Fußball-WM
: Rückblick: Cordoba 1978 ist in Österreich unvergessen

Für die einen war es ein „Wunder“, für die anderen eine „Schmach“. Die deutsche Niederlage gegen Österreich bei der Fußball-WM in Argentinien bewegt bis heute - vor allem in der Alpenrepublik.
Von
red/dpa
Stuttgart
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  • Österreichs Stürmer Hans Krankl (links) in Aktion gegen die deutschen Gegenspieler Rolf Rüssmann (2.v.r.) und Berti Vogts (3.v.r, Hintergrund) sowie Deutschlands Torhüter Sepp Maier (r).

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  • Verdienter Triumph: Deutschland ist zum vierten Mal nach 1954, 1974 und 1990 Fußball-Weltmeister. Im WM-Finale von Rio de Janeiro wird Argentinien durch ein Tor von Mario Götze mit 1:0 nach Verlängerung bezwungen. Endlich darf sich Joachim Löw die Fußball-Krone aufsetzen. Kapitän Philipp Lahm tritt nach der WM 2014 zurück – mehr geht einfach nicht.

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  • Die deutsche Torparade wird zu Brasiliens bitterster Stunde: Mit einem denkwürdigen 7:1 über Brasilien zieht die deutsche Nationalmannschaft zum achten Mal in ein WM-Finale ein. „7 zu 1“ geht in die brasilianische Alltagssprache ein – als Bezeichnung für einen gewaltigen Griff ins Klo.

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  • Sie schießen die wenigsten Tore und spielen sich doch an die Spitze: Bei der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika sind die Spanier nicht zu schlagen. Mit ihrem „Tiki Taka“-Kurzpassspiel lässt die „goldene Generation“ um Xavi, Iniesta und Busquets ihren Gegnern keine Chance. Das müssen auch die Deutschen im Halbfinale bitter erfahren.

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  • Deutschland bedankt sich für sein Sommermärchen: In Stuttgart spielen sich 2006 unglaubliche Szenen ab. Nach dem letzten deutschen Spiel um Platz drei gegen Portugal pilgern mitten in der Nacht 50.000 Menschen zum Hotel „Graf Zeppelin“, um ihren Fußballhelden zu huldigen.

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  • Die 109. Spielminute, alles ist offen im WM-Endspiel 2006 zwischen Italien und Frankreich. Doch dann sieht Kapitän Zinedine Zidane in seinem letzten Spiel für die „Equipe Tricolore“ rot, haut mit einem Kopfstoß den Italiener Marco Materazzi um. Zidane muss vom Platz, Frankreich verliert im Elfmeterschießen. Die entsetzte Fußball-Öffentlichkeit ist ratlos: Was hat Zidane getrieben? Heute wissen wir, was den Ausraster provoziert hat. Materazzi gab zu, Zidanes Schwester als Nutte bezeichnet zu haben.

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  • Der Held, der hält: Viertelfinale 2006, Deutschland gegen Argentinien. Nach der Verlängerung steht es 1:1, die Entscheidung muss im Elfmeterschießen fallen. Vor jedem Schuss der Argentinier holt der deutsche Torwart Jens Lehmann einen Zettel aus dem Stutzen, den er eingehend studiert. Und Lehmann zeigt glänzende Paraden: Er hält - erst gegen Ayala, dann gegen Cambiasso. Später wird er das Geheimnis des Zettels lüften: Torwarttrainer Andreas Köpke hatte seinem Keeper aufgeschrieben, wie Argentiniens Schützen den Ball normalerweise platzieren.

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  • Für ihn ist praktisch kein Ball unhaltbar: Mit einer überragenden Leistung sichert Kapitän Oliver Kahn der Nationalmannschaft bei der WM 2002 in Japan und Südkorea den Einzug ins Finale. Ausgerechnet da vergreift sich der Titan bei einem Schuss von Rivaldo und wird zum tragischen Helden. Weltmeister wird Brasilien. Dass er zum besten Spieler des Turniers gewählt wird, kann Kahn dann auch nicht mehr trösten.

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  • Fußball-WM 1998 in Frankreich: Die „Grande Nation“ krönt sich selbst - Spielmacher Zinedine Zidane köpft die Franzosen bei der WM im eigenen Land zum ersten Weltmeistertitel. „Les Bleus“ sind multikulti und einen - wenigestens für ein paar Wochen - ein Land auf der Suche nach sich selbst.

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  • 1994, WM-Vorrundenspiel gegen Südkorea: Bundestrainer Berti Vogts wechselt Stefan Effenberg aus, die deutschen Fans in Dallas verabschieden ihn mit einem Pfeifkonzert. Da wird es „Effe“ zu bunt: Er zeigt den Stinkefinger in Richtung Tribüne. Vogts ist sauer, der DFB empört - und Effenberg sitzt am nächsten Tag im Flieger nach Hause. 1998 wird der Mittelfeldspieler begnadigt, kann aber in Frankreich auch nicht verhindern, dass die Nationalmannschaft im Viertelfinale ausscheidet.

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  • Ihren Höhepunkt hat die deutsch-holländische Rivalität im Achtelfinale 1990: Beim Stand von 0:0 spuckt Frank Rijkaard Rudi Völler in die Locken. Damit nicht genug, deutet der Schiedsrichter die Situation falsch und schickt beide Spieler vom Platz. Längst hat sich Rijkaard bei Tante Käthe entschuldigt, das „Drama Lama“ aber wird jedes Mal bemüht, wenn die „Elftal“ gegen „La Mannschaft“ aufläuft.

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  • WM-Finale 1990 in Rom: Andy Brehme verwandelt gegen Argentinien den entscheidenden Strafstoß, Deutschland ist nach 1954 und 1974 das dritte Mal Weltmeister. Nach dem Spiel wandelt Bundestrainer Franz Beckenbauer weitab seiner jubelnden Mannschaft mutterseelenallein über das Grün. Seinen Triumph will der „Kaiser“ ganz allein auskosten.

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  • Es ist die „Hand Gottes“, die Argentinien im Viertelfinale 1986 einen Sieg gegen England beschert: So sieht es zumindest Diego Maradona, der den Ball mit der Hand ins gegnerische Tor befördert. Nur wenige Minuten später macht der kleine Argentinier alles wieder gut: Im Alleingang umdribbelt er die gesamte englische Abwehr und macht sein zweites Ding - 2002 wird es zum „WM-Tor des Jahrhunderts“ gekürt. Ob es mit Gottes Wille oder Diegos Hand zu tun hat, dass Argentinien schließlich Weltmeister wird - wer weiß das schon...

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  • Die „stille Übereinkunft von 22 sportlichen Ganoven“ (Willi Schulz) kostet Algerien 1982 das Viertelfinale. Im letzten Gruppenspiel reicht Österreich und Deutschland ein 0:1 zum Weiterkommen. Was folgt, ist die Schande von Gijón. Die Spieler beider Teams schieben bis zum Schlusspfiff unmotiviert die Kugel hin und her - so offensichtlich, dass der Fernsehkommenator Eberhard Stanjek sich weigert, das Spiel zu Ende zu kommentieren. Die Algerier sind stinksauer, die spanische Presse kommentiert: „El Anschluss“.

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  • Die Nacht von Sevilla wird Patrick Battiston so schnell nicht vergessen: Schließlich verliert der Franzose im Halbfinale 1982 drei Zähne und bleibt ohnmächtig auf dem Feld liegen, als der deutsche Torwart Toni Schumacher ihn brutal attackiert. Schumacher legt noch eins drauf, als er nach dem Spiel süffisant hinzufügt: „Ich zahl’ ihm die Jacketkronen.“ Schließlich entschuldigt er sich aber doch. Battiston sagt später: „Bis jetzt wusste ich nicht, dass man auf dem Fußballplatz sterben kann.“

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  • 1978 sind die Weltmeister von 1974 nur noch ein Schatten ihrer selbst. Der Tiefpunkt für die Deutschen geht als Schmach von Córdoba in die Fußball-Annalen ein: Im letzten Gruppenspiel verliert die Elf von Bundestrainer Helmut Schön gegen Österreich. Drei Minuten vor Schluss schießt Hans Krankl das 3:2 - und Deutschland aus der WM. Austria steht Kopf - auf der anderen Seite der Grenze schwärmt man bis heute vom „Wunder von Córdoba“.

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  • Ein Tor vom Klassenfeind: Im letzten Gruppenspiel treffen 1974 die beiden deutschen Staaten aufeinander und Jürgen Sparwasser aus der DDR macht die Sensation perfekt: Der Arbeiter- und Bauernstaat siegt über den kapitalistischen Westen. Das Sparwasser-Tor kommt den Bundesdeutschen aber gerade recht: Als Gruppenzweiter vermeidet die Elf das Kräftemessen mit den Favoriten Argentinien und Brasilien.

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  • Der Regen ist Polens Schicksal: Die Mannschaft spielt den schönsten Fußball der WM ‚74 - und kann davon nichts zeigen, weil der Regen den Platz in Morast verwandelt. Schließlich profitiert von den widrigen Umständen bei der Wasserschlacht von Frankfurt die deutsche Elf und gewinnt 1:0.

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  • Die Rache für Wembley fordert die deutsche Mannschaft im Viertelfinale 1970 gegen England: Erst führen die „Three Lions“ 2:0, doch dann trifft erst Beckenbauer und dann „uns’ Uwe“ Seeler mit einem unglaublichen Treffer: Der kleine Hamburger köpft den Ball mit dem Hinterkopf ins Tor. In der Verlängerung macht Müller alles klar - Deutschlands Rache: 3:2.

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  • Ist es eins oder ist es keins? Über keinen Treffer wird bei der Weltmeisterschaft 1966 in England so viel diskutiert wie über das Wembley-Tor: Geoff Hurst schießt es in der Verlängerung des Finales - die Engländer jubeln, die Deutschen protestieren ungläubig. Aber der Schiedsrichter-Assistent sagt, der Ball war drin - und Deutschland ist besiegt. Weltmeister wird England. Und bis heute weiß keiner: War es eins oder war es keins?

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  • Brutaler geht’s nicht: Das WM-Gruppenspiel zwischen Chile und Italien im Jahr 1962 geht nicht umsonst als Schlacht von Santiago in die Geschichte ein. So aggressiv gehen die Mannschaften aufeinander los, dass Schiedsrichter Ken Aston Platzverweis um Platzverweis erteilen muss. Schließlich muss sogar die Polizei einschreiten. Als Resultat des Kampfspiels werden danach Rote und Gelbe Karten eingeführt.

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  • Ein Stern geht auf: Erst 17 Jahre alt ist der brasilianische Stürmer Pelé bei der WM 1958 in Schweden - und schießt sein Land zum ersten Weltmeistertitel. Praktisch im Alleingang befördert er die Seleção ins Finale gegen den Gastgeber. Zwei der fünf brasilianischen Tore gehen im Endspiel auf Pelés Konto. Der Beginn einer einzigartigen Karriere...

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  • „Wir sind wieder wer“: Sepp Herbergers Elf gibt den Deutschen bei der WM 1954 in der Schweiz ihr Selbstbewusstsein zurück. Nur ein paar Jahre nachdem Nazideutschland ganz Europa in einen fatalen Krieg stürzte, bekommen die Deutschen ihr Wunder von Bern: Im Finale gegen Ungarn, als Deutschland bereits zwei Tore im Rückstand ist, bereitet Helmut Rahn das 1:2 vor, gleicht zum 2:2 aus und schießt schließlich den Siegtreffer zum 3:2.

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Wien - Der Empfang auf dem Wiener Flughafen war stürmisch. „Wir wurden umjubelt wie ein Weltmeister“, erinnert sich Österreichs Ex-Nationalspieler Herbert Prohaska. 4000 bis 5000 Fans feierten mit dem Team das „Wunder von Cordoba“. Der 3:2-Sieg Österreichs gegen den amtierenden Weltmeister Deutschland beim WM-Turnier 1978 in Argentinien hat bis in jüngere Vergangenheit Spuren hinterlassen.

In Erinnerung an die Sensation wurde 2009 ein Platz im 21. Wiener Bezirk „Cordobaplatz“ benannt. Er grenzt an die Edi-Finger-Straße. Die Straße ist dem legendären ORF-Reporter Edi Finger gewidmet, dessen Gefühlsausbruch nach dem Siegtreffer („I wer’ narrisch“) zum Drei-Wort-Satz für die Ewigkeit wurde. Deutschland musste ungeplant den Rückflug in die Heimat buchen.

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Prohaska, 84-facher Nationalspieler und von 1993 bis 1999 auch Teamchef Österreichs, sieht den Erfolg von damals zwiespältig. „Es war natürlich schon etwas Besonderes, Deutschland zu schlagen, aber auch wir waren ausgeschieden“, sagte der 62-Jährige der Deutschen Presse-Agentur. Ihm seien Erfolge viel lieber, bei denen die Mannschaft am Ende etwas in der Hand habe, idealerweise einen Pokal. Aus seiner Sicht warf eine der besten österreichischen Mannschaften, die es je gegeben hat, die Deutschen aus dem Turnier.

Der erste Sieg Österreichs über Deutschland nach 47 Jahren

Zum Team gehörten Spieler wie Bruno Pezzey, Josef Hickersberger und Hans Krankl. Krankl war zwei Minuten vor Schluss in den deutschen Strafraum gestürmt und hatte mit einem Flachschuss Sepp Maier zum 3:2 überwunden. Zuvor hatten ein Eigentor von Berti Vogts und ein Krankl-Schuss in den Torwinkel den Weg zum ersten Sieg Österreichs über Deutschland nach 47 Jahren geebnet.

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Zur Motivation trug laut Prohaska ein Spieler-Vergleich bei, den die „Bild“-Zeitung vor dem Match veröffentlichte. Ihr Ergebnis beim Blick auf die voraussichtliche Aufstellung: „11:0 für Deutschland“. „Das war schon eine Hilfe“, sagte Prohaska schmunzelnd. Heute ist er als Fußball-Experte beim ORF im Einsatz.

Der Auftritt der Deutschen war fast im gesamten Turnier alles andere als überzeugend. Abgesehen von einem 6:0-Kantersieg gegen Mexiko reichte es gegen Polen, Tunesien, Italien und die Niederlande nur zu Unentschieden. Die Mannschaft um Kapitän Berti Vogts mit Spielern wie Rolf Rüssmann, Manfred Kaltz, Heinz Flohe, Rainer Bonhof und Karl-Heinz Rummenigge vermisste Franz Beckenbauer an allen Ecken und Enden. Um den Star war nach seinem Wechsel in die USA zu New York Cosmos ein monatelanges Gezerre entstanden, ob er nun dabei sein solle oder nicht. Nach dem Match räumte Vogts jedenfalls ein: „Wir haben gespielt wie Amateure.“

Krankl-Tor zum Tor des Montags gewählt

Von der Fairness der deutschen Fans zeigt sich Krankl bis heute beeindruckt. In der ARD-Sportschau wurde sein erster Cordoba-Treffer zum „Tor des Monats“ gewählt. „Das hat mich doch sehr überrascht“, meinte er jüngst aus Anlass seines 65. Geburtstags.

Österreichs Gewinner-Team will den 40. Jahrestag des legendären Siegs über den großen Nachbarn am 21. Juni gemeinsam feiern. „Wir wollen uns in Wien treffen. Hans Krankl wird mit seiner Band spielen, und wir werden uns Ausschnitte von damals ansehen“, erzählte Prohaska. Danach solle aber mal Schluss sein mit dem ewigen Cordoba. „Wir bräuchten einfach einen neuen Sieg bei einer WM über Deutschland. Dann gäbe es kein Cordoba mehr.“