Konfrontation mit einer Atommacht: Konflikt mit Russland? Deutschland ist schon mitten im hybriden Krieg

Ist das Tischtuch endgültig zerschnitten? Russlands Präsident Wladimir Putin und Bundeskanzler Friedrich Merz (re.).
Vyacheslav Prokofyev/Pool Sputnik Kremlin/AP/dpa- Bundesregierung wertet den Drohnenfund in Leipzig als neue Stufe hybrider Angriffe Russlands.
- Berlin schließt das russische Generalkonsulat in Bonn am 18. September – weitere Schritte folgen.
- Moskau weist Vorwürfe zurück, droht Gegensanktionen und erwägt Herabstufung der Beziehungen.
- Deutschland rechnet mit weiteren hybriden Attacken – Artikel 4 der Nato bleibt Option.
- EU plant neues Sanktionspaket, Nato stärkt Abschreckung; Ermittlungen der Bundesanwaltschaft laufen.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Für die Bundesregierung bedeutet der Drohnen-Angriff von Leipzig eine „neue Qualität“ der hybriden Kriegsführung Russlands gegen Deutschland. Sie hat mit harten diplomatischen Maßnahmen reagiert, um noch vor Abschluss der Ermittlungen des Generalbundesanwalts zu zeigen, dass man sich das nicht gefallen lässt. Die Konfrontation mit Russland verschärft sich damit. Wo das hinführt, ist völlig offen.
War ist der Anlass für die Gegenmaßnahmen?
Knapp einen Monat ist es jetzt her, dass eine Drohne mit Sprengstoff am Flughafen Leipzig/Halle gefunden wurde. Das Fluggerät sollte den polizeilichen Ermittlungen zufolge ein ukrainisches Antonov-Frachtflugzeug angreifen, das für den Transport von Rüstungsgütern genutzt wird. Der Anschlag misslang, der Zünder der Bombe war offenbar defekt.
Neben der ersten Drohne, die in der Nacht des 4. August am Flughafen gegen 23.42 Uhr entdeckt wurde, soll eine zweite Drohne kurz darauf, um etwa 00.03 Uhr, mit einem DHL-Frachtflugzeug kollidiert sein. Die Maschine hatte aufgrund der sofortigen Sperrung des Flughafens nach dem Fund der ersten Drohne eine Landung in Leipzig abbrechen müssen und war durchgestartet.

Eine ukrainische Frachtmaschine vom Typ Antonow AN-124 steht am 5. August 2026 auf dem Flughafen Leipzig/Halle. Nach dem nächtlichen Drohnen-Vorfall haben Spezialisten der Bundespolizei eine Drohne mit einer Sprengvorrichtung entschärft.
Hendrik Schmidt/dpaWann greift die Vergeltung?
Nach und nach. Für die Schließung des russischen Generalkonsulats in Bonn gibt es einen festen Termin, den 18. September. Sie hat unmittelbare Auswirkungen für russische Staatsbürger in Deutschland, die nun zentral von Berlin aus konsularisch betreut werden.
Für andere Maßnahmen gibt es noch keinen genauen Zeitplan. Das Vorgehen gegen die Schattenflotte soll erst mit den Verbündeten beraten werden und dann auch nicht angekündigt werden. Die Bundesregierung setzt auf den Überraschungseffekt.
Wie reagiert Russland?
Der Kreml weist die Anschuldigungen zurück, beklagt fehlende Beweise und hält den ganzen Vorfall für eine billig inszenierte Provokation, um Militärausgaben in Deutschland und Milliarden für die Ukraine zu rechtfertigen. Angekündigt sind Gegensanktionen. Wie hart diese ausfallen, ist nicht klar. Im Gespräch ist etwa die Schließung des Goethe-Instituts in Moskau und des Generalkonsulats in St. Petersburg.
Im russischen Außenministerium wird auch überlegt, ob die diplomatischen Beziehungen herabgestuft werden sollten. Der Vizechef des nationalen Sicherheitsrates, Dmitri Medwedew, meint, dass Deutschland sich mit seiner „russlandfeindlichen Politik“ eine echte Bestrafung verdient habe. Konkret nennt der Ex-Präsident „direkte Schläge“ gegen Rüstungsbetriebe in Deutschland, die Militärgüter an die Ukraine liefern.

Vor dem russischen Außenministerium fahren Autos am Smolenskaja-Platz im Stadtzentrum Moskaus.
Ulf Mauder/dpaKann sich die Lage weiter hochschaukeln?
Das hängt zunächst von Russland ab. Werden die deutschen diplomatischen Maßnahmen mit vergleichbaren russischen vergolten, würde das von deutscher Seite als eine erwartbare Reaktion ohne weitere Eskalation gewertet. Würde Russland darüber hinausgehen, würde sich die Eskalationsspirale weiterdrehen. Dann könnte sich auch Deutschland veranlasst fühlen, erneut zu reagieren. Das wäre zum Beispiel der Fall, wenn Russland seinen Botschafter aus Berlin abziehen würde, statt nur deutsches Botschaftspersonal auszuweisen.
Die Spannungen zwischen Deutschland und Russland verschärfen sich seit Jahren. Schon vor der neuen Eskalation haben beide Seiten gegenseitig Konsulate geschlossen und Diplomaten ausgewiesen. Auch über einen Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu Berlin wird in Moskau laut nachgedacht. Der Kreml wirft Deutschland vor, zu eskalieren. Es gebe in Berlin die Angst, dass Russland den Krieg in der Ukraine gewinnen könnte, deshalb werde der Einsatz immer höher, heißt es in Moskau.

Der stellvertretende Vorsitzende des russischen Sicherheitsrates, Dmitri Medwedew, hat Deutschland massiv mit Militärschlägen gedroht, nachdem die Bundesregierung am 1. September 2026 offiziell Russland für einen versuchten Anschlag mit einer Sprengstoff-Drohne am Flughafen Leipzig/Halle verantwortlich gemacht hat.
Ekaterina Shtukina/Pool Sputnik/dpaIst mit weiteren Angriffen Russlands zu rechnen?
Die Bundesregierung stellt sich auf weitere hybride Angriffe ein - also etwa Cyberattacken auf kritische Infrastruktur oder Drohnen-Angriffe wie den von Leipzig. Sollten die Angriffe wie im Fall Leipzig erneut eine neue Qualitätsstufe erreichen, würde die Bundesregierung auch darauf reagieren. Sie hat bewusst noch Luft nach oben gelassen.
So ist Kanzler Friedrich Merz nicht selbst vor die Kameras getreten, sondern hat das seine Minister machen lassen. Auch Artikel 4 der Nato - Beratungen des Bündnisses, wenn sich ein Staat von außen gefährdet sieht - liegt beispielsweise noch im Instrumentenkasten.
Was bezweckt Russland mit den verstärkten hybriden Angriffen?
Aus Sicht der Bundesregierung reagiert Russland damit auf ukrainische Erfolge im Abwehrkampf gegen Russland, der von Deutschland mit Waffenlieferungen massiv unterstützt wird. Russland habe darauf keine strategische Antwort, heißt es dazu in den deutschen Regierungskreisen. „Der Strategieersatz ist Eskalation. Vertikal in der Ukraine, horizontal durch hybride Angriffe.“

Eine Drohne der Polizei ist am 5. August 2026 über einer Flugzeugtragfläche auf dem Leipziger Flughafen zu sehen.
Hendrik Schmidt/dpaIst Deutschland im Krieg mit Russland?
Früher haben Staaten sich formell den Krieg erklärt. In der modernen Kriegsführung gibt es das nicht mehr. Deswegen dauert es auch manchmal eine Weile, bis eine militärische Auseinandersetzung in den Medien und von Regierungen als Krieg bezeichnet wird. Außerdem gibt es neben dem klassisch-militärisch mit Panzer und Raketen geführten Krieg die bereits erwähnte hybride Kriegsführung wie in Leipzig.
Vor diesem Hintergrund beantwortete Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) am Dienstag (1. September) die Frage, ob Deutschland sich im Krieg befindet, zweideutig: „Wir befinden uns nicht im Krieg, aber wir sind tägliches Ziel hybrider Kriegsführung.“ So ähnlich hatte es bereits vor dem Drohnen-Angriff auch der Kanzler gesagt: „Wir befinden uns nicht im Krieg, aber auch nicht mehr im Frieden.“
Warum verkündigt Berlin seine Reaktion am 1. September?
Das Datum für die Verkündigung der Gegenreaktion ist wohl nur der Terminplanung der Bundesregierung geschuldet. Möglicherweise hatte die Terminierung rein organisatorische Gründe: Bundesminister haben einen vollen Terminplan und die Regierung hatte sich mit einer öffentlichen Antwort auf den Drohnenvorfall Zeit gelassen.
Dennoch hätten die Verantwortlichen - darunter auch Deutschlands Chefdiplomat, Bundesaußenminister Johann Wadephul - bedenken müssen: Der 1. September ist ein in der deutsch-russischen Geschichte historisch belastetes Datum. Am 1. September 1939 um 5.45 Uhr begann offiziell der Zweite Weltkrieg mit dem Angriff der deutschen Wehrmacht auf Polen. An diesem Tag wandte sich Adolf Hitler in einer Rundfunkansprache an die deutsche Bevölkerung und sprach den berühmt-berüchtigten Satz: „Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen!"

Wehrmachtssoldaten reißen Schlagbäume an der deutsch-polnischen Grenze nieder, als Nazi-Deutschland am 1. September 1939 in Polen einmarschiert.
Imago/United Archives KeystoneAm 22. Juni 1941 weitete Nazi-Deutschland mit dem „Unternehmen Barbarossa“ den Krieg auf die Sowjetunion aus. Mehr als drei Millionen deutsche Soldaten und rund 600.000 Verbündete überschritten ohne Kriegserklärung auf breiter Front von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer die Grenze. Das Ziel des Überfalls war ein rassistischer und ideologischer Vernichtungskrieg zur Eroberung von „Lebensraum im Osten“ und zur Zerschlagung des „jüdischen Bolschewismus“.

Deutsche Infanterie beim Kampf um das Rüstungswerk Rote Barrikade in Stalingrad (Archivfoto vom Herbst 1942).
Imago/TTZur Erinnerung: Die Russische Föderation ist im Völkerrecht der Rechtsnachfolger der Sowjetunion. Rund 27 Millionen Sowjetbürger kamen im Krieg gegen das nationalsozialistische Deutschland 1941 bis 1945 ums Leben. Dies ist die höchste Zahl an Todesopfern, die ein einzelner Staat in diesem Konflikt zu beklagen hatte.
Was meint hybrider Krieg?
Verteidigungsminister Boris Pistorius warnt schon seit langem vor einer hybriden Bedrohung Deutschlands durch mehr oder minder verdeckte russische Kriegsführung auf Geheiß von Kremlchef Wladimir Putin. „Putin greift hybride an, und Deutschland ist dabei besonders im Fokus. Er kennt uns gut, Putin weiß, wie er Nadelstiche bei uns setzen muss“, erklärte der SPD-Politiker bereits im Dezember 2024.

Boris Pistorius, Bundesminister der Verteidigung, aufgenommen bei einem Besuch des Gefechtsschiessens der 2. Kompanie des Panzergrenadierbataillons 122 mit Schützenpanzern Puma auf dem Truppenübungsplatz in Altengrabow am 26. Januar 2023.
Imago/PhotothekDas Bundesverteidigungsministerium definiert hybride Kriegsführung als „Kombination aus klassischen Militäreinsätzen, wirtschaftlichem Druck, Computerangriffen bis hin zu Propaganda in den Medien und sozialen Netzwerken“. Ziel der Angreifer sei es, „nicht nur Schaden anzurichten, sondern insbesondere Gesellschaften zu destabilisieren und die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Offene pluralistische und demokratische Gesellschaften bieten hierfür viele Angriffsflächen und sind somit leicht verwundbar.“
Pistorius betont, es sei wichtig, dass sich Deutschland hierfür wappne. „Wir müssen uns vorbereiten, um uns Putins Bedrohung selbstbewusst entgegenstellen zu können. Wenn wir die Bedrohung ignorieren, weil sie uns Unbehagen bereitet, wird sie nicht kleiner, sondern größer.“ Es gehe um Angriffe auf Infrastruktur und Energieversorgung, um Aktivitäten in Nord- und Ostsee sowie Regelverstöße im Luftraum.
Wird Friedrich Merz jetzt vom „Außen-“ zum „Kriegskanzler“?
Formal geht seit dem Jahr 1956 mit der Verkündung des Verteidigungsfalls die Befehls- und Kommandogewalt über die Bundeswehr automatisch vom Bundesverteidigungsminister auf den Bundeskanzler über. Geregelt ist dieser Akt der Machtübernahme im Verteidigungsfall in Artikel 115b Grundgesetz (GG).
Der Bundeskanzler vereinigt in diesem Fall die politische und militärische Entscheidungsgewalt in seiner Person. Diese Regelung wird auch „Lex Churchill“ genannt, weil der britische Premier Winston Churchill (1874-1965) im Zweiten Weltkrieg ebenfalls Regierungschef und Oberbefehlshaber in einer Person war.
Wie Artikel 115b GG im Falle eines hybriden Krieges interpretiert wird, ist noch ungeklärt. Bis dato würde diese Regelung nur für den Fall eines offenen militärischen Konflikts greifen.
Wie sieht das der Kreml?
Moskau sieht sich längst klar im Krieg mit dem Westen und den Nato-Staaten, die die Ukraine mit Waffen und Milliarden unterstützen. Der russische Außenminister Sergej Lawrow meinte einmal, bei den Kampfhandlungen in der Ukraine handle sich um einen Stellvertreterkrieg. Die westlichen Staaten benutzten dabei die Ukraine, um Russland möglichst eine „strategische Niederlage“ beizubringen.
Kremlchef Wladimir Putin betont immer wieder und teils unter Verweis auf Moskaus Atomwaffen, dass Russland - wie im Zweiten Weltkrieg - auch diesmal einen Sieg davontragen werde.

Moskau sieht sich längst klar im Krieg mit dem Westen und den Nato-Staaten, die die Ukraine mit Waffen und Milliarden unterstützen. Der russische Außenminister Sergej Lawrow meinte einmal, bei den Kampfhandlungen in der Ukraine handle sich um einen Stellvertreterkrieg.
Imago/ABACAPRESSWas macht der Generalbundesanwalt?
Die Ermittlungen der Bundesanwaltschaft laufen unterdessen weiter. Als oberste Strafverfolgungsbehörde Deutschlands liegt ihr Fokus auf der Verfolgung konkreter Straftaten. Also darauf, das Tatgeschehen aufzuklären, einzelne Verdächtige zu identifizieren und diese gegebenenfalls festnehmen zu lassen und anzuklagen. Zu einem möglichen russischen Auftrag des Drohnen-Angriffs wollte sich die Bundesanwaltschaft bisher nicht äußern.
Wie reagiert die EU?
Die EU bereitet eine politische und wirtschaftliche Antwort vor. Nach Angaben der Außenbeauftragten Kaja Kallas ist bereits seit längerem ein neues Sanktionspaket in Planung, mit dem rund 1600 weitere Personen und Unternehmen mit Verbindungen zum russischen militärisch-industriellen Komplex getroffen werden könnten.
Zudem beraten die Außenminister über mögliche zusätzliche Maßnahmen, etwa ein schärferes Vorgehen gegen die russische Schattenflotte. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen stellt klar, dass die EU den Anschlagsversuch nicht tolerieren und ihre Unterstützung für die Ukraine trotz russischer Einschüchterungsversuche fortsetzen will.

Flaggen der Europäischen Gemeinschaft und der Nato.
Francisco Seco/AP/dpaWas plant die Nato?
Die Nato stellt sich demonstrativ an die Seite Deutschlands. Generalsekretär Mark Rutte spricht von einer eindeutigen Beweislage und kündigt an, die Abschreckungs- und Verteidigungsfähigkeit des Bündnisses weiter zu stärken. „Die Gefahren, die von Russland ausgehen, sind eindeutig“, sagt er am Mittwoch (2. September) am Rande eines Treffens mit Kommissionspräsidentin von der Leyen. Man arbeite rund um die Uhr daran sicherzustellen, dass man vorbereitet sei und die Bevölkerung schützen könne. (mit dpa-Agenturmaterial)
