Auf den Spuren von
: Der sanfte Rebell aus dem Remstal

Ex-Zehnkämpfer Siegfried Wentz: Was machen Sportler heute, die Geschichte geschrieben haben?
Von
Jürgen Kemmner
Stuttgart
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Siggi Wentz bei der EM 1986 in Stuttgart.

Pressefoto Baumann

Was machen Sportler heute, die vor vielen Jahren Geschichte(n) geschrieben haben? In unserer Serie gehen wir auf Spurensuche. Heute: Siegfried Wentz (50). Der Zehnkämpfer gewann 1984 Olympia-Bronze und war 1987 Vizeweltmeister, aber Wentz war als Aktiver stets der Athlet im Schatten von Dailey Thompson und Jürgen Hingsen.

STUTTGART. "Salat essen, Wasser trinken, um 20 Uhr ins Bett gehen und Frauen nur aus sicherer Entfernung betrachten - dieser Lebenswandel ist keine Garantie für Topleistungen." Diese sportwissenschaftlich noch unüberprüfte These stammt von Siegfried, genannt Siggi, Wentz, dem Easyrider aus dem Remstal, wie der Zehnkämpfer einst auch genannt wurde. Der Sportler aus Lorch war kein Mann von übertriebener Zurückhaltung. Also lebte er nicht nur für, sondern vielmehr mit seinem Sport - er trainierte hart, aber er fuhr auch leidenschaftlich gerne Motorrad, stand häufig am Flipper oder mit dem Queue am Billardtisch. Und gelegentlich malte er zur Entspannung. Für viele Leichtathletik-Fans war Siggi Wentz deshalb der heimliche Star der Zehnkämpfer, ihr ganz persönlicher König der Athleten - trotz Dailey Thompson, trotz Jürgen Hingsen.

"Wäre ich zehn Jahre früher oder später geboren", sagt der 50-Jährige heute, "ich hätte Olympiasieger werden können." Er sagt es ohne Wehmut oder gar Verbitterung in der Stimme. Er hat diesen Teil seiner Lebensgeschichte so akzeptiert - der Brite Thompson holte bei Großveranstaltungen meist Gold, der Deutsche Hingsen regelmäßig Silber, zudem stellte er zweimal einen Weltrekord auf. Für Wentz blieb da lediglich Bronze übrig.

Wie bei der WM 1983 in Helsinki, bei Olympia 1984 in Los Angeles, bei der EM 1986 in Stuttgart. 1987 wurde Wentz bei der WM mit Silber dekoriert, die Sterne von Thompson und Hingsen strahlten nicht mehr so hell, und viele sahen in dem Lorcher den designierten Olympiasieger 1988. Hätte der Mann nicht zum Vergnügen Fußball gespielt, im Trainingslager in Seoul, dann hätte er sich keinen Bänderriss zugezogen. Olympia ade. "Zufälle entscheiden den Verlauf einer Karriere eben mit", sagt Wentz im Rückblick, "so wie alles gelaufen ist, bin ich zufrieden. Jeder Wettkampf war wie zwei Tage Erlebnispark."

Der Abiturient des Parler-Gymnasiums in Schwäbisch Gmünd sah mit seinen langen Haaren zwar aus wie ein chaotischer Revoluzzer, doch im Grunde seiner Seele war er ein absolut solider Kerl, der über den Tag hinausdachte und sein Leben nach dem Zehnkampf plante. Wentz studierte Medizin - bereits während seiner Karriere hatte er per Los einen Studienplatz in München ergattert - zielstrebig, engagiert, erfolgsorientiert, ganz wie er es im Sport gelernt hatte. "Das war kein Fehler", sagt er, "nicht nur, weil ich dabei meine Frau Susanne kennenlernte."

Nach Ende des Lebens als Sport-Profi und nach erfolgreichem Abschluss des Studiums wurde aus dem coolen Zehnkämpfer Siggi Wentz der seriöse Orthopäde Doktor Siegfried Wentz. Er praktiziert in der Schlüsselbad-Klinik in Bad Peterstal im Schwarzwald, 2009 wurde er dort ärztlicher Leiter und Chefarzt. In der Reha-Klinik stehen 170 Betten, Dr. Wentz ist Chef von etwa 100 Mitarbeitern. "Vieles von dem, was ich im Sport gelernt habe", berichtet er, "ist auch in meinem Beruf wichtig - vor allem Geduld und Hartnäckigkeit."

Nicht nur, weil er häufig mit Sportverletzungen anderer als Mediziner zu kämpfen hat, und weil das deutsche Zehnkampf-Team vor den Spielen 2008 zu einer Olympia-Kur in den Schwarzwald kam, ist der ehemalige Remstäler dem Sport zumindest im Geiste treu geblieben. Selbst ist der "ambitionierte Seniorensportler" (Wentz über Wentz) noch als Jogger oder Radfahrer aktiv, die Leichtathletik betrachtet der Bronzemann dagegen lieber aus sicherer Distanz. "Früher war das noch was, wenn Leichtathletik im Fernsehen lief", bemerkt er, "heute bedaure ich die Schnelllebigkeit in der Schwemme der Live-Programme."

Eines aber hat sich auch Doktor Wentz aus früheren Sportler-Zeiten noch bewahrt - nach Dienstschluss setzt er sich gerne auf seine Maschine und legt sich in die Kurven der Schwarzwald-Sträßchen.