Ermittlungen: Zugtür im ICE bei Tempo 200 entriegelt – wie ist das möglich?

Immer wieder Probleme mit dem Fernverkehr der DB (Symbolbild/Archiv).
IMAGO/Jochen Tack- ICE-Tür öffnete sich bei Tempo 200 bei Karlstadt – Bundespolizei sucht den Täter.
- Unbekannter zertrümmerte Plexiglasabdeckung und betätigte die mechanische Notentriegelung.
- Türen sind während der Fahrt elektronisch und pneumatisch verriegelt, zusätzlich druckdicht.
- Offene Tür erzeugte starken Sog, Einsatzkräfte suchten stundenlang die Strecke ab.
- Polizei erfasste Daten von etwa 120 Betroffenen; Missbrauch von Nothilfemitteln ist Straftat.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Moderne Hochgeschwindigkeitszüge gelten als technologische Meisterwerke. Wenn ein ICE mit 200 Kilometern pro Stunde über die Schienen gleitet, gehen die meisten Reisenden selbstverständlich davon aus, dass die Türen hermetisch verriegelt sind. Der Vorfall im unterfränkischen Karlstadt im ICE 528 auf dem Weg von München nach Dortmund hat jedoch viele Menschen verunsichert: Wie ist es überhaupt möglich, dass eine Waggontür bei Reisegeschwindigkeit aufspringt? Normalerweise sorgt eine ausgeklügelte Kombination aus Sensorik und Mechanik dafür, dass ein Öffnen der Türen während der Fahrt physikalisch und technisch unmöglich ist.
Sobald ein Zug anfährt und eine Geschwindigkeit von wenigen Kilometern pro Stunde überschreitet, greift die automatische Türblockierung. Die Schlösser verriegeln elektronisch und pneumatisch. Bei ICE-Zügen kommt zusätzlich eine druckertüchtigte Dichtung zum Einsatz: Aufblasbare Gummilippen pressen sich fest an den Türrahmen. Dieses System schützt die Fahrgäste vor den enormen Druckwellen bei Tunneleinfahrten oder bei Begegnungen mit entgegenkommenden Zügen.
Notentriegelung im ICE
Trotz aller Automatisierung verlangt das Eisenbahnrecht eine Rückfallebene für den absoluten Ernstfall. Wenn ein Zug brennt, nach einer Entgleisung der Strom ausfällt oder eine sofortige Räumung im Gleisbett notwendig wird, müssen Passagiere den Zug ohne Hilfe von außen verlassen können. Deswegen verfügt jede Zugtür über eine mechanische Notentriegelung. Dieser Nothahn trennt die Tür physisch von der Druckluft und entriegelt das Schloss mechanisch, ganz ohne Strom.

Fahrgäste eines ICE werden von der Polizei und Hilfskräften versorgt. Auf der Fahrt von München nach Dortmund öffnete sich aus bislang ungeklärter Ursache eine Tür im hinteren Zugteil.
Pascal Höfig/NEWS5/dpaDamit niemand diesen Hebel im Vorbeigehen oder aus Versehen betätigt, liegt er hinter einer dicken Schutzabdeckung aus Plexiglas. Wer an den Mechanismus gelangen will, muss diese Scheibe mit erheblichem Kraftaufwand zertrümmern. Im Fall von Karlstadt geschah genau das: Ein Unbekannter schlug die Schutzscheibe mutwillig ein und betätigte die Notentriegelung.
Sobald der mechanische Verschluss gelöst ist, wirken extreme physikalische Kräfte auf den Waggon. Bei einer Geschwindigkeit von 200 Kilometern pro Stunde strömt die Luft mit gewaltiger Energie an der Außenhaut entlang. Durch den sogenannten Bernoulli-Effekt entsteht an den Außenseiten ein starker Unterdruck. Die Tür wird förmlich aus dem Rahmen nach außen gesaugt.
Missbrauch der Sicherheitsfunktion
Der Missbrauch dieser Sicherheitsfunktion brachte jedoch Hunderte Menschen in akute Gefahr. Durch den plötzlichen Sog können Personen im Eingangsbereich das Gleichgewicht verlieren oder Gegenstände nach draußen gerissen werden. Rund 300 Einsatzkräfte suchten in der Nacht stundenlang mit Hubschraubern, Drohnen und Wärmebildkameras die Gleise ab, um auszuschließen, dass jemand aus dem Zug gestürzt war.
Die Polizei nahm die Personalien der gut 120 Passagiere auf, die im hinteren Zugteil gesessen hatten, und fragte nach Hinweisen und etwaigen Beobachtungen. Die Strecke wurde gegen 2.30 Uhr wieder freigegeben. Der absichtliche oder wissentliche „Missbrauch von Notrufen und Beeinträchtigung von Unfallverhütungs- und Nothilfemitteln“ ist eine Straftat.