EM 2024 in Deutschland
: Warum singen die Spanier die Nationalhymne nicht mit?

Erklingt die spanische Nationalhymne vor internationalen Fußballspielen - wie aktuell bei der EM - singen Spieler und Trainer nicht mit. Die Gründe. 
Von
Lotta Wellnitz
Stuttgart

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Stuttgarter Nachrichten

Jeder kennt das Bild: Fußballnationalmannschaften treten zum Länderspiel an und viele Spieler und Fans auf den Rängen im Stadion singen die Nationalhymne inbrünstig mit. Beobachten kann man das aktuell auch wieder bei der Fußball-Europameisterschaft in Deutschland.

Anders ist das allerdings, wenn die spanische Nationalmannschaft spielt. Warum singen die Spieler und die Verantwortlichen dann nicht?

EM 2024: Warum singen die Spanier bei ihrer Hymne nicht mit?

Die Antwort auf diese Frage ist eigentlich ganz einfach. Denn als eine von wenigen Nationalhymnen Europas hat die „Marcha Real“, wie das Lied offiziell heißt, keinen Namen. Übersetzt heißt „Marcha Real“ königlicher Marsch. Die Fans der Furia Roja, so der Spitzname der spanischen Nationalmannschaft, summen stattdessen zur Melodie ihrer Nationalhymne mit.

Komponist von „Marcha Real“ ist Manuel de Espinosa. Erstmals erwähnt wurde sie laut Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) 1761 als Grenadiermarsch. So gehört sie zu den ältesten Nationalhymnen Europas. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts, wurde der Marsch offiziell die Nationalhymne von Spanien. „Marcha Real“ hat eine Länge von einer Minute und zwei Sekunden.

EM 2024: Warum hat die spanische Hymne keinen Text?

Eine gesichert Antwort darauf gibt es nicht. Es heißt, dass ein Grund die Uneinigkeit der spanischen Regionen sei. Denn noch heute stehen Provinzen wie Katalonien oder das Baskenland der spanischen Krone kritisch gegenüber – was natürlich eine Textfindung erschwert. In der Vergangenheit gab es außerdem immer wieder Streitigkeiten innerhalb des Landes über die Angemessenheit der Nationalhymne.

EM 2024: Gab es schon Versuche, einen Text für die Hymne zu finden?

Immer wieder wurde in der 250-jährigen Geschichte der „Marcha Real“ versucht, passende Zeilen zu finden – bisher ohne Erfolg. Im Januar 2008 wurde dann zum Beispiel ein Text vorgestellt, der das Ergebnis eines Wettbewerbes des spanischen Nationalen Olympischen Komitees war. Dieser sollte aus Einsendungen ausgewählt, und bei einer Sportgala vorgestellt werden. Auch sollte eine Unterschriftenaktion dazu beitragen, dass der ausgewählte Text offiziell zugelassen wird.

Der Siegertext aus über 7.000 Einsendungen, „Viva España!“ (“Es lebe Spanien“), stieß in der Öffentlichkeit und Politik aber auf breite Ablehnung, die größte spanische Sportzeitung „Marca“ betitelte das Stück etwa als „Totgeburt“.

Im Jahr 2018 unternahm die Popsängerin Marta Sánchez dann wieder einen Anlauf, der vom damaligen Ministerpräsident Mariano Rajoy euphorisch gelobt wurde. Allerdings stieß sie bei Musikerkollegen und in der Medienlandschaft eher auf Ablehnung. Im selben Jahr präsentierte der spanischer Musiker, Musikproduzent und Songwriter Alejandro Abad einen weiteren Textvorschlag – ebenfalls ohne Erfolg.

EM 2024: Wie heißen die Nationalhymnen der 24 Teilnehmer?

Beim Auftaktspiel der EM gab es in puncto Nationalhymnen gleich eine Besonderheit: Da Schottland Teil von Großbritannien ist, ist „God save the King“ die offizielle Nationalhymne. Bei Spielen der Fußball- oder Rugby-Nationalmannschaft wird aber in der Regel eine der drei (!) inoffiziellen Hymnen gespielt, und üblicherweise „Flower of Scotland“ (Blüte Schottlands). Und wie sieht es bei den anderen Nationen aus? Ein Überblick:

  • Albanien: Himni i Flamurit (Hymne an die Flagge). - Textauszug: „Gott selbst sagte, dass Nationen von der Erde schwinden, doch Albanien wird bestehen, dafür, dafür kämpfen wir.“
  • Belgien: La Brabanconne (Das Lied von Brabant). - „Oh liebes Land, oh Belgiens Erde, Dir unser Herz, Dir unsere Hand, Dir unser Blut.“
  • Dänemark: Der er et yndigt land (Es gibt ein liebliches Land). - „Das Land ist noch immer schön, denn blau umgürtet es die See, und das Laub grünt so frisch, und edle Frauen, schöne Mädchen, Männer und flinke Knaben, bewohnen die Inseln der Dänen.“
  • Deutschland: Lied der Deutschen. - „Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland!“
  • England: Derzeit: God save the King (Gott schütze den König). - „Oh Herr, unser Gott, steh ihm bei, zerstreue seine Feinde und bring sie zu Fall, vereitle ihre Winkelzüge, durchkreuze ihre schurkischen Pläne.“
  • Frankreich: Marseillaise (auch: Kriegslied für die Rheinarmee). - „Hört ihr auf den Feldern die grausamen Krieger brüllen? Sie rücken uns auf den Leib, Euren Söhnen, Euren Ehefrauen die Kehlen durchzuschneiden!“
  • Georgien: Tawisupleba (Freiheit). - „Meine Heimat ist meine Ikone, und die ganze Welt ist ihr Schrein, glänzendes Berg- und Tiefland teilen wir mit Gott.“
  • Italien: Fratelli d’Italia (Brüder Italiens). - „Lasst uns die Reihen schließen, wir sind bereit für den Tod.“
  • Kroatien: Lijepa nasa domovino/Lijepa nasa (Unser schönes Heimatland/Unsere Schöne). - „Blaues Meer, sage der Welt, dass der Kroate sein Volk liebt.“
  • Niederlande: Het Wilhelmus (“Der Wilhelm“). - „Wilhelm von Nassau bin ich, von deutschem Blut, dem Vaterland getreu bleib’ ich bis in den Tod.“
  • Polen: Mazurek Dabrowskiego (Dabrowski-Marsch). - „Noch ist Polen nicht verloren, so lange wir leben. Was uns fremde Übermacht nahm, werden wir uns mit dem Säbel zurückholen.“
  • Portugal: A Portuguesa (Die Portugiesische). - „Zu den Waffen, zu den Waffen! Kämpfen für das Vaterland!“
  • Österreich: Bundeshymne. - „Heimat großer Töchter und Söhne, Volk, begnadet für das Schöne, vielgerühmtes Österreich.“
  • Rumänien: Desteapta-te, romane! (Erwache, Rumäne!). - „Lieber glorreich in der Schlacht sterben, als wieder Sklaven auf unserem alten Boden zu sein!“
  • Schottland: Flower of Scotland (Blüte Schottlands - siehe oben: eine der drei inoffiziellen Nationalhymnen). - „Oh Blüte Schottlands, wann werden wir wieder Euresgleichen sehen, die Ihr gekämpft habt und starbt, für euer kleines bisschen Hügel und Tal, und getrotzt habt dem Heer des stolzen Edward, und ihn heimwärts schicktet, damit er sich’s überlegt.“
  • Schweiz: Schweizerpsalm. - „Wenn der Alpenfirn sich rötet, betet, freie Schweizer, betet!“
  • Serbien: Boze Pravde (Gott der Gerechtigkeit). - „Gott, verteidige unser Serbien, Frucht fünf Jahrhunderte langen Kampfes, Gott rette, Gott ernähre, serbischen Boden, serbisches Volk!“
  • Slowakei: Nad Tatrou sa blyska (Über der Tatra blitzt es). - „Wer als Slowake fühlt, der soll einen Säbel greifen und zwischen uns stehen.“
  • Slowenien: Naprej zastava slave (Vorwärts, Fahne des Ruhms). - „Vorwärts, Fahne des Ruhmes, auf zum Gefecht, du heldenhaftes Blut, zum Wohl des Vaterlandes soll sprechen das Gewehr!“
  • Spanien: Marcha Real (Königlicher Marsch). - ohne Text.
  • Türkei: Istiklal Marsi (Unabhängigkeitsmarsch). - „Oh Halbmond, ewig sieggewohnt. Scheine uns freundlich und schenke Frieden uns und Glück, dem Heldenvolk, das dir sein Blut geweiht.“
  • Tschechien: Kde domov muj (Wo ist meine Heimat?). - „Im Garten strahlt des Frühlings Blüte, es ist das irdische Paradies für’s Auge! Und das ist das schöne Land, Böhmerland, meine Heimat!“
  • Ukraine: Schtsche ne wmerla Ukrajina (Noch ist die Ukraine nicht gestorben). - „Verschwinden werden unsere Feinde wie Tau in der Sonne, und auch wir, Brüder, werden Herren im eigenen Land sein.“
  • Ungarn: Himnusz (Hymne). - „Gott, segne den Ungarn! (...) Ihm, den lange schon das Unglück zerreißt, bringe fröhliche Jahre!“
  • EM 2024: Welche anderen Länder haben keinen Text bei ihren Nationalhymnen?

    San Marino, Bosnien-Herzegowina und der Kosovo sind übrigens weitere europäische Länder, bei der die Nationalhymnen keinen Text haben.