Rentnerparadies
: Ein Dorf als kinderfreie Zone

Wäscheaufhängen im Freien ist in Firhall ebenso verboten wie Nachwuchs unter 16 Jahren.
Von
Jochen Wittmann
Stuttgart
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London - Die Briten haben ein gespaltenes Verhältnis zu Kindern. Der eigene Nachwuchs mag noch angehen, die Brut anderer Leute dagegen ist vielen ein Graus. Ein Dorf in Schottland geht da einen ganz konsequenten Schritt: Kinder sind grundsätzlich verboten. Wer nach Firhall ziehen will, eine Siedlung nahe der Küstenstadt Nairn, muss sich verpflichten, keine Kinder unter 16 Jahre mitzubringen.

Für die einen ist das Dorf ein Rentnerparadies. Für andere ein Ort, wo kinderhassende Monster eine Zuflucht gefunden haben. Wer dort leben will, muss strenge Regeln beachten. Nur Menschen, die älter sind als 45 Jahre, werden zugelassen. In keinem Haus dürfen mehr als drei Erwachsene leben. Die Wäsche draußen aufzuhängen ist ebenso verboten, wie Enten, Hühner oder Stallhasen zu halten. Zwar werden den Einwohnern Haustiere gestattet - maximal ein Hund und eine Katze pro Haushalt. Doch Kinder dürfen in Firhall nicht wohnen.

Die eiserne Regel gehört zum Marketingkonzept der Firma Caledonian Retreats, die die Siedlung 2003 entwickelt hat. Die Aussicht, den Lebensabend ohne die Belästigung durch Minderjährige verbringen zu können, hat sich als Verkaufsschlager erwiesen: Sämtliche 93 Häuser des Projekts sind vergeben, und wenn eines erneut auf den Markt kommt, ist es bald weggeschnappt.

"Kinder sind laut, schlampig und destruktiv"

"Das Besondere an unserem Dorf ist, dass man hier viel langsamer alt wird", schwärmt David Eccles, der Vorsitzende der Firhall-Unternehmensgruppe. Ohne Kinder gebe es Ruhe und Frieden. "Das ist es, was wir suchen." Eine Anwohnerin, die nicht genannt werden will, drückte sich deutlicher aus: "Kinder sind laut, schlampig und destruktiv, aber versuchen Sie das mal den Eltern zu erzählen. Da macht man sie sich gleich zum Feind."

Wenn eine Idylle nur noch als kinderfreie Zone vorstellbar ist, dann wirft das grundsätzliche Fragen für die Gesellschaft als Ganzes auf. Der Sozialwissenschaftler Alan Walker, Professor an der Universität von Sheffield, ist besorgt über die Abgrenzung der Altersgruppen, die in Firhall zu beobachten ist. "Die Beziehungen zwischen den Generationen sind der Baustein für den Zusammenhalt einer Gesellschaft", sagt er. "Wenn man die Ausgrenzung von Kindern oder von Alten antrifft, dann stellt das die soziale Solidarität infrage."

Firhall reiht sich ein in einen Trend, der in den vergangenen Jahren immer stärker wurde: die wachsende Pädophobie der Briten. Schon 2008 warnte eine UN-Kommission vor einem Klima der Intoleranz gegenüber Kindern in Großbritannien.

Eine Umfrage der Kinderschutzorganisation Barnardo's fand heraus, dass 45 Prozent der Briten denken, dass Kinder heutzutage "verwildert" sind und man mehr tun müsse, um die Erwachsenen zu beschützen. Im Land herrscht eine Einstellung, die Jugendliche praktisch unter Generalverdacht stellt. Die Hälfte aller Straftaten, denken die Erwachsenen, geht auf das Konto von Minderjährigen.

Doch das ist falsch: Es sind nur zwölf Prozent. Doch die nationale Psyche wird regelmäßig aufgepeitscht durch Schreckensmeldungen, in denen Kinder die Rolle des Bösewichts übernehmen. Als es vor zwei Jahren zu einer Reihe von Messerstechereien in London mit mehr als 20 Teenageropfern kam, schürten die Massenmedien die Stimmung mit dem Gerede von einer "nationalen Krise" und der "tödlichen Epidemie der Jugendgewalt".

Ausgangssperre für Kinder unter 16

Im Städtchen Redruth in Cornwall kam man auf den Gedanken, eine Ausgangssperre für Kinder unter 16 Jahre zu erlassen, damit sie keinen Unfug anstellen können. Der "Hoodie", der kapuzenverhüllte Jüngling, wird zum Gesellschaftsfeind aufgebaut. Man fürchtet sich vor jugendlichen "Happy Slappern", die wahllos Leute zusammenschlagen, um die böse Gaudi mit ihren Handy-Kameras zu filmen.

"Wir sind nicht naiv", sagt der Kinderschützer Martin Narey. "Wir wissen, dass eine Minderheit von Kindern antisozial ist und Verbrechen begeht. Aber die große Mehrheit ist anständig, enthusiastisch, sozial und gewissenhaft", versichert der Direktor von Barnardo's.

Das sieht man nicht nur in Firhall anders: Zwei weitere kinderlose Dörfer sind in Großbritannien geplant.