Besuch in Stuttgart: Hamiltons Rückkehr in eine neue Welt
Stuttgart - Lewis Hamilton und der Mercedes W25, Baujahr 1934, sind gute Freunde. Der Rennfahrer hat den Silberpfeil-Oldie 2009 über den Nürburgring chauffiert, jetzt streichelt er ihm liebevoll übers Cockpit. Im Blitzlicht glitzern die zwei Brillanten in seinem rechten und linken Ohr. „Der Sitz ist wie ein Lounge-Sessel, in dem man es sich vor dem Fernseher bequem macht“, sagt der Engländern bei seinem Kurzbesuch im Mercedes-Benz-Museum. Den McLaren-Mercedes MP 4-23, mit dem er 2008 Weltmeister geworden war, hat er damals persönlich auf dem Wasen abgegeben. Hamilton kennt sich aus in der Mercedes-Welt, er war McLaren-Pilot als der Daimler-Konzern bei dem britischen Team Ende 2009 ausstieg und den Brawn-Rennstall übernahm. „Ich war schon häufig hier“, sagt der 28 Jahre alte Pilot am Montag, „ich empfinde es als Privileg, Teil des großen Ganzen bei Mercedes zu sein.“
Für Hamilton ist es der Antrittsbesuch am Konzernstandort, sein erster PR-Termin als Nachfolger von Schumacher; am Abend wird er als Stargast beim Treffen der Mercedes-Auslandschefs im Museum begrüßt, bevor er noch in der Nacht zurück nach London jettet. Jeden Rennwagen in den heiligen Hallen kennt er – und doch ist es für Mister Hamilton eine Rückkehr in eine neue, veränderte Welt. „Ich schlage ein neues Kapitel der Karriere auf“, sagt er ernst, „mir war klar, dass ich eine riesige Herausforderung annehme.“ Hamilton wechselt vom Topteam und WM-Mitfavorit McLaren zu einer Mannschaft, die um den Anschluss an die Spitzengruppe kämpft. In ein Mittelklasse-Team, in dem es viele Reibungsverluste zwischen den Ressorts gab, wo trotz erstklassiger Ressourcen die Entwicklung im Schneckentempo verlief. „Das unterscheidet mich von den anderen“, betont der Ex-Champion und setzt ein charmantes Lächeln auf, „ich wage diesen Schritt, andere würden in dem Team bleiben, das ein Topauto hat. Ich mache es so, wie es Michael Schumacher gemacht hat, als er zu Ferrari ging.“
Was Schumi in drei Jahren nicht gelungen ist, daran versucht sich bis 2015 der Bursche aus Stevenage – dem ist sonnenklar, dass es nicht damit getan ist, ein bisschen im Simulator zu sitzen, ein paar 1000 Testkilometer abzuspulen und einige Tage mit den Ingenieuren zu plaudern. Die Aufgabe ist um ein Vielfaches anspruchsvoller als einem Fahrschüler mit Rechts-Links-Schwäche das Rückwärts-Einparken beizubringen: Die Lücke von Mercedes auf WM-Platz vier ist deutlich größer als der Vorsprung auf Platz sechs. „Es ist unser Ziel, Rennen zu gewinnen“, sagt Hamilton später in der Lounge und lehnt sich im Sessel zurück, „aber es wird Zeit benötigen, viel Zeit. Ich kenne das Auto nicht und weiß nicht, wo wir ansetzen müssen. Ich stehe seit Wochen in regelmäßigem E-Mail-Kontakt mit dem Team.“
"Mercedes ist eine der wichtigsten Größen im Motorsport weltweit", sagt der neue Chef Wolff
Damit ist der WM-Vierte von 2012 nicht allein, auch sein neuer Chef Toto Wolff muss sich als künftiger Mercedes-Motorsportchef gründlich einarbeiten. „Ich kenne ihn noch nicht, habe aber viel Gutes über ihn gehört“, behauptet Hamilton, nachdem der Konzern am Morgen die Verpflichtung des Österreichers als Nachfolger von Norbert Haug bekannt gegeben hatte. „Toto Wolff hat als Unternehmer, Investor und Motorsport-Manager bewiesen, dass er diesen Sport im Blut hat und die wirtschaftlichen Notwendigkeiten des Geschäftes kennt“, hatte Konzernchef Dieter Zetsche erklärt, „wir werden mit ihm und Niki Lauda unsere Motorsportaktivitäten weiterentwickeln, um unsere Silberpfeile in die nächste Ära zu führen.“
Wolff war in der Geschäftsführung bei Formel-1-Team Williams, zudem ist der Ehemann der einstigen DTM-Pilotin Susie Wolff (geb. Stoddart) als Investor bei DTM-Team HWA – er kennt sich auf beiden Motorsport-Bühnen von Mercedes aus. Allerdings soll das Hauptaugenmerk der Führungskraft auf der Formel 1 liegen; am Rennstall soll sich Wolff ebenfalls beteiligen, es sind von 30 Prozent die Rede. Aufsichtsratschef Lauda soll offenbar zehn Prozent erwerben, Daimler hält die übrigen 60 Prozent. „Mercedes ist eine der wichtigsten Größen im Motorsport weltweit. Ich bin nicht nur großer Fan, sondern auch langjähriger Freund und Begleiter der Marke“, sagte der 41-Jährige, „ich freue mich auf die Herausforderung.“ Das eint die beiden Neuen bei Mercedes. Jetzt müssen Motorsportchef Wolff und Rennfahrer Hamilton nur noch die Kleinigkeit hinbekommen und den Silberpfeil konkurrenzfähig machen, damit er das Markenimage positiv beeinflusst – vielleicht werden Lewis Hamilton und der Mercedes W04, Baujahr 2013, richtig gute Freunde.



