muss in Sekunden solche Entscheidungen treffen, er ist Rennkommissar des Deutschen Motorsport-Bundes (DMSB) und Chefschiedsrichter in Stuttgart; er ist für die Sicherheit im Innenraum verantwortlich. Er überprüft den Streckenbau, begutachtet die Konsistenz der Erde, entschärft heikle Fahrlinien, achtet auf den richtigen Fahrrhythmus zwischen den Sprüngen, und er beobachtet die wilden Jagden oben von der Tribüne aus, um den Überblick über das Geschehen zu erhalten. Kurz: Der Mann trägt Sorge und Verantwortung dafür, dass Supercross spektakulär ist, aber nicht unkalkulierbar.
„Motorsport ist nicht gefährlich“, betont der Brandenburger, „aber selbst wenn man ganz gewissenhaft alles prüft und Gefahren so weit minimiert wie möglich – es bleibt ein Restrisiko.“ Das verdammte Restrisiko. Am 10. Januar kostete es Kasper Lynggard das Leben. Der Däne war beim Training des Dortmunder Supercross auf dem Waschbrett über den Lenker geflogen und wurde dann vom eigenen Motorrad am Boden getroffen. Obwohl die Ärzte sofort zur Stelle waren, konnten sie das Leben des 24-Jährigen nicht retten. Der Chefschiedsrichter in Dortmund hieß Olaf Noack.
„Es ist schrecklich, jemanden sterben zu sehen, den man kennt“, erzählt er, „und dessen Eltern zu begegnen. Irgendwann beginnt man, sich das eigene Hirn zu zermartern, ob man selbst alles getan hat, um dies zu verhindern. Dann bekam ich Angst vor der Nacht.“ Wie befürchtet fand Noack keine Ruhe im Hotelzimmer, gegen halb drei rief er einen befreundeten Renndirektor an und sprach mit ihm bis um halb fünf. Am nächsten Tag wurde die Veranstaltung fortgesetzt, Rennkommissar Noack war zur Stelle und tat seine Arbeit. Mit nicht nur einem Klos im Hals.
Es war nicht das einzige Mal, dass der 51-Jährige in eine Ausnahmesituation geriet. Er war im Amt in Stuttgart, als Steffen Leopold 2010 schwer stürzte und zwei Tage im Koma lag. 2011 startete der Mühlheimer wieder auf dem Wasen. Als vor drei Monaten beim Motocross in Gaildorf ein Fahrer in einen Zaun knallte und dabei ein zehnjähriges Kind schwer sowie drei weitere Zuschauer leicht verletzte, war ebenfalls Noack verantwortlicher Rennkommissar. Nachdem sämtliche Rettungsmaßnahmen abgeschlossen waren, musste er der Polizei Rede und Antwort stehen. „Ich musste die Sicherheitsvorschriften erklären und nachweisen, dass wir sie eingehalten haben“, sagt er. Später musste er gegenüber der Staatsanwaltschaft aussagen, die ermittelte, ob jemanden ein Verschulden für den Unfall trifft.
Hätte der Staatsanwalt ihm grobe Fahrlässigkeit nachgewiesen, hätte Olaf Noack gehaftet – es wurde ihm aber mitgeteilt, alle hätten richtig gehandelt. Auch das Kind wurde wieder gesund. „Ich kann bei einer massiven Pflichtverletzung belangt werden, das geht bis zu Gefängnis“, bemerkt der Cottbuser, der diese Aufgabe national wie international im Ehrenamt ausübt. Sein Geld verdient er bei den Stadtwerken, wo er für Pflege und Ausbau des Schienennetzes zuständig ist. Die Aufgabe an den Rennkursen ist ihm wichtige Abwechslung; an bis zu 35 Wochenenden ist er jährlich im Einsatz. „Wäre ich bei nur einem Vorfall überzeugt gewesen, ich hätte mir bloß eine Kleinigkeit vorzuwerfen“, sagt er, „hätte ich den Job sofort aufgegeben.“ Aber gegen das Restrisiko ist er leider machtlos.