Ungewöhnliche Freundschaft: Auf der Jagd mit einer Löwin

Sechs Monate lang zieht Valentin Grüner das Löwenbaby Sirga mit der Flasche auf
Valentin GrünerAls Junges wurde Sirga fast von den älteren Mitgliedern ihres Rudels getötet. Valentin Grüner rettete die Löwin. Seither verbindet die beiden eine einzigartige Beziehung.
Botswana - Kaum öffnet Valentin Grüner die Käfigtür, springt die Löwin auf ihn zu. Mit einem Satz landet die ausgewachsene Raubkatze auf Grüners Oberschenkeln und schlägt ihm die tellergroßen Pranken um den Hals. Sie knurrt und reibt ihren blonden Schopf an seinem. Was auf den ersten Blick bedrohlich scheint, ist eigentlich ein Begrüßungsritual. „Wie andere Katzen haben auch Löwen Markierungsdrüsen hinter den Ohren“, weiß Grüner. „Sie reiben ihre Köpfe aneinander – so wird die Familie etabliert. Sirga hat das schon als Kleine bei mir gemacht.“
Der 28-Jährige aus dem südbadischen Ort Nenzingen kam 2010 nach Botswana. Schon damals hatte er die Idee, in dem südafrikanischen Land ein Forschungsprojekt zu initiieren. Mittlerweile führt er mit dem Dänen Mikkel Legarth das „Modisa Wildlife Project“ – eine Forschungsstation und Schutzzone für Wildtiere aus der Kalahari. Nach seiner Ankunft in Afrika musste er sich jedoch zunächst mit Aushilfsjobs behelfen.
Als Sirga geboren wurde, arbeitete Valentin Grüner gerade auf der Grassland Safari Lodge, am westlichen Rand der Kalahari. Deren Besitzer, William De Graaff, hatte bereits zehn Jahre zuvor mit der Regierung vereinbart, die Löwen auf seinem Privatgelände in einer Auffangstation zu halten, anstatt sie abzuschießen – so, wie es in Botswana noch immer viele Rinderfarmer tun, um ihr Vieh vor den Wildkatzen zu schützen.
Sirga war eines von vier Löwenjungen, die Anfang 2012 in einem Käfig der Auffangstation zur Welt kamen. Als sie zehn Tage alt war, wurden ihre Geschwister von den älteren Tieren des Rudels gerissen. „Es passiert öfter, dass Löwen ihre Jungtiere töten“, sagt Grüner. „Das ist der Lauf der Natur. Die Touristen haben das damals natürlich nicht verstanden, für sie war es ein dramatisches Erlebnis. Deshalb hat William mich darum gebeten, das übrig gebliebene Löwenbaby aus dem Käfig zu holen und mich darum zu kümmern.“
Ihr Futter erlegt Sirga während der Spaziergänge mit Grüner selber
Sechs Monate lang zog Grüner Sirga mit der Flasche auf. Nachts schlief er bei ihr im Käfig. Und noch immer besucht er die Löwin täglich in ihrem 3000 Quadratmeter großen Gehege direkt neben dem Camp des „Modisa Wildlife Project“. Neben Sirga beherbergt die Forschungsstation auf dem Gelände der Grassland Safari Lodge 14 Wildhunde, zwei Leoparden und zwölf Löwen. Zu ihnen ins Gehege kann Sirga aber nicht. „Löwen bringen die Tiere um, die nicht zu ihrem Rudel gehören“, erklärt Valentin Grüner.
Deshalb verbringt er jeden Tag Zeit mit Sirga. Einige Male die Woche gehen die beiden sogar zusammen jagen. Dann holt Grüner die Raubkatze aus ihrem Käfig und spaziert mit ihr stundenlang durch die Kalahari – ohne Halsband oder Leine.
Ihr Futter erlegt Sirga während dieser Spaziergänge selbst. „Wenn sie eine Antilope erlegt hat, spielt sie mit ihr wie die Katze mit der Maus“, berichtet Grüner. „Die Antilopen schreien dann immer fürchterlich. Um es kurz zu machen, schneide ich ihnen die Kehle durch und helfe Sirga beim Zerlegen. Wenn sie sich sattgefressen hat, machen wir uns gemeinsam auf den Heimweg. Sirga geht dann meist voraus. Sie sitzt immer schon in ihrem Käfig, wenn ich im Camp ankomme.“
Damit Sirga auch ohne ihn auf die Jagd gehen kann, plant Grüner, ein etwa zweimal drei Kilometer großes Gelände einzuzäunen. Dort könnte die Wildkatze zusammen mit ein paar Antilopen und einem männlichen Gefährten leben. Die Löwin auszuwildern sei nicht möglich: „Sie hat keine Angst mehr vor Menschen. Wenn ihr jemand zu nahe kommt, würde sie ihn umbringen.“
Ein Gehege, das groß genug ist, damit sich Sirga komplett selbst versorgen kann, käme auch Grüner zugute. Durch die Betreuung der Löwin hatte der 28-Jährige seit drei Jahren keinen Tag mehr frei. „Natürlich bedeutet Sirga viel Arbeit“, sagt er. „Aber ich weiß auch, wie besonders unsere Situation ist. Es gibt nicht viele Leute, die die Gelegenheit haben, mit einem Löwen durch die Kalahari zu spazieren.“